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Frischluft für die Kultur

Kaum ist der Sommer da, zieht es auch Orchester, Jazzer und Opernproduktionen nach draussen. Unter freiem Himmel lässt sich Kultur besser vermarkten. Doch was haben Publikum und Künstler davon, und welche Rolle spielt dabei das Geld?
Rolf App
Blue Balls Festival in Luzern. (Bild: Keystone)

Blue Balls Festival in Luzern. (Bild: Keystone)

Am heutigen Freitagabend haben das aargauische Olsberg mit seinen 600 Einwohnern und die Weltstadt Zürich eines gemeinsam: Sie sind Schauplatz von Festivals. In Zürich wird das Tonhalle-­Orchester mit der Pianistin Yuja Wang ein Open-Air-Konzert auf dem Münsterhof geben, am Solsberg-Festival schart die Cellistin Sol Gabetta ihre Musikerkollegen um sich. Acht Konzerte nur ­umfasst das 2006 von ihr begründete kleine Kammermusik-Festival. Die Festspiele Zürich, in deren Rahmen das Open-Air-Konzert steht, sind dagegen ein Grossanlass mit 142 Veranstaltungen ganz unterschiedlicher Sparten, von der Kunst bis zum Tanz. «Um Erfolg zu haben, braucht ein Festival etwas Besonderes»

Montreux Jazz Festival. (Bild: Keystone)

Montreux Jazz Festival. (Bild: Keystone)

Der Tourismus setzt immer mehr auf Kultur

Als Intendant in Solsberg wirkt Christoph Müller, der sich vom Cellisten zum Musikmanager entwickelt hat und die Schweizer Festivalszene bestens kennt, auch am Gstaad Menuhin-Festival führt er Regie. Müller kennt auch die wirtschaftlichen Hintergründe. «Der Tourismus setzt immer mehr auf Kultur», erklärt er das muntere Wachstum vieler Festivals im ländlichen Raum. «Oft spielen klassische Konzerte eine Animationsrolle für gut situierte Ferienreisende. Sie treten neben das Erlebnis der Landschaft.» In Zahlen: Mit einem Umsatz von sieben bis siebeneinhalb Millionen Franken löst Gstaad in der Region Saanenland eine doppelt so grosse Wertschöpfung aus. Allerdings: Um diese Grössenordnung erreichen zu können, benötigt ein Festival wie jenes in Gstaad viel Geld von Sponsoren, Mäzenen, Stiftungen und oft auch von der öffentlichen Hand – während sich Sol Gabetta in Solsberg mit minimalen Mitteln einen privaten Wunsch erfüllt: Sie will mit ihren Freunden gemeinsam musizieren. Beides funktioniert. «Um Erfolg zu haben, braucht ein Festival etwas Besonderes», sagt Christoph Müller.

Festspiele St.Gallen (Bild: Ralph Ribi)

Festspiele St.Gallen (Bild: Ralph Ribi)

Für den Erfolg braucht es berühmte Namen oder ein originelles Programm

Dieses Besondere kann eine Person sein, die ein Festival prägt – wie Claude Nobs in Montreux oder Yehudi Menuhin in Gstaad. Es kann ein einzigartiges Programm sein. Das Lucerne Festival etwa versammelt jedes Jahr Spitzenmusiker am Vierwaldstättersee. Es verbindet einen Ort, der landschaftlich wie kulturell viel bietet, mit grosser Kunst. Und zieht, wie sein Intendant Michael Haefliger sagt, «Enthusiasten an, die auch einmal in einer Woche sechs Konzerte besuchen – oder an einem einzigen Tag gleich drei».

«Bisweilen wird einfach für jeden etwas aneinandergereiht» Das könne durchaus «Suchtpotenzial entwickeln», sagt Haefliger. «Es entsteht eine besondere Stimmung, die davon lebt, dass das Festival zeitlich begrenzt ist und deshalb einmalig.» Auf der Seite der Besucher verstärkt dieses Einzigartige die Bereitschaft, «sich auf Neues einzulassen – auf neue, unbekannte Künstler und neue Musik».

Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich

Während die beiden Intendanten durchaus zufrieden sind damit, wie sich ihre Festivals entwickelt haben, sieht der Berner Musikwissenschafter Anselm Gerhard die Lage eher kritisch. «Seit zwanzig Jahren öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich», kommt er zurück aufs Ökonomische, «und es gibt unter den Reichen viele, die sich halt für Kultur interessieren.» Sie versorgen die Festivals mit dem nötigen Geld und können sich auch teure Karten leisten, wobei «manche Festivals trotzdem hoch subventioniert sind». Das künstlerische Resultat hält Gerhard für mager, «bisweilen wird einfach für jeden etwas aneinandergereiht».

Paléo Festival Nyon. (Bild: Keystone)

Paléo Festival Nyon. (Bild: Keystone)

Man kann die Seele baumeln lassen

Es ist eine Einschätzung, die der Pianist Oliver Schnyder nicht teilt, der viele Festivals von Auftritten her kennt und von kommendem Jahr an das (1986 von Michael Haefliger begründete) Davos Festival für junge Künstler leiten wird. Auf die Frage, worauf er denn die anhaltende Popularität gerade der Sommerfestivals zurückführt, nennt er mehrere Punkte. «Festivals finden immer in Zeiten statt, in denen man die Seele baumeln lässt, und oft an schönen Orten und in der Natur.» Diese Ausnahmesituation stelle einen idealen Nährboden dar. «Wir auf der Bühne spüren, dass das Publikum eine andere Offenheit mitbringt als während der Saison.» «Die Festivalsituation nimmt den Druck weg»

"Die Festival nimmt den Druck weg"

Diese Offenheit wiederum ermutigt die Künstler, etwas zu wagen, «im Wissen darum, dass ein Experiment auch einmal schiefgehen kann. Die Festivalsituation nimmt Druck weg.» Und dem Besucher können einzigartige Erlebnisse zuteil werden. «Im aargauischen Boswil habe ich 2011 das Helikopterquartett von Karlheinz Stockhausen gehört, bei dem jeder Musiker in einem eigenen Helikopter kreist», erinnert sich Schnyder noch immer ganz hingerissen. Doch braucht das Experimentelle nicht unbedingt die Gestalt einer technischen Grossveranstaltung anzunehmen wie in Boswil. Im Kleinen geschieht es auch, wenn Künstler auf und hinter der Bühne zusammenfinden, die sich bis dahin noch nicht gekannt haben. «Ich bin als Pianist ja oft allein unterwegs», sagt Oliver Schnyder. «Da ist es schön, ­einmal mehrere Tage an einem Ort zu sein – und auch einmal mit anderen ­Musikern Fussball zu spielen.»

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