«Für unbeleckte Besucher»

Zwei Ausstellungen widmen sich dem Werk von Thomas Schütte. Während die Fondation Beyeler sein figuratives Schaffen zeigt, präsentiert das Kunstmuseum Luzern Architekturmodelle.

Florian Weiland
Drucken
Teilen
Hasen-Skulptur von Thomas Schütte im Park der Fondation Beyeler. (Bild: Fondation Beyeler/Andri Pol)

Hasen-Skulptur von Thomas Schütte im Park der Fondation Beyeler. (Bild: Fondation Beyeler/Andri Pol)

Auf einmal kommt man sich klein vor. Übermächtig ragen die «United Enemies» im Foyer der Fondation Beyeler neben einem auf. Die vier Meter hohen, massiven Giganten lassen den Ausstellungsbesucher schrumpfen. Sie wirken bedrohlich – und haben doch auch eine komische Note. Es sind unfreiwillige siamesische Zwillinge, aneinander gebunden und zur Einheit verdammt. Die grotesken Fratzen zeigen deutlich ihr Missvergnügen an dieser Situation. Die tonnenschweren Kolosse wurden ursprünglich für den Aussenraum geschaffen und sind erstmals in einem Innenraum zu sehen. Man hat den Eindruck, als seien sie im Museum eingesperrt worden.

Die Vorlagen zu diesen beiden Ungetümen sind winzig klein. Knapp etwas mehr als 30 cm hoch. Man begegnet ihnen in der Ausstellung, geschützt unter einer Glashaube. Ihr Körper besteht aus Holzstöcken, Klopapier und unterschiedliche Stoffe kleiden sie. Mit Hanfseil sind sie aneinander gekettet.

Überzeichnete Fratzen

Der Kunstherbst 2013 gehört eindeutig Thomas Schütte. Gleich vier grosse Ausstellungen sind dem deutschen Künstler, Jahrgang 1954, gewidmet. In Berlin, Essen, Luzern und Basel. Die Fondation Beyeler konzentriert sich auf Skulpturen und Zeichnungen. Und setzt auf Kontraste: Miniaturfiguren aus Knetmasse stehen neben den überlebensgrossen stählernen «Frauen» und mächtigen Bronzeskulpturen, deren Mehransichtigkeit von entscheidender Bedeutung ist. Dazu skizzenhaft zarte Zeichnungen des Künstlers sowie die Fotoserie «Innocenti», die aus 31 Nahaufnahmen seiner grotesken Fimo-Gesichter besteht. Eine Porträtgalerie der besonderen Art. Hässlich entstellte, masslos überzeichnete Fratzen. «Die schrecklichen und hässlichen Sachen» lassen sich, wie Thomas Schütte erklärt, «viel einfacher darstellen als die schönen.»

Reduziertes, elegantes Haus

Die Architektur sei für ihn dagegen nicht mehr als ein «Hobby», kokettiert der Düsseldorfer Künstler und untertreibt damit, wie ein Rundgang durch die Ausstellung im Kunstmuseum Luzern schnell zeigt. Gleich zu Beginn lädt ein 1:1-Modell eines Gästehauses den Betrachter ein, einzutreten. Schüttes Entwurf besticht durch Reduziertheit und Eleganz. Mehrere kleinere Modelle illustrieren die Entwicklungsstufen des Projekts, ein im Zeitraffer aufgenommener Film dokumentiert die Bauarbeiten. Denn dieses «Ferienhauses für Terroristen», das in Luzern in einer groben Sperrholzfassung zu besichtigen ist, wurde wirklich gebaut. Der Name des Pavillon-ähnlichen Baus irritiert, was natürlich genau die Absicht des Künstlers ist. Gehören Terroristen nicht hinter Schloss und Riegel, während ein Ferienhaus Entspannung verspricht?

Verspielt und mit Ironie

Der Künstler entwirft nicht nur gerne Architekturmodelle, er legt Wert darauf, dass sie auch realisiert werden und schlägt reichen Sammlern durchaus mal vor, lieber zu bauen als eine seiner Skulpturen zu erwerben. Auch auf der letzten Documenta war Schütte nicht mit einem klassischen Kunstwerk, sondern mit einer von ihm entworfenen Eisdiele vertreten. Mit der Skulpturenhalle, die eines Tages seinem eigenen Werk den gebührenden Rahmen geben soll, arbeitet Schütte zur Zeit an seinem bislang monumentalsten Architekturprojekt. Auch dazu finden sich Modelle in der Ausstellung. Daneben sind von ihm entworfene Möbel und eine Reihe von Zeichnungen und Holzschnitte zu sehen. Doch im Mittelpunkt stehen die Architekturmodelle, die mitunter sehr verspielt daherkommen. Eines wurde sogar aus Legosteinen gebaut. Andere gleichen mit ihrer ungewöhnlichen Formgebung Skulpturen und werden ähnlich präsentiert. Doch immer wieder bricht die Ironie des Künstlers durch: Modelle und Zeichnungen mit Titeln wie «Renditekiste» oder «VEB Einfalt» sprechen für sich. Und wie wohnt Thomas Schütte selbst? Selbstverständlich in einem Altbau, lautet die Antwort.

Martialisch, aber lächerlich

Seine Ausstellungen richten sich an den «unbeleckten Besucher», nicht an den Spezialisten, betont Schütte. Sein Werk spreche all jene an, die sich für «Material, Form, Licht, Raum und Geschichten» begeistern können. Das gilt für seine Architekturentwürfe wie für seine Skulpturen. Letztere wirken auf den ersten Blick martialisch. Und sind doch vor allem eines: lächerlich. Die «Vier grossen Geister» gleichen überdimensionierten Michelinmännchen und seine «Krieger» sind seltsam ungelenk. Ihre Helme bestehen aus Flaschendeckeln. Soll man solche Krieger noch ernst nehmen? Vom grossen Ausstellungssaal der Fondation Beyeler geht der Blick schliesslich hinaus in den Park zu einer vier Meter grossen Skulptur. Ein fetter Hase thront im Gartenteich und speit munter Wasser. Eine kuriose Figur. Ihr Entwurf geht auf eine Knetfigur von Schüttes Tochter zurück. Doch in diesem Riesenformat bekommt das Kindliche etwas Dämonisches. Thomas Schütte hat seinen Spass daran.

Bis 2. Februar, Fondation Beyeler, Basel; www.fondationbeyeler.ch Bis 16. Februar, Kunstmuseum Luzern; www.kunstmuseumluzern.ch