Musik
Für den Erfolg opfern Coldplay ihre Seele

Das neue Album «Music Of The Spheres» der britischen Superband ist eine seltsam überfrachtete Enttäuschung.

Steffen Rüth
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Für die britische Band Coldplay ist die Welt nicht genug.

Für die britische Band Coldplay ist die Welt nicht genug.

Das neue Studioalbum von der britischen Pop-Rockband Coldplay unterlag bis kurz vor der Veröffentlichung allerstrengster Geheimhaltung. Nur ausgewählte Medienvertreter, die bereit waren, ein umfangreiches und teilweise absurdes Vertragswerk zu unterschreiben, durften «Music Of The Spheres» vorab hören.

Das neunte Studioalbum der vier Engländer Chris Martin, Jonny Buckland, Guy Berryman und Will Champion lässt die Hörerschaft an einen dieser Kindergeburtstage denken, bei dem die Eltern aber mal wirklich so alle Register ziehen wollen: Es gibt einen Clown, einen Zauberer, einen DJ, eine Hüpfburg, den ganzen Spielkram, der sowieso schon im Garten rumliegt, ein Monsterbuffet mit süssem Glibberzeug, Smarties-Muffins, Burgern und Würsten, zwischendurch wird noch schnell ein Alpaka durch den Garten geschleift – und am Ende sitzt der junge Mensch überreizt und verstört in der Ecke, möchte am liebsten sofort den Lieblingsschlafanzug anziehen und vor allem: seine Ruhe.

So gut wie nichts erinnert an die alten Coldplay

Die Platte, netto nach Abzug von drei Einsprengseln aus neun Songs bestehend, überwältigt kolossal. Aber, das gleich mal vorweg, sie begeistert nicht und berührt auch nicht besonders. So gut wie nichts erinnert an die alten Coldplay, die im Jahr 2000 mit dem Album «Parachutes» und Songs wie «Yellow» mit Melancholie und lyrischer Kraft überzeugten. Die ersten beiden Platten boten quasi Gedichte in Liedform, man schloss die etwas ungelenk wirkenden Ex-Studenten mit ihren überlebensgrossen Gefühlen sogleich ins Herz und wunderte sich höchstens ein bisschen, wie diese scheinbar so kleine Band zu einer der erfolgreichsten der Welt avancieren konnte.

Doch dann begannen die vier Musiker, Abzweigungen zu nehmen. Eine künstlerische Entwicklung freilich sei jeder Band gegönnt, doch viele der frühen Coldplay-Fans hatten den Eindruck, dass diese quasi zu ihren Lasten geht, und wandten sich ab. Andere kamen dagegen hinzu, als Coldplay mit dem hymnischen «Viva La Vida» 2008 ihre erste Nummer eins in den USA feierten, oder später 2015 auf «Hymn For The Weekend» eine gewisse Beyoncé mitsingen liessen. Zuletzt, 2019, wagten sie mit dem experimentellen und introvertierten Album «Everyday Life» noch einmal ein kleines besinnliches Zwischenspiel. Doch nun packen die Engländer nicht nur den Hammer aus, sondern alle anderen verfügbaren Werkzeuge gleich mit.

Für das Album imaginäres Planetensystem kreiert

Das Lied «Higher Power» ist seit Wochen in einem TV-Werbespot für Elektroautos zu hören. Es passt dazu, dass die vorab veröffentlichte Single ihre Premiere auf der internationalen Raumstation ISS feierte. Die Erde ist dieser Band definitiv zu eng geworden. Sie kreierte für «Music Of The Spheres» ein imaginäres Planetensystem, das mit reichlich audiovisuellem Klamauk eingeführt wurde und am 15. und 16. Oktober in der – zusammen mit Amazon Music verwirklichten – Installation «The Atmospheres» in Berlin und anderen Orten begutachtet werden kann. Aber wenn Intro und «Higher Power» mal verklungen sind, wird das auch sehr schnell egal.

Stattdessen fallen der etwas hohle Pomp sowie der megamassive Einsatz von Synthesizern auf, mit denen nicht nur, aber auch das Stück «Humankind» zugekleistert wird. Die Nummer, in der es irgendwie um die Menschlichkeit der Menschen geht, riecht nach Plastik, erinnert an den amerikanischen Superstar The Weeknd und lässt die Älteren aber immerhin an «Jump» von van Halen oder die Stadionrockphase von Bruce Springsteen denken.

Auch das Pop-Magazin «Rolling Stone» kritisiert die Band. Coldplay hätte «ihre künstlerische Idee, ihr musikalisches Leitbild zu Gunsten eines planlosen Zusammenquirlens von Popstandards und Performance-Trends vollkommen aufgegeben».

Seele? Eher Fehlanzeige. Auf die Spitze aber treibt man das collagenartige Konzept mit «People Of The Pride». Der Song klingt, als hätten Coldplay versucht, alle etwa 5783 Musikgenres dieser Welt in dreieinhalb Minuten zusammenzufassen. Ein bisschen Hard Rock, ein bisschen Synthie, ein bisschen alles und doch nichts. Vor allem liegt der Kern von Coldplay unter all dem verschüttet.

Mit mathematischen Formeln zum Erfolg

Ob dieses Lied nun nach dem Zufallsprinzip zusammengestückelt wurde oder komplett und detailliert durchdacht ist? Beides ist möglich. Denn der Produzent von «Music For The Spheres» ist ein Genie. Max Martin, nicht verwandt mit Chris, war verantwortlich für «Baby, One More Time» von Britney Spears, «I Want It That Way» von den Backstreet Boys oder «Shake It Off» von Taylor Swift. Der Schwede mit Wohnsitz Los Angeles arbeitet mit mathematischen Formeln, um seinen Kompositionen und Produktionen zu maximalem Effekt, sprich kommerziellem Triumph, zu verhelfen.

Auch gibt es Kollaborationen, und sie machen den Anschein, als hätte man sich gezielt Zustimmung und Reichweite dazugekauft. Ex-Teenie-Star Selena Gómez singt mit Chris Martin ein vergleichsweise zurückhaltendes und ganz schönes, am Rande an «Everything I Do» von Bryan Adams anknüpfendes, Trennungslied namens «Let Somebody Go». Und Chris reiste sogar eigens nach Seoul, um mit den sieben komplett durchgestylten K-Pop-Boys von BTS, der global gerade wohl erfolgreichsten Popband der irdischen Welt, das supereingängige, konsequent überzuckerte, doch ganz charmante «My Universe» einzusingen.

Kann man machen. Der Erfolg ist garantiert. In der ersten Stunde nach Veröffentlichung wurde das Video auf Youtube jedenfalls mehr als 2,5 Millionen Mal aufgerufen. Und in den US-Charts schoss «My Universe» vergangene Woche direkt auf Platz eins. Auch der Song «Biutyful» ist nicht bloss von der Schreibweise her originell. Chris Martin singt hier im Duett mit seiner von der Software Auto-Tune verfremdeten, megahohen Alien-Stimme. Die Achtjährigen, so sie noch bei Bewusstsein sind, werden diesen Teil bestimmt lieben.

Am Schluss überraschendes Versöhnungsangebot

«Music Of The Spheres» ist überreich an Facetten, aber arm an Nuancen. Dazu lyrisch fast durchgängig enttäuschend trivial. Doch nach dem ganzen Remmidemmi machen die vier Musiker denjenigen Fans, die sie vor Jahren schon verprellt hatten, ein überraschendes Versöhnungsangebot. Der Song «Coloratura», 10 Minuten und 18 Sekunden lang, ist ein liebevoll verspieltes und entspannend zartes Mini-Musical mit all jener emotionalen Tiefe und Wärme drin, die man dem Rest des Albums aus unerfindlichen Gründen abgepresst hat. Ob Coldplay seine alten Fans zurückgewinnen kann, muss stark bezweifelt werden.

Coldplay: Music Of The Spheres (Warner).

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