Forschung
Frauen in Stöckelschuhen besitzen oft Fistelstimmen

Der Klang beim Reden verrät viel über den Charakter und das Wohlbefinden eines Menschen. Das zumindest ist das Ergebnis einer Studie eines Psychologen der University of Melbourne.

Jörg Zittlau
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Miss Schweiz Kandidatinnen in roten High Heels

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Keystone

Sind die Augen trübe und von tiefen Ringen umrandet, ist die Haut schlaff, merkt man eine gewisse Unkonzentriertheit? Nach einer durchwachten Nacht fragen wir uns, woran die Mitmenschen merken könnten, dass wir unausgeschlafen sind. Einen wesentlichen Faktor bedenkt man dabei jedoch meistens nicht: den Klang der Stimme. Dabei verrät er, wie jetzt Forscher der University of Melbourne herausgefunden haben, besonders viel über unsere Müdigkeit.

Das Team unter Leitung des Psychologen Adam Vogel lud 18 Studenten um acht Uhr morgens in ihr Institut und liess sie dann 24 Stunden wach bleiben. Währenddessen mussten sie alle zwei Stunden einen Sprachtest absolvieren, dazu gehörte beispielsweise, einen lang anhaltenden Ton zu summen oder deutlich hörbar zu zählen. «Das war alles andere als spassig, weder für die Studenten noch für uns», so Vogel. Die Tests wurden aufgenommen und analysiert, und dabei zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang mit der fortschreitenden Wachphase: Die Sprechgeschwindigkeit wurde langsamer, die Tonhöhe zeigte immer deutlichere Schwankungen und die tiefen Frequenzen der Stimme gingen immer mehr zurück.

Stimme verrät, wie wach wir sind

Die ersten Veränderungen zeigten sich zwar erst 14 Stunden nach dem Experiment, doch danach ging es mit der Stimmleistung umso schneller bergab. «Der Tiefpunkt war um sechs Uhr morgens erreicht, 22 Stunden nach Versuchsbeginn», so Vogel. «Als dann die Sonne aufging, wurden die Leute wieder munterer und damit auch ihr Sprechen.»

Die Stimme verrät also, wie wach ein Mensch ist. Und sie verrät, wie Wissenschafter in jüngerer Zeit herausarbeiten konnten, noch viel mehr. Denn die stimmbildenden Anteile des Kehlkopfs, ein Skelettgerüst mit Bändern und gelenkig verbundenen Knorpeln, werden durch Muskeln stabilisiert und bewegt – und deren Spannung hängt wesentlich ab vom Gehirn und damit auch vom Charakter und von der Stimmung.

Hohe Spannung mit Highheels

So beruht eine ungewöhnlich hohe Stimme auf einer hohen Spannung der Stimmbänder, die wiederum oft das Resultat einer insgesamt hohen Körperspannung ist. Daher reden Sprecher bei emotionalem Stress nicht nur schneller, sondern auch in einer höheren Tonlage. Dies kann man ja oft bei Politikern erleben.

Aber auch Frauen auf Stöckelschuhen besitzen oft hohe Fistelstimmen, wie Niels Graf von Waldersee beobachtet hat. «Sie spannen ihren ganzen Körper so an, dass auch die äusseren Kehlkopfmuskeln und mit ihnen die Stimmbänder unter Spannung stehen», erklärt der Hamburger Phoniater. Trügen sie hingegen flache Absätze, würde sich ihre Stim-
me absenken. Und das wäre nur zu ihrem Vorteil. Denn Frauen mit extrem hohen Stimmen werden, so von Waldersee, von Frauen meistens abgelehnt und von Männern gemieden.

Depression hinter hohler Stimme

Menschen mit hohler und leerer Stimme ernten ebenfalls kaum Sympathiepunkte. Was vermutlich daran liegt, dass man dabei instinktiv einen hohen Grad an Depressivität heraushört. Denn Psychiater Stephen Silverman von der amerikanischen Yale-Universität fand in einem Stimmvergleich von 64 depressiven und 33 psychisch gesunden Menschen heraus: je hohler und gleichförmiger eine Stimme, umso höher das Selbstmordrisiko ihres Trägers.

«Man könnte diese Stimme auch eine Grabesstimme nennen», so Silverman. Sie zeige eine deutliche Einschränkung des Frequenzbereichs, der sich zudem noch nach oben verschiebt. Zusammen mit Ingenieuren will Silverman nun ein Gerät entwickeln, mit dem etwa Sozialarbeiter, Seelsorger und Psychiater schon am Telefon ein akutes Selbstmordrisiko des Menschen am anderen Ende der Leitung erkennen können.

Bevor jedoch Traurigkeit in Depression umschlägt, sorgt sie in der Stimme für ausgeprägte Moll-Töne, und zwar durchaus im musikalischen Sinne. Wissenschafter der US-amerikanischen Duke University liessen zehn Probanden eine Reihe von einzelnen Worten sprechen und gaben ihnen den Auftrag, dabei entweder aufgeregt-fröhlich, gedämpft-traurig oder betont sachlich vorzugehen. Danach verglichen sie die gesprochenen Passagen mit den Melodien von Volksliedern und klassischen Kompositionen.

Das Ergebnis: Man konnte die Sprechstücke in gleicher Weise sortieren wie die Musik. Fröhliche Passagen äusserten sich vornehmlich in Dur, traurige dagegen in Moll. Was natürlich die Frage aufwirft, ob in der Geschichte des emotionalen Ausdrucks die Musik das Sprechen oder umgekehrt das Sprechen die Musik prägte. Jedenfalls wurden die Ergebnisse der Studie auch an Mandarin-Chinesen bestätigt, die nicht nur eine völlig andere Sprache, sondern auch in ihrer Musik keine Dur- und Mollakkorde gewohnt sind. Dies spricht eher dafür, dass der Mensch in der Stimme schon Mollnuancen kannte, bevor sie in der Musik eingeführt wurden. Und es erklärt, warum uns Europäer die chinesische Musik eher wenig berührt – wir aber dafür aus der Sprachmelodie eines Chinesen seine Traurigkeit herauslesen können, obwohl wir nicht ein einziges Wort von ihm verstehen.