Francisco Obieta und die Lebendigkeit der letzten Dinge

Im Sinfonieorchester St. Gallen war er am Kontrabass nicht zu übersehen. Dem Typus des unauffälligen, scheu im Hintergrund agierenden Musikbediensteten, wie ihn der Autor Patrick Süskind in seinem Einakter «Der Kontrabass» auf die Bühne stellt, entspricht Francisco Obieta ganz und gar nicht.

Bettina Kugler
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Komponieren ist für ihn keine Nabelschau: Francisco Obieta. (Bild: Ralph Ribi)

Komponieren ist für ihn keine Nabelschau: Francisco Obieta. (Bild: Ralph Ribi)

Im Sinfonieorchester St. Gallen war er am Kontrabass nicht zu übersehen. Dem Typus des unauffälligen, scheu im Hintergrund agierenden Musikbediensteten, wie ihn der Autor Patrick Süskind in seinem Einakter «Der Kontrabass» auf die Bühne stellt, entspricht Francisco Obieta ganz und gar nicht.

Kreativität ist frei geworden

Was auch damit zu tun hat, dass der in Buenos Aires geborene Musiker schon in den Jahren zwischen 1988 und 2010, seiner Zeit als Stellvertretender Solokontrabassist des Sinfonieorchesters, auf vielen anderen Podien gespielt und fleissig komponiert hat – für ganz verschiedene Besetzungen, in vielen musikalischen Allianzen: etwa in der «Neuen Original Appenzeller Streichmusik». Dabei hat Obieta seine Wurzeln nie geleugnet; die Seele des Tangos zieht sich wie ein Continuo durch sein Werk. Doch er selbst verkörpert das sehr lebendige, weniger das melancholische Temperament der Musik. Umso erstaunlicher, dass er bereits das zweite Requiem komponiert hat. Am kommenden Samstag wird es in der Kathedrale unter der Leitung von Domkapellmeister Hans Eberhard uraufgeführt, mit Chor, Solisten und Orchester – sechs Jahre nach dem «Kremser Requiem» jetzt das «Steiner Requiem».

Lyrische Telegramme

Was zieht einen so irdischen und kommunikativen, in der Begegnung mit anderen Musikern sprühend lebendigen Genussmenschen ins stille Komponistenkämmerlein? Wie kommt er dazu, sich Textzeilen auszuliefern wie dieser: «nicht / gewählt haben wir / dieses Leben / geworfen sind wir / und stürzen / hindurch / ohne Wissen / um das Ende / des Falls»? Der St. Galler Lyriker Ivo Ledergerber, von dem sie stammen, sitzt an diesem Abend nicht mit uns am Tisch im Kellergewölbe der Musikschule, wo Francisco Obieta sonst unterrichtet. Gleichwohl redet er leise mit, und wir tragen Sätze von ihm nach Hause, die sich nicht leichthin abstreifen lassen: Gedanken über Gott und die letzten Dinge aus dem «Steiner Requiem», zu lesen im Band «Fromme Gedichte» (2012). «Mich fasziniert Ivos lyrischer Telegrammstil», sagt Obieta; «er braucht ganz wenig Wörter, die immens viel Bedeutung tragen.» Die Gedichte zu lesen, sei ein «Urknall» gewesen, erklärt er.

Das Leben: Mehr als C-Dur

In der Vertonung reagiert er darauf; er hat nach einer musikalischen Sprache gesucht, welche die Zuhörer unmittelbar erreicht, die tief an Gefühle rührt und ein Verständnis öffnet, ohne intellektuelles Vorwissen zu verlangen – das Publikum ist für ihn «Mitgestalter mit Geschmack». Dabei schöpft er aus vielen Quellen; «alles, was ich erlebt und gehört habe, trage ich in mir, auch Menschen, die ich getroffen habe.»

Ohne die Zeit im Sinfonieorchester sei sein Komponieren kaum denkbar: ohne die Praxis in diesem musikalischen Organismus, ohne «das Parfum des riesigen Repertoires», wie er es formuliert. Doch der Weggang habe ihm Freiraum verschafft, einen kreativen Stau gelöst.

So entstanden neben Stücken für seine Tangoformation «Sur» ein Oratorium («Verbrennt das Feuer») und die beiden Totenmessen. Musik, in der die inneren Kämpfe des Textes in aller Schroffheit und Dringlichkeit erfahrbar werden – die aber auch schwelgen kann in der Lebendigkeit der letzten Dinge. «Ein C-Dur-Akkord hat noch lange nicht ausgedient», ist Francisco Obieta überzeugt. «Aber er kann kein Dauerzustand sein. Das würde nicht zu unserem Leben passen.»

Uraufführung Sa, 27.2., 19.30 Uhr, Kathedrale St. Gallen, Chorraum