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FREILICHTSPIEL: «Tell ist ein starker Landtyp»

Johanna Wehner inszeniert Schillers «Wilhelm Tell» am Theater Konstanz. Ein Gespräch über Mut und Besonnenheit, Helden und Politik, aufgeräumte Wohnungen und treue Zuschauer.
Dieter Langhart
Johanna Wehner fragt: «Wer ist der Gewinner, wer der Verlierer, wer der Bösewicht?» (Bild: Birgit Hupfeld)

Johanna Wehner fragt: «Wer ist der Gewinner, wer der Verlierer, wer der Bösewicht?» (Bild: Birgit Hupfeld)

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

Johanna Wehner beendet ihr dreijähriges Engagement am Theater Konstanz mit dem Sommerstück auf dem Münsterplatz. mit Schillers «Wilhelm Tell».

Sie proben seit zwei Wochen draussen. Läuft es nach Plan?

Wir proben von 18 bis 21 Uhr und haben jedes Jahr die Debatte mit den Anwohnern.

Debatte?

So schön es ist, dass Theater in die Stadt rein geht, so fordert es auch die Geduld der Menschen, die um den Münsterplatz leben.

Was tun Sie?

Da wir spätestens um neun Uhr weg müssen, verändert dies die Probenbedingungen. Das Stück beginnt um sieben und reicht in die Dunkelheit hinein. Das ist dramaturgisch sehr wichtig, aber das hatten wir nie auf der Probe. Erst seit dieser Woche wird abends eins-zu-eins geprobt, also ab 19 Uhr.

Wird man ungeduldig?

Ja. Und man wird «dreckiger». Ich finde das ganz schön als Abschluss meiner Zeit hier.

Sie bleiben aber dem Theater Konstanz erhalten, heisst es.

Ich gehe wieder in die Selbstständigkeit, führe aber weiter Regie. Ich komme im Frühling wieder mit Schiller, mit der «Jungfrau von Orléans».

Müssen Sie gehen, oder wollen Sie weiter?

Mit dem Intendanten waren zwei Jahre vereinbart. Aber weil es Wechsel im Ensemble gab, hängten wir ein Jahr an. Das ist weder gut noch schlecht, das ist einfach stimmig. Ich schliesse jetzt gerne ab und pack dann meine Koffer.

Theater ist recht starr. Was ist mit Ihrer Freiheit, Ihrer Spontaneität?

Ich bin ein hochgradig zwanghafter Mensch, meine Wohnung ist picobello. Ich mag es strukturiert.

Und Ihre andere Seite?

Ich bin gern frei in Bildwelten unterwegs, erfinde viel, zweifle oft. Meine innere Welt braucht wohl ein geordnetes Äusseres.

Wie gehen Sie mit Zweifeln um?

Schlecht. Regiearbeiten sind eine Amplitude zwischen Grössenwahn und Katastrophe, Normaltage gibt es nicht. Zweifel sind kein Makel, sondern ein Teil der Persönlichkeit.

Was will uns Friedrich Schiller sagen?

Ich beschäftige mich intensiv mit einem Stoff, versuche aber nicht herauszufinden, was der Autor damit wollte, das lässt sich ohnehin nicht nachprüfen. Wir fragten uns: Was sehen die Leute darin? Man ist sich einig: «Wilhelm Tell» ist ein Stück über die Stiftung der Unabhängigkeit in der Schweiz.

Tell ist aber doch in erster Linie eine Fiktion!

Ich bin mir nicht sicher, ob das alle wissen. Tell ist eher, was er uns bedeutet, und nicht, was historisch belegt ist. Was ist ein Held, ein Antiheld? Ein Held sagt: Ich stelle mein Leid und Wohlempfinden zurück und handle prinzipientreu oder für eine Sache. Das ist bei Tell ja gar nicht so.

Was also ist Tell?

Ein versierter, starker, vom Glück gesegneter Landtyp, dem einfach vieles gelingt – und keiner, der besonnen ist und in prinzipiellen oder gar politischen Gedankenschleifen feststeckt. Tell ist ein Macher, er handelt, aber er steht nicht für eine neue Gesellschaft. Unser Blick auf ihn macht ihn zum Helden – man wäre vielleicht gern so wie er.

Was arbeiten Sie heraus?

Dass verschiedene Parteien zu wissen meinen, was richtig ist, und hierin keine Mittel scheuen. Beide Seiten machen mobil und sind zu Gewalt bereit. Dieser Tell turnt dazwischen herum und hat mit der politischen Auseinandersetzung im Stück nichts zu tun. Er sitzt daheim und sagt sich: Bevor ich diesem Vogt begegnet bin, war ich ein leichter Mensch ohne Mordgedanken.

Gibt es keine Gewinner?

Nein. Klar, das historische Ziel ist erreicht, die Unabhängigkeit. Aber wer ist der Gewinner, wer der Verlierer, wer der Bösewicht?

Unser Mythos: Wir sind klein und müssen uns wehren.

Die Leute, die sich auf dem Rütli treffen, sind weder kulturell noch politisch eine Einheit; sie haben nur einen gemeinsamen Feind. Das ist sehr heutig. Plötzlich hat man ein verkitschtes Unabhängigkeitsdrama, das überhaupt nicht problemlos verläuft. Wir wollen niemandes Mythos zerstören, es wird schon ordentlich kitschig. Aber ich will, dass man überprüft, wie nahe das an der Realität ist. Und warum aus friedlichen Menschen eine fanatisierte Meute wird.

Soll Theater noch aufklären?

Theater ist zwar teuer, aber auch Anlaufstelle. Unglaublich, wie treu unser Publikum ist – es gibt welche, die haben ihr Abo seit fünfzig Jahren. Theater ist ein Ort, wo ein öffentlicher, auch gesellschaftskritischer Diskurs stattfindet. Der Zuschauer kann eine persönliche Position entwickeln, selbst wenn er sich einmal abgestossen fühlt. Zuschauer sind bereit, sich etwas zuzumuten. Aber Theater verändert und verbessert die Welt nicht.

Fr, 23.6., 19 Uhr, Münsterplatz Konstanz: Premiere «Wilhelm Tell»; 28 Vorstellungen bis 27.7.

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