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Frauenmörder zwischen Sturz- und Schmiersuff

Schon nach der ersten Seite des Romans «Der goldene Handschuh» von Heinz Strunk weiss man, wohin einen der Autor führt: Tief in die menschlichen Abgründe von Sucht, Trieb und Mord. Es ist Februar des Jahres 1974. Im «Goldenen Handschuh», einer heruntergekommenen Bar im Hamburger Stadtteil St.
Nina Rudnicki
Heinz Strunk: Der goldene Handschuh. Roman. Rowohlt 2016, 256 S., Fr. 28.90.

Heinz Strunk: Der goldene Handschuh. Roman. Rowohlt 2016, 256 S., Fr. 28.90.

Schon nach der ersten Seite des Romans «Der goldene Handschuh» von Heinz Strunk weiss man, wohin einen der Autor führt: Tief in die menschlichen Abgründe von Sucht, Trieb und Mord. Es ist Februar des Jahres 1974. Im «Goldenen Handschuh», einer heruntergekommenen Bar im Hamburger Stadtteil St. Pauli, treffen sich die Schimmligen. Die Schimmligen, das sind Alkoholiker, Verlorene, Obdachlose und Verrückte. Der Gründer des Lokals ist der zweifache Europameister im Leichtgewichtsboxen, Herbert Nürnberg. Der «Handschuh» hat rund um die Uhr geöffnet, 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag. Manche Gäste sitzen zwanzig, dreissig Stunden dort. Der «Goldene Handschuh» ist auch das zweite Zuhause des Hilfsarbeiters Fritz Honka, von allen Fiete genannt. Im «Handschuh» trinkt er seinen Fako, also Fanta-Korn im Verhältnis eins zu eins. Und dort findet er seine Opfer.

Akten unter Verschluss gehalten

An den Fall Fritz Honka dürften sich einige erinnern. Honka hatte zwischen 1970 und 1975 in Hamburg vier Frauen ermordet, zerstückelt und die Überreste jahrelang in seiner Wohnung versteckt. Erst als ein Hausbrand ausbricht, stösst die Feuerwehr zufällig auf die Leichenteile. Für den Roman recherchierte Heinz Strunk in den bisher unter Verschluss gehaltenen Honka-Akten im Hamburger Staatsarchiv. Entstanden ist dabei kein klassischer Krimi, sondern eine Charakter- und Sozialstudie. Die Morde selbst werden in wenigen Sätzen abgehandelt. Dafür geht Strunk der Frage nach, wieso Honka zu derart bestialischen Taten fähig war. Denn bevor dieser die Morde begeht, versucht er immer wieder, sich aufzurappeln. Einmal, als er einen neuen Job als Nachtwächter bekommt, scheint es ihm fast zu gelingen. Er hört auf zu trinken, kauft sich neue Kleider, unternimmt zum ersten Mal in seinem Leben eine Hafenrundfahrt.

Am oberen und untern Ende

Doch Honka fällt zurück ins alte Muster: Er gibt sein Geld für Alkoholexzesse aus, die er «Sturzsuff» oder «Schmiersuff» nennt. Und er nimmt wieder obdachlose «Omas» bei sich auf. Wegen dieser guten Taten bricht er vor Rührung über sich selbst beinahe in Tränen aus. Kaum zuhause, vergewaltigt er die Frauen, die aber sowieso nichts mitbekommen, weil sie so betrunken sind. All dem stellt Heinz Strunk in einer Parallelhandlung die Geschichte einer Hamburger Reederfamilie gegenüber. Obwohl sich diese am oberen Ende der Gesellschaft befindet, ist auch sie völlig zerrüttet. Zudem ist der Jüngste der Familie so von Akne entstellt, dass er an der Schule gemieden und zum Aussenseiter wird. Auch er findet seinen Weg in den «Goldenen Handschuh». Die zwei Handlungen überschneiden sich nie. Vielmehr zeigt Strunk in seinem schwer verdaulichen Tatsachenroman auf, dass die Hoffnungslosigkeit kaputter Typen nicht vom sozialen Status abhängt, sondern überall vorkommt.

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