Frauenheld, Ästhet, Heisssporn

Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und arbeitete sich hoch in die Welt der Schönen und Reichen: Der Toggenburger Modefotograf Hans Feurer.

Melissa Müller
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Eine Frau lehnt sich zurück, den Kopf im Nacken. Die Augen geschlossen, die Hände in den Taschen, geniesst sie das Morgenlicht. Die Sonne umgibt ihre nackten Beine wie eine goldene Aura. Ein Bild von knisternder Erotik, natürlich schwebend und verträumt. «Das ist eines meiner Lieblingsbilder», sagt der Toggenburger Fotograf Hans Feurer. «Sexy, aber nicht vulgär.»

In den 60er- und 70er-Jahren gehörte er zu den weltweit erfolgreichsten Modefotografen. Er fotografierte den legendären Pirelli-Kalender und arbeitete für Magazine wie «Elle» und «Vogue». Noch immer ist der 77-Jährige ein gefragter Mann und inszeniert Modestrecken für die französische «Vogue». In der Schweiz ist er jedoch nahezu unbekannt.

Kurator Romano Zerbini will dies ändern. In der Photobastei in Zürich richtet er eine Einzelausstellung aus, die einen Querschnitt aus Feurers 40jährigem Schaffen zeigt: «Gegen den Strom – dem Licht entgegen», lautet der Titel. «Gegen den Strom», weil Feurer mit gewagten grafischen Bildkompositionen für Aufsehen sorgt. «Dem Licht entgegen», weil er das Gegenlicht als Stilmittel einsetzt und wegen des sanften Lichts meist in den frühen Morgenstunden ans Werk geht. Der Meister scheut den Computer und verzichtet weitgehend auf Retuschen durch Fotoshop. Zurückgezogen lebt er in einem Riegelhaus in Wald im Zürcher Oberland.

«Ich will etwas im Ranzen spüren»

Aufgewachsen ist Hans Feurer in ärmlichen Verhältnissen. Seine ersten neun Jahre verbringt der Bürger von Alt St. Johann in Buchs, Grabs und Rapperswil. Danach zieht die Familie nach Zürich. Als sich seine Eltern scheiden lassen, muss Hans sich um die jüngeren Brüder kümmern. Als Jugendlicher nimmt er verschiedene Jobs an, um sich die Kunstgewerbeschule zu finanzieren. Mit 22 wandert er nach London aus, wird Art Director und trifft Fotografen wie Helmut Newton. Auch Feurer fotografiert zu jener Zeit oft, es gehört zu seinem Lebensstil wie Skizzieren und Modern Jazz. Trotz Erfolgs kündigt er seine Stelle in der Werbebranche. «Ich hatte keine Lust mehr, für Produkte zu werben, die mich nicht interessieren. Ich wollte Sachen machen, bei denen ich etwas im Ranzen spüre», erzählte er dem Ostschweizer Wochenmagazin «anzeiger». Er bricht auf nach Afrika, bereist zwei Jahre den Kontinent und beschliesst, Modefotograf zu werden. Weil er gesehen hat, «welch gutes Leben viele Modefotografen führen.» Ein Leben mit schönen Frauen an Stränden. «Auf meinen Reisen in Afrika hat mich ein Anblick immer wieder fasziniert: Wenn die Frauen am frühen Morgen Wasser am Brunnen holen, wenn das Licht sie von hinten beleuchtet – einfach grossartig! Als Fotograf will ich solche Stimmungen herausarbeiten», sagte er in einem Interview mit der Frauenzeitschrift «Annabelle».

1967 gelingt ihm der Durchbruch. In seinen Anfängen arbeitet Feurer für das stilbildende Londoner Modemagazin «Nova». Er heiratet ein Model, das ihm zwei Söhne schenkt. Die Familie lebt auf den Seychellen und im Appenzellerland, in einem Bauernhaus in Rehetobel.

Es sei wegen der Frauen Modefotograf geworden, sagt er oft. Und er habe auch Liebeleien gehabt. Etwa mit Grace Jones, der androgynen Schauspielerin, die einmal ein böses Bond-Girl spielte. Der glamouröse Traumberuf bietet ihm aber auch die Möglichkeit, die Welt zu bereisen – in einer Zeit, als Flugreisen fast unerschwinglich sind.

Amazonen und Kriegerinnen

Oft setzt Feurer die Fotomodelle als Amazonen und Kriegerinnen in exotischen Landschaften in Szene: wild und unabhängig. Auf einer Vulkaninsel fotografiert er die Mannequins wie Überlebende einer Apokalypse. Dabei arbeitet er mit Teleobjektiv aus weiter Distanz.

Hans Feurer ist ein grosser, drahtiger Mann mit Dreitagebart und einem wilden Funkeln in den Augen. Es scheint etwas zu brodeln in ihm wie in einem Vulkan. Die Models, die mit ihm arbeiten, müssen eine dicke Haut haben. Seine Wutausbrüche sind gefürchtet. «Ich musste lernen, mich zu beherrschen.» Supermodel Naomi Campbell schmiss er aus dem Studio, «eine arrogante Kuh. Man musste sie umschwärmen, sonst kam nichts von ihr.» Auch mit «Vogue»-Modechefin Anna Wintour geriet sich Feurer in die Haare. «Sie wollte unbedingt, dass ich mit einem bestimmten Model arbeite. Aber das Mädchen gefiel mir nicht. Ich sagte Nein. Sie sagte: Doch. Am nächsten Tag erschien Anna Wintour am Set mit dem Model. Ich packte zusammen und ging. Ich lasse mir kein Etikett aufs Füdli kleben.»

Claudia Schiffer, Christy Turlington, 68er-Ikone Uschi Obermeier – Feurer hatte sie alle vor der Linse. Zu seinen Lieblingsmodels gehörte die Somalierin Iman, die Frau des verstorbenen Popstars David Bowie. Feurer fotografierte sie in den Achtzigern in einer Kampagne für Modeschöpfer Kenzo. Jener erteilte Feurer die absolute künstlerische Freiheit. Der Fotograf dankte es ihm, indem er betörend schöne Traumwelten schuf. Auf einem der Bilder wandelt Iman verschleiert durch einen See.

Obschon er sich in der Welt des schönen Scheins bewegt, mag Hans Feurer keine Cüpli-Anlässe. «Ich bin nicht Teil der Szene. Ich bin ein Naturmensch», sagt der Mann, der früher ein passionierter Hochseefischer war – und heute gern vor dem Cheminée eine Zigarre geniesst.

Ausstellung Hans Feurer: Photobastei, Sihlquai 125, Zürich, 16.9 bis 30.10. photobastei.ch

Hans Feurer in Aktion. Am liebsten arbeitet er mit Teleobjektiv. Bild: pd

Hans Feurer in Aktion. Am liebsten arbeitet er mit Teleobjektiv. Bild: pd

Unten links in Schwarzweiss: Eine von Hans Feurers Lieblingsfotografien aus dem Jahr 1978. Das Frauengesicht hinter dem Schleier (oben links) fotografierte er in einer Wüste. Rechts: Der einstige Grafikdesigner setzt auf gewagte, streng geometrische und reduzierte Bildkompositionen. Bilder: Hans Feurer

Unten links in Schwarzweiss: Eine von Hans Feurers Lieblingsfotografien aus dem Jahr 1978. Das Frauengesicht hinter dem Schleier (oben links) fotografierte er in einer Wüste. Rechts: Der einstige Grafikdesigner setzt auf gewagte, streng geometrische und reduzierte Bildkompositionen. Bilder: Hans Feurer