Fremdbleiben in Liebesnähe

Die Regisseurin Daniela Löffner hat den Roman «Agnes» des Autors Peter Stamm für die Schiffbau-Box in Zürich bearbeitet. Sie führt das Stück werktreu wie eigenständig auf.

Heiko Strech
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Peter Stamms «Agnes» in der Schiffbau-Box in Zürich, hier mit Milian Zerzawy (links) und Isabelle Menke. (Bild: ky/Alexandra Wey)

Peter Stamms «Agnes» in der Schiffbau-Box in Zürich, hier mit Milian Zerzawy (links) und Isabelle Menke. (Bild: ky/Alexandra Wey)

«Agnes» – mit diesem Roman von 1998 um eine tragisch zwiespältige Liebe gelang dem 1963 in Weinfelden geborenen Peter Stamm der Durchbruch. In Chicago trifft der Schweizer Sachbuchautor Robert die Physik-Doktorandin Agnes. Rasch finden sie einander. Sie bittet ihn, über beide eine Geschichte zu schreiben. Robert und Agnes geraten immer tiefer in das Ineinander von Fiktion und Realität. Und es kommt zum Bruch, als die Geschichte die Gegenwart des Paares einholt und sogar in die Zukunft hinein überholt.

Die Regisseurin Daniela Löffner, 1980 geboren im deutschen Freiburg, hat das Stück für die Bühne bearbeitet, so werktreu wie eigenständig. «Agnes» ist ihre fünfte Inszenierung am Schauspielhaus Zürich.

Zweimal Agnes

In die Box im Schiffbau stellte Löffner letzten Samstag Dagna Litzenberger als Agnes und Henrike Jörissen als Agnes2. Dieser Kunstgriff erhöht noch die Spannung zwischen der <wirklichen> Agnes und der in der Geschichte, die der Ich-Erzähler in Stamms Roman für sie schreibt. Die Auseinandersetzung unter den Frauenzwillingen erscheint so gleichgewichtig wie die zwischen Agnes und Robert.

Im Prinzip steht Agnes für die «Wirklichkeit»>, Agnes2 für die «Fiktion» Doch die Ebenen verhaken sich schon bei Stamm hoffnungslos ineinander. Löffner verstärkt den Konflikt anschaulich nicht nur durch die beiden Agnes', sondern auch durch Personen in verschiedenen Rollen. Sie sprechen teils episierend den Text des Paares, reden teils auf die beiden ein. Spielen Szenen, wo sie bei Stamm oft nur ein paar Sätze haben. Jörissen als Agnes2 kriegt noch andere Aufgaben. Isabelle Menke (unter anderem Roberts Beiseite-Liebe Louise), Fritz Fenne (Verkäufer Eddie), Lucki Böttger (Agnes' Vater) haben und nutzen die Chance schauspielerischer Kabinettstückchen.

Intensiv als Seelendrama

Das Stück kommt wie der Roman eher zäh in Fahrt, wird aber immer intensiver als Seelendrama des Paares. Dagna Litzenberger und Milian Zerzawy sprechen leider trotz Headset nicht immer deutlich. Litzenberger bleibt manchmal noch etwas putzig, wo sie patzig sein darf. Insgesamt transportieren die beiden zwingend das leidenschaftlich-leidvolle Einanderfremdbleiben gerade in engster Liebesnähe – schwierig-schön auch körpersprachlich.

Das alles anfangs vor dem Betongrau der Schiffbau-Wände. Ab und zu Projektionen, auch mit Text aus dem Stamm-Roman. Später senkt sich eine Riesenfolie hinab. Man denkt an Schneewittchens Sarg. Gleichzeitig Transparenz und Trennung zur Aussenwelt, Glaskokon (Bühne: Claudia Kalinski). Hier spielt das verstörende Gezerre ums Kind, das Agnes verloren hat – und das Robert lebendig schreibt. Doch Agnes besteht jetzt auf der bitteren Wahrheit. Eindrücklich, wie sie Agnes2 wütend verfolgt, die in der Fiktion die Kinderpuppe an sich reisst.

Öfter hat Agnes vom Tod gesprochen, auch vom schönen Tod durch Erfrieren. In Stamms Roman verschwindet sie aus der Wohnung, stirbt in der Geschichte. Bei Löffner schüttet Robert in einem bewegenden Bild Glasschnee über die am Boden liegende Agnes2. Dann legt sich Agnes dazu.

Nächste Vorstellungen am 16./25./29. April, jeweils 20.15 Uhr, 27. April 19.15 Uhr

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