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Ein Leben in Armut, am Rand der Gesellschaft ohne Verständnis

Ueli Bräker war vieles: Bauer, Soldat, Deserteur. Die Nachwelt kennt ihn aber vor allem als «der arme Mann aus dem Tockenburg». Nun lebt Bräker in einem Freilichtspiel der Bühne Thurtal auf. Autor Paul Steinmann interessiert vor allem Bräkers Gespaltenheit.
Hansruedi Kugler
An einer Probe am Originalschauplatz vor dem Jugendhaus Bräkers: Maler Josef Reinhard (rechts), hinten Ueli Bräker als 55-Jähriger, vorne Nachbar Guschti. (Bild: Michael Hug)

An einer Probe am Originalschauplatz vor dem Jugendhaus Bräkers: Maler Josef Reinhard (rechts), hinten Ueli Bräker als 55-Jähriger, vorne Nachbar Guschti. (Bild: Michael Hug)

Ueli Bräker war Toggenburger Kleinbauer, Soldat im Dienste des preussischen Königs, Deserteur, dann wieder im Toggenburg Salpetersieder, Bauer sowie Garn- und Tuchhändler. Vor allem aber kennt man ihn wegen seiner einzigartigen «Lebensbeschreibung des armen Mannes aus dem Tockenburg» aus dem Jahr 1788, das einen einzigartigen Einblick in das Leben der ländlichen Unterschicht im 18. Jahrhundert gibt. Der Zürcher Autor und Regisseur Paul Steinmann hat im Auftrag der Bühne Thurtal ein Freilichtspiel über Ueli Bräkers Leben geschrieben.

Paul Steinmann, im Toggenburg gibt es viele, die nicht mehr mit Bräker in Verbindung gebracht werden wollen, weil sie ihre Region nicht als Armenhaus sehen.

Ja, das kann ich verstehen. Es kann unangenehm sein, immerzu auf einen Typus und hier speziell auf das Bild der Armenregion reduziert zu werden.

Sie haben trotzdem den Auftrag zum Stück über Ueli Bräker angenommen. Was finden Sie an ihm interessant?

Seine Lebensbeschreibung ist unglaublich vielschichtig und facettenreich. Ich habe ja keine sozialpolitische Anklage oder ein Stück über die Armut geschrieben. Als Theaterautor war für mich die Herausforderung, wie man ein solches Leben darstellen kann.

Und wie lösen Sie diese Herausforderung?

Meine Idee war: Ueli erzählt sein Leben in einer chronologischen Abfolge, das dann aus der Erinnerung heraus vor dem Publikum immer wieder zu lebhaften Szenen wächst und so dem Stück seinen Rhythmus gibt. Es werden insgesamt fünf verschieden alte Uelis auftreten.

Wem erzählt er sein Leben?

In meinem Stück ist es der Trachtenmaler Josef Reinhart, der ihn und seine Frau 1793 für eine Serie mit Schweizer Trachten gemalt hat. Weil Bräker zunächst verkrampft dasitzt, fordert ihn Reinhart auf, aus seinem Leben zu erzählen. Das löst die Erinnerung und Bräker geniesst es, wieder einmal einen interessierten Zuhörer zu haben. Wir alle kennen ja solche Situationen.

Sie haben vieles von Bräker gelesen. Was für einen Eindruck bekamen Sie von ihm?

Er war ein innerlicher Mensch. Da war nicht viel Action in seinem Leben, er hat viel gelesen, nachgedacht, geschrieben. Besonders spannend fand ich die Frage, wie er sein Leben ausgehalten hat. Ein Leben in Armut, am Rand der Gesellschaft, mit einer Familie, die kein Verständnis für seine Literatur hatte. Wie also empfindet und verhält sich einer, der seine Selbstverwirklichung behindert sieht? Das fand ich interessant. Einer, der sich ständig Vorwürfe macht und in dieser Gespaltenheit lebt. Bräker schwankt ja zwischen Euphorie und Niedergeschlagenheit.

So gesehen ist er ein psychologisch moderner Mensch. Einer, der über seinen Stand hinaus will, sich seine Ambition aber als Eitelkeit vorwirft. Er quält sich selbst.

Genau. Und von aussen, vor allem von seiner Frau Salome, kommt zudem der Vorwurf, er vernachlässige wegen seiner unnützen Schreiberei seine Familie.

Bräker beschrieb Salome als einen Hausdrachen. Ist sie das in Ihrem Stück auch?

Da kommt man fast nicht darum herum. Es gibt über Salome nur den Bericht von Ueli Bräker. Und weil ich mich nah an die Vorlage gehalten habe, ist Salome auch in meinem Stück ein Hausdrachen. Sie hat aber auch zarte Seiten. Letztlich lässt sie ihn schreiben und in einer berührenden Szene stehen sie zusammen am Grab ihrer zwei ersten Kinder. Sie hatten also auch Momente inniger Vertrautheit.

Bräker war nicht nur Kleinbauer, sondern führte auch ein abenteuerliches Leben. Wie bringen Sie die Schlacht bei Lobositz, aus der Bräker davonlief, auf die Bühne?

Ich lasse die Szene zwar nicht weg. Aber eine realitätsnahe Darstellung der Schlacht wäre sehr schwierig und zu aufwendig. Wir wollten auch keine Effekthascherei. Die Thurtalbühne setzt auf einfühlsame, naturalistische Darstellung, weshalb zum Beispiel Frauen keine Männerrollen und Männer keine Frauenrollen spielen. Aber die Bühnenfassung ist Sache des Regisseurs Stefan Camenzind. Lassen Sie sich überraschen.

Wenn Bräker desertiert, wirkt er in der Lebensbeschreibung wie ein rührender Feigling, fast schon wie ein Pazifist.

Ich verstehe ihn sehr gut. Das ist mir total nah. Es ist ein ganz und gar unheroischer Akt. Ich hätte mich wohl auch so verhalten.

Man könnte Bräker auch mit unserer Arbeitswelt verbinden. Auch er musste immer wieder neue Berufe ergreifen.

Das ist ein gutes Stichwort. Für mich stand zwar eher die innerliche Lebensgeschichte im Zentrum. Ich will nicht zu sehr interpretieren, sondern spüren lassen, wie sich Bräker in seinem Leben gefühlt hat. Das lässt aber bei aller Musik, bei allem Humor in der Inszenierung Raum für eigene Interpretationen. Das Publikum wird viele Facetten entdecken.

Ueli Bräker stirbt am Ende verarmt und literarisch gescheitert. Seine Lebensbeschreibung war erfolgreich, seine späteren Bücher aber kaufte keiner. Wird Ihr Stück Komödie oder Tragödie?

Es ist wie bei Romeo und Julia, das Stück beginnt als Komödie und endet als Tragödie. Am Ende steht wie bei allen der Tod, der bei Bräker bitter ist. Aber das Grossartige an Bräker ist ja, dass er so viel geschaffen und hinterlassen hat, so dass man sich noch nach über 200 Jahren an ihn erinnert. Das können die wenigsten von sich sagen.

Im Jugendhaus von Ueli Bräker

«Ueli Bräker» wird vor Bräkers Jugendhaus im Dreyschlatt bei Wattwil aufgeführt, authentischer könnte der Spielort kaum sein! Das Theatergelände ist auf dem Schaufelberg 192 in Wattwil SG
Premiere des Stücks in Krinau: Fr, 6.Juli, 20 Uhr.
Weiter Vorstellungen bis 12. August

www.buehnethurtal.ch

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