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Freakshow – oder wacher Blick auf die Welt

  Die Kunsthalle Wil zeigt mit Michael von Brentano und seinem Gesamtkunstwerk «teatrum mundi» ein vielteiliges Installationsspektakel.
Dorothee Haarer
Augenöffnen der anderen Art, im Kabinett von Michael von Brentano. (Bild: Thomas Hary, Wil, 6. September 2018)

Augenöffnen der anderen Art, im Kabinett von Michael von Brentano. (Bild: Thomas Hary, Wil, 6. September 2018)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Das Gebilde, das auf Stelzen montiert im Ausstellungsraum steht, wirkt wie der ausgehöhlte Arm eines bleichen Riesenkraken. Die beiden Besucherinnen, die es betrachten, wissen nicht so recht, was davon zu halten ist. Kichernd steckt eine den Kopf in das Rohr. Die andere linst durch eines der zahlreichen Löcher in der Oberfläche, die wirken, als hätte man dem Tier die Saugnäpfe entfernt. Lustig scheinen die Frauen es zu haben, aber richtig geheuer ist ihnen die Sache nicht. Nah daneben steht ein Herr. Die Stirn hat er in Falten gelegt. Er beäugt etwas in der trüben Brühe eines Glasgefässes, das so ziemlich alles sein könnte: ein Hirn, ein Darm, ein Alien.

Wer genau hinschaut, stutzt

In der Tat wirkt das, was Michael von Brentano mit diesem Welttheater, seinem bewusst ohne «h» geschriebenen «teatrum mundi», liefert, zunächst wie ein freakig-modernes Kabinett der Kuriositäten. Doch wer richtig hinschaut, stutzt.

Was wie ein Organ in Formalin-Lösung scheint, entpuppt sich als simpler Fenchel in Essiglösung.

Und ein fleischartiger Klumpen, der Rätsel aufgibt, ist nur der Abguss eines Sonnenblumenkopfes, vom Künstler mit rosa Silikon geformt.

Der in Augsburg geborene von Brentano hat Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in München studiert. Sein erstes «teatrum mundi» erschuf er 2013 im Augustinermuseum Rattenberg in Tirol. Angeregt von den Kuriositäten klassischer Wunderkammern, stellte er damals Eigenschöpfungen und Sammeleien aus seinem privaten Fundus als vielteilige und hochpersönliche Installation zusammen.

Heraus kam ein Gesamtkunstwerk aus zahllosen Dingen, die er in seiner Welt bestaunenswert, nachdenklich stimmend und anregend fand.

In Wil präsentiert Michael von Brentano nun die dritte Version von «teatrum mundi». Neue Elemente sind mit der Zeit hinzugekommen, alte fehlen, und insgesamt ist diese Auflage so umfassend und detailreich wie keine zuvor. Aber Gartenpflanzen als Ausstellungsstücke? Kann das ernst gemeinte Kunst sein? Selbst, wenn sie in Silikon oder gar Bronze daherkommt? Wie soll man darüber nur denken?

Ein Ansatz wäre, sich klar zu machen, dass Künstler früher für andere Leistungen geschätzt wurden als heute. Es ist noch nicht lange her, da bewunderte man schon mittelmässige Pinselschwinger, wenn sie nur halbwegs erkennbar ihre Heimatstadt malen oder einen glühenden Sonnenuntergang auf die Leinwand zaubern konnten. 2018 sieht die Sache anders aus.

Denn im 21. Jahrhundert kann schon ein Kindergärtler die ganze Welt per Smartphone erfassen.

Strände und Skylines bevölkern Instagram und Co. Die Welt detailreich abzubilden, ist kein Kunststück mehr. Und länger hinschauen als für die Dauer eines «Like», tut sowieso kaum noch wer.

Jedes einzelne Teil spielt eine Hauptrolle

Kunst muss sich also etwas anderes einfallen lassen, wenn sie uns trotz optischer Übersättigung die Augen für die Welt öffnen will. Michael von Brentano praktiziert dieses Augenöffnen auf seine Art: mit Interesse an dem, was man leicht übersieht. Durch unerwartete Gegenüberstellungen, Farb- oder Grössenspielereien. So hängt das berühmt-berüchtigte Bild der explodierenden Challenger neu koloriert neben einer Schönwetterwolke. Ein baumkrebskranker Ast liegt neben einem Foto mit ausgedörrter Erde. Oder eine Zucchetti wirkt, in Silikon nachgebildet, vergrössert und verfärbt, am Ende wie ein abgehackter Krakententakel.

Von Brentanos aus vielen Elementen bestehende Installation kommt ohne Erklärungen zurecht, weil sie für sich selbst spricht. Der Künstler legt sie als brillante Bühne an, die dem Betrachter einen Blick auf die Welt vorschlägt, bei dem jedes einzelne Teil eine Hauptrolle spielt.

teatrum mundi, Michael von Brentano, bis 4.10., Kunsthalle Wil. www.kunsthallewil.ch

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