Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

FRAUENDRAMA: Glück gibt es nur als Erinnerung

Der Franzose Stéphane Brizé hat mit «Une vie» Guy de Maupassants gleichnamigen Roman ­verfilmt. Ein konzentriert inszeniertes Drama mit einer famosen Judith Chemla in der Hauptrolle.
Betonte Zurückhaltung: Swann Arlaud und Judith Chemla. (Bild: PD)

Betonte Zurückhaltung: Swann Arlaud und Judith Chemla. (Bild: PD)

Es beginnt sommerlich und harmonisch. Die 20-jährige Jeanne Le Perthuis hilft ihrem Vater im Garten, spaziert mit der Mutter im Park ihres Château. Jeanne ist aus der Klosterschule nach Hause zurückgekehrt und geniesst das ländlich-beschauliche Leben mit den Eltern. Dann taucht der adrette Vicomte Julien de Lamare auf – und sowohl der Pfarrer als auch die Eltern sehen in ihm den richtigen Gatten für Jeanne.

Aber ein irritierender Einschub stört das Liebesglück, das sich zu entwickeln scheint. Zunächst erkennt man das Gesicht von Jeanne in dieser verregnet-düsteren Szene kaum, um Jahre älter und verhärmter. Zur Zartheit der vorherigen Bilder und dem kindlich-unbeschwerten Ausdruck der jungen Frau steht das im harten Kontrast.

Der französische Regisseur Stéphane Brizé kündet in diesem Bild freilich an, dass die Geschichte von «Une vie» keine glückliche sein wird. Denn Jeannes Mann ist nicht nur ein Geizhals, den das Holz zum Heizen in der kalten Jahreszeit reut, er schwängert zudem die Magd. Und Jeannes geliebter Sohn Paul wird später seiner Mutter das Leben ebenfalls schwer machen.

Die Tragödie in einem ­Gesicht

Gemeinsam mit Florence Vignon hat Stéphane Brizé, der zuletzt mit dem mehrfach preisgekrönten Drama «La loi du marché» beeindruckte, Guy de Maupassants Roman adaptiert. In Venedig hat «Une vie» den Preis der Filmkritik erhalten. Brizé inszeniert das Drama, das in der Normandie des frühen 19. Jahrhunderts angesiedelt ist, zwar im Stile eines Kostümfilms, aber mit betonter Zurückhaltung und konzentrierter Nüchternheit. Es gibt nur wenig Musik, die Kamera verharrt meist in halbnahen und nahen Einstellungen, was den aufs 4:3-Format beschränkten Bildern zusätzliche Nähe gibt. Kaum eine Einstellung ist darunter, die nicht Jeanne gilt oder aus ihrem Blick erfolgt. Im Gesicht der grossartigen Judith Chemla, auf das die Kamera oft im Profil blickt, spielt sich die Tragödie von Täuschung, Lüge und Betrug ab. «Alle lügen, das habe ich nicht erwartet», sagt Jeanne zum Pfarrer.

Immer wieder wird diese Frau, die so bedingungslos ans Gute in den Menschen glauben will, von allen ausgenutzt und sich selbst überlassen. In solchen schweren Momenten flüchtet sie sich in ihre Erinnerungen. Diese lichten, sonnendurchfluteten Erinnerungsbilder sind ihr Anker – ebenso wie für den Zuschauer dieses beeindruckenden Dramas.

Andreas Stock

andreas.stock

@tagblatt.ch

Kinok St. Gallen: Do, 15.6., 17 Uhr; Fr, 16.6., 19 Uhr; Mi, 21.6., 16.15 Uhr; Sa, 24.6., 16.10 Uhr; Di 27.6., 20.45 Uhr; weitere Kinos folgen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.