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FRAUENFELD: Der Romeo aus Romanshorn

Thurgauer Theatermacher verneigen sich vor Shakespeare und bedienen sich ein Jahr lang frei bei ihm. Mit «Wir sind Shakespeare» verlegen sie die Geschichte von Romeo und Julia nach Romanshorn – ein spritziger Marketingeinfall.
Dieter Langhart
«Mucho dramatico»: Romeo (Emir Redjepi) zwingt Tybalt (Veiko Hellwig) zu Boden. (Bild: Donato Caspari)

«Mucho dramatico»: Romeo (Emir Redjepi) zwingt Tybalt (Veiko Hellwig) zu Boden. (Bild: Donato Caspari)

FRAUENFELD. Alles sieht ganz anders aus nach der Pause. Die Stühle auf den Rängen sind verschwunden. Wo die Zuschauer gesessen sind, stehen jetzt die Schauspieler und raunen im Chor: «Wir sind Shakespeare, wir sind Shakespeare, wir sind Shakespeare.» Mehr sei nicht verraten zum Intermezzo im Theaterstück «Wir sind Shakespeare», nur dass der Spielleiter sagt: «Greift zu bei den Julia-Schenkeli von Bäcker Meier aus Steckborn.» Nur noch, dass Julia tot in der Familiengruft der Montagues liegt, aber die liegt im Eisenwerk zu Frauenfeld.

Verkehrte Welt? Ein wenig, gewiss. Denn die Montagues heissen Montanas, aus den Capulets sind die Kappelers geworden. Wir sind auch nicht in Verona, sondern in Romanshorn. Die tragische Geschichte um Romeo und Julia kann überall spielen.

Ein neues Image für den Kanton

Erst recht im Thurgau, wo bereits der Apfel des Sündenfalls herkam und der angebissene Apfel von Apple, nur weiss das keiner ausser Fritz Hoffmann. Dem Spielleiter und seiner Praktikantin Sandra Odermatt obliegt es, dem Kanton ein neues Image zu geben auf die Expo 2027 hin. Damit die Schweiz nicht hinter Winterthur aufhört, damit die japanischen Touristen endlich in die Ostschweiz finden. Im offiziellen Auftrag der Regierung, wie die Einspielung von Regierungsrätin Carmen Haag belegt.

An einer Retraite am Gardasee sei alles ausgeheckt worden, sagt der hoffnungsvolle Hoffmann. Ein zwanzigköpfiges Ensemble soll den Beweis antreten, dass sich mit Geschichten und Geschichte Identifikation schaffen lässt – und wer würde sich besser eignen dafür als der grosse Dramatiker Shakespeare?

Oliver Kühn vom Theater Jetzt führt Regie und spielt auch gleich den Spielleiter und Marketingfachmann Hoffmann. Erst lässt er einen Film einspielen und fragt Einheimische und Touristen in Luzern, was ihnen zum Thurgau einfalle – Klischees halt. Und was sie bereits gesehen hätten – gar wenig halt. Hoffmann legt Folien auf den Hellraumprojektor und schliesst: «Das Marketing des Thurgaus muss klarer werden.»

Verbannt nach Mannenbach

Woher nehmen? Stehlen! Wie es weiland auch Shakespeare getan habe. Und ein Theaterstück in eine Rahmenhandlung einpacken, wie es Shakespeare so gern getan hat. «Wir sind Shakespeare» bedient sich ungeniert bei «Romeo und Julia» – und nicht nur da –, reduziert die Vorlagen auf ihre Essenz und singt drumherum das Hohelied auf die clevere Marketingidee.

Romeo (Emir Redjepi) und Julia (Corina Keller, spielt alternativ mit Sule Durmazkeser) lieben einander, das passt den verfeindeten Familien Montague und Capulet gar nicht. Romeo tötet Tybalt und wird verbannt – nach Mannenbach, nicht nach Mantua. Geschickt mischt Oliver Kühn den historischen Stoff auf. Lässt das Liebespaar nicht mehr auf den Mond schwören, sondern auf Mocmoc, denn Romeo klingt doch eher nach Romanshorn denn nach Verona.

Mocmoc? Shakespeare!

«Wer sind wir? Wir sind doch auch wer!» Und der Chor ruft: «Wir sind Shakespeare.» Nur eine Frage der Einstellung: «Wenn es mit Mocmoc funktioniert hat, warum nicht auch mit Shakespeare?» Und weil Regierungsrätin Carmen Haag von Kampagnenleiter Fritz Hoffmann fordert, hundert müssten mitmachen, bezieht «Wir sind Shakespeare» das Publikum direkt mit ein. Raffiniert geht das Stück mit Versatzstücken und Zitaten aus Shakespeares Dramen um wie mit Ironie, Wortspiel und Einlagen zwischen Poesie und Drastik, und beim Song zu den Folien wie «Go West: Hefenhofen» gibt's den ersten Zwischenapplaus.

«Wir sind Shakespeare» zieht mit wenigen Mitteln alle Register, von feinen Zwischentönen beim gut eingespielten Ensemble über Multimedia-Effekte bis hin zum mahnendem Auftritt William Shakespeares (Cornelia Blask) und dem Schlusslied, dem Gedicht des Oberthurgauer Lyrikers Fritz Enderlin über «D' Öpfellesri». Das Stück endet mit Romeo und Julia, «der Rest ist Schweigen»: ein Lächeln auf allen Gesichtern.

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