Frankfurter Buchmesse
Das Gastland Kanada bietet präzise Blicke auf Ureinwohner und moderne Gesellschaft – zwei Entdeckungen

Diese beiden Bücher stehen exemplarisch für das literarische Schaffen aus dem Land, das heuer Gastland an der Frankfurter Buchmesse ist.

Bernadette Conrad und Peter Henning
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Kanada ist dieses Jahr Gastland an der Frankfurter Buchmesse: Blick in den kanadischen Pavillon.

Kanada ist dieses Jahr Gastland an der Frankfurter Buchmesse: Blick in den kanadischen Pavillon.

Bild: Constantin Zinn / EPA

Eric Plamondons lehrreicher Roman über den Umgang mit Ureinwohnern

«Taqawan» – so wird in der Sprache der Mi’gmaq, der Ureinwohner im kanadischen Quebec, der Lachs genannt, der zum ersten Mal in den Fluss seiner Geburt zurückkehrt. Im wüsten Machtkampf, den die Landesregierung in Quebec im Sommer 1981 mit menschenverachtenden Methoden anzettelte, stand der traditionelle Lachsfang der Mi’gmaq im Mittelpunkt – so sah es jedenfalls aus.

Eric Plamondon: Taqawan. Roman. Aus dem Französischen von Anne Thomas. Lenos Verlag 2020. 208 Seiten.

Eric Plamondon: Taqawan. Roman. Aus dem Französischen von Anne Thomas. Lenos Verlag 2020. 208 Seiten.

Bild: Zvg

Die 15-jährige Océane und ihre Freunde beobachten auf ihrem Heimweg von der Schule die brutale Razzia, bei der Netze zerrissen, Boote zum Kentern gebracht, ihre Eltern und Verwandten aus den Booten gezerrt und verprügelt werden. Zwar sind die von den Mi’gmaq gefischten sechs Tonnen Lachs jährlich lächerlich wenig im Vergleich zu den tausendfach höheren Zahlen von Sportfischern und Fabrikschiffen, aber die Mi’gmaq haben das Pech, von der Regierung als Spielball in einem Machtkampf mit der kanadischen Regierung in Ottawa benutzt zu werden.

Der Journalist und Autor Eric Plamondon hat auf der Grundlage historisch verbürgter Ereignisse einen Roman geschrieben, in dem die Rollen von Opfern und Tätern erschreckend klar verteilt sind. Kann die Rede von staatlichem Schutz noch eine Bedeutung haben, wenn es Polizisten sind, die ein 15-jähriges Mädchen vergewaltigen?

Die actionreiche Handlung, in deren Zentrum Ranger Yves Leclerc nach Aufklärung und Gerechtigkeit für das traumatisierte Mi’gmaq-Mädchen sucht, ist nur ein Baustein in Plamondons Erzählgebäude. Um diesen herum baut er ein Mosaik aus naturwissenschaftlichen und kulturgeschichtlichen Ausführungen zu den Bräuchen der Ureinwohner, ihrem Leben mit den Tieren und der Natur sowie der einstigen Kolonisierung des Landes durch die Weissen. Dabei dominieren diese Exkurse und das in ihnen gebündelte Wissen das Buch in einer Weise, dass man es im Grunde eher mit einem geschickt aufbereiteten Sachbuch als mit einem Roman zu tun hat. Die Romanhandlung ihrerseits ist in den Dienst dieser Mission gestellt; die eingestreuten Geschichten von Liebe und Begehren dienen eher als Plattformen für politische Diskussionen.

So wurde Plamondons mit grosser Beachtung aufgenommenes Buch auch als Krimi oder Kolonialismus-Thriller wahrgenommen; insbesondere die historische Aufarbeitung bescherte ihm 2018 den Prix littéraire France-Quebec. Und tatsächlich kann man aus diesem Buch viel lernen – und zwar nicht nur über Lachse oder die Gnadenlosigkeit von Machtmechanismen. Bernadette Conrad

Marie-Claire Blais erzählt meisterhaft eine Untergangsgeschichte

Kommt die Rede auf die bedeutendsten kanadischen Erzählerinnen unserer Zeit, so fallen Namen wie Mavis Gallant und Margaret Atwood. Und natürlich jener von Alice Munro, der Literatur-Nobelpreisträgerin von 2013. Die 1939 in Quebec geborene Marie-Claire Blais aber sucht man in dieser Aufzählung vergebens. Seither wurde nicht auch nur eine weitere Zeile dieser grossartigen Erzählerin übersetzt – und das ist unverständlich! Denn diesem Solitär gebührt sehr wohl ein Platz in der eingangs aufgeführten Namens-Riege, wurde sie doch ebenfalls bereits mehrfach zurecht als veritable Literaturnobelpreis-Kandidatin gehandelt. Ihr endlich auch auf Deutsch vorliegender, mitreissender Roman «Drei Nächte, drei Tage» belegt nun eindrucksvoll, weshalb.

Marie-Claire Blais: Drei Nächte, drei Tage. Roman. Aus dem Franz. v. Nicola Denis. Suhrkamp 2020. 394  Seiten.

Marie-Claire Blais: Drei Nächte, drei Tage. Roman. Aus dem Franz. v. Nicola Denis. Suhrkamp 2020. 394  Seiten.

Zvg / Aargauer Zeitung

Zwanzig Jahre hat die Autorin von fünfzig Romanen, Theaterstücken und Lyrikbänden an ihrem Opus Magnum geschrieben, dem zwischen 1995 und 2018 in ihrer Heimat erschienenen neunbändigen Roman-Zyklus «Soifs», dessen Auftaktband uns nun vorliegt. Und das darf in mehrerer Hinsicht als Glücksfall bezeichnet werden, denn darin treten wir ein in eine Welt, die man – war man einmal Teil davon – fürchtet und doch nicht verlassen mochte. Denn wie Blais dieses tropische, irgendwo im Golf von Mexiko liegende und von Dragqueens, sinistren Rassisten, Glückssuchern und Todessehnsüchtigen bevölkerte Eiland beschreibt, ist abschreckend und anziehend zugleich.

Sie tut es stilistisch geschult an der eigenwilligen, Punkt-und-Komma-losen-Poetik einer Virginia Woolf, was das Lesen zunächst zu einer Herausforderung werden lässt. Hat man sich aber eingefunden in dem bild-und anekdoten-prallen Kosmos von Blais‘ raumgreifendem Porträt einer scheinbar fröhlich in den Untergang tanzenden Gemeinschaft, so ist das Leseglück bald vollkommen. Denn wir haben es hier mit einer Menschenbeobachterin allererster Güte zu tun, deren mikroskopisch genauem Blick nichts entgeht.

Und ob die Anekdote um einen an Aids sterbenden Kafka-Forscher oder jene um die Hinrichtung eines Mannes aus Texas: Blais vermag sie auf das Faszinierendste mit Impressionen aus dem Warschauer Ghetto und Reflexionen zu Themen wie Musik, Arm und Reich und Gewalt zu mischen.

So ist am Ende unsere Welt, in die es uns da verschlägt. Und mit Blick auf das Vorgeführte gibt sich diese Schwarzseherin keiner falschen Illusion über die weitere Zukunft der Menschheit hin: Sie senkt den Daumen über uns. Peter Henning

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