Fünf Jahre Bibliothek in der St.Galler Hauptpost: Lobrede auf ein Provisorium

Die Tage der in der Hauptpost zusammengeführten Kantons- und Stadtbibliothek sind gezählt. Der Umzug in das Union-Gebäude samt Neubau am Blumenmarkt ist beschlossen. Doch wird es ein Bücherort mit grossstädtischem Flair werden?

Christina Genova
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Eine Bibliothek mit grossstädtischem Flair: Das Provisorium in der St.Galler Hauptpost.

Eine Bibliothek mit grossstädtischem Flair: Das Provisorium in der St.Galler Hauptpost.

(Bild: Nik Roth)

Ich weiss, der Zug ist längst abgefahren. Der Umzug der vereinigten Stadt- und Kantonsbibliothek ins Union-Gebäude und einen Neubau am St.Galler Blumenmarkt ist beschlossene Sache, der Architekturwettbewerb wird demnächst lanciert. Bis Mitte 2021 sollen die Ergebnisse vorliegen, der Bezug ist auf 2028 geplant.

Trotzdem wird mir schwer ums Herz beim Gedanken daran, dass die Tage des Bibliothek-Provisoriums in der St.Galler Hauptpost gezählt sind. Es feiert heute sein fünfjähriges Bestehen und ist einer der wenigen Orte in St.Gallen, die etwas Grossstädtisches an sich haben. Der 1915 eröffnete Bau von Pfleghard und Haefeli wurde in einer Zeit geplant, als St.Gallen, der Stickerei sei Dank, sich als kleine Weltstadt empfand.

Das Café St.Gall bezeichnet sich als einziges Kaffeehaus mit eigener Bibliothek.

Das Café St.Gall bezeichnet sich als einziges Kaffeehaus mit eigener Bibliothek.


(Bild: Nik Roth)

Die Bibliothek verströmt den rohen Charme des Unfertigen, es ist nicht alles gepützelt und perfekt – auch dies ist in St.Gallen selten genug. Die hohen, hellen Räume bieten Platz, um die Gedanken schweifen zu lassen, um gross zu denken und das Kleingeistige hinter sich zu lassen. Bücher soweit das Auge reicht, 2000 Quadratmeter umfasst das Provisorium, es gibt eine Nord- und eine Südhalle und für konzentriertes Arbeiten ein intimes Turmzimmer.

Beim Flanieren zwischen den schlichten Bücherregalen gelangt man von persischer Literatur über Pädagogik bis zum neuen Roman von Pascal Mercier. Es gibt Hörbücher, DVDs und wer will, kann Bücher gleich sackweise nach Hause nehmen. Lieb geworden ist mir auch das Café St.Gall, das sich selbstbewusst als einziges Kaffeehaus mit eigener Bibliothek bezeichnet.

Die Fülle von Zeitungen und Zeitschriften von «El País» bis zur «Linth-Zeitung» erfüllen mich bei jedem Besuch mit Leselust und -glück. Der drei auf sechs Meter messende Paravent von Jakob Schlaepfer knüpft an die glorreiche textile Vergangenheit an. Und der im «St.Gall» servierte Kaffee gehört zu den besten der Stadt.

Gutes Bauen Ostschweiz 2015, Bibliothek in der ehemaligen Hauptpost am Bahnhofplatz. Eingangsbereich.

Gutes Bauen Ostschweiz 2015, Bibliothek in der ehemaligen Hauptpost am Bahnhofplatz. Eingangsbereich.

Hanspeter Schiess

Wenn man den Erfolg des Provisoriums zum Massstab nimmt, müsste man die Hauptpost niemals mehr verlassen: Die Ausleihzahlen der Kantonsbibliothek haben sich in den vergangen fünf Jahren mehr als verdoppelt, jene der Stadtbibliothek sind von einem höheren Niveau aus immerhin um über einen Viertel gestiegen. Dies trotz der Nachteile, die man in der Hauptpost in Kauf nehmen muss. Ältere Bestände müssen frühzeitig bestellt werden, da sie ein Kurier aus dem Magazin an der Notkerstrasse und vom Depot an der Schuppisstrasse herbeischaffen muss. Und Medien für Kinder und Jugendliche sucht man in der Hauptpost vergeblich: Sie befinden sich aus Platzgründen immer noch in der Stadtbibliothek Katharinen.

Mit dem Turmzimmer verfügt die Hauptpost auch über einen Ort, wo konzentriertes Arbeiten möglich ist.

Mit dem Turmzimmer verfügt die Hauptpost auch über einen Ort, wo konzentriertes Arbeiten möglich ist.

Bild: Hanspeter Schiess)

Die Argumente der Verantwortlichen, die gegen eine definitive Lösung in der Hauptpost ins Feld geführt werden, klingen in meinen Ohren wenig überzeugend: Sie müsse baulich und energetisch totalsaniert werden und dafür sei ein Provisorium für das Provisorium notwendig – kein unüberwindbares Problem.

Ausserdem sei das Gebäude besser für schulische Zwecke geeignet. Zentral gelegen und mit dem öffentlichen Verkehr gut erreichbar ist sowohl der Blumenmarkt als auch die Hauptpost. Ausserdem wurde Letztere 2009 vom Kanton ursprünglich genau in der Absicht gekauft, dort eine grosse, vereinigte Bibliothek unterzubringen.

Die Hauptpost beherbergt auf 2000 Quadratmetern Zehntausende Bücher.

Die Hauptpost beherbergt auf 2000 Quadratmetern Zehntausende Bücher.


(Bild: Nik Rot)h

Nun mag man einwenden: Alles, was das Provisorium auszeichnet, ist auch in der neuen Bibliothek am Blumenmarkt möglich, ja gewollt. Ein Begegnungsort schwebt den Verantwortlichen vor, der nicht nur Bibliothek, sondern auch städtisches Wohnzimmer sein soll. Wie der Neubau aussehen wird, steht zwar noch in den Sternen. Und das Union-Gebäude von 1950/51 mag ein bedeutender architektonischer Zeitzeuge sein. Doch dass es mit seinen mickrigen 2,70 Metern Raumhöhe eine ebenso grosszügige Bücheroase mit besonderem Flair werden wird wie die Hauptpost, ist schwer vorstellbar – selbst nach einem Umbau. Da lob ich mir das Provisorium, das hoffentlich noch lange bleibt.

Jubiläumsprogramm heute 10 bis 16 Uhr.