FRAME-FILMTIPP: Oliver Stones bester Film seit langem

«Snowden» von Oliver Stone ist ein brisanter Politthriller, der Präsident Obama als Lügner darstellt und dem Publikum die Augen öffnet für die Überwachungsexzesse der amerikanischen Geheimdienste.

Christian Jungen
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Joseph Gordon-Levitt als Edward Snowden. (Bild: outnow.ch)

Joseph Gordon-Levitt als Edward Snowden. (Bild: outnow.ch)

Es gibt Themen, für die kann einen das Kino besser sensibilisieren als Nachrichtenmedien: Viele Menschen haben zum Beispiel erst begriffen, wie schlimm Aids ist, nachdem sie «Philadelphia» (1993) gesehen hatten. Eine ähnliche aufklärerische Wucht hat nun «Snowden». Natürlich weiss man, dass die USA Milliarden von Handys, Twitter- und Facebook-Konten sowie den globalen E-Mail-Verkehr überwachen. Doch was für weitreichende Folgen das haben kann, begreift man erst im Kino. Spätestens dann, wenn der NSA-Chef seinem Angestellten Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt, Bild) versichert, dass seine Freundin Lindsay (Shailene Woodley) nicht mit jenem Fotografen schläft, auf den Snowden eifersüchtig ist. – Der Geheimdienst weiss mehr über dessen Freundin als Snowden selbst.

Von da an wird der Amerikaner allmählich paranoid. Er hat als IT-Spezialist bei der NSA ein Programm entwickelt, das grosse Datenmengen sammeln kann. Bei einem Undercover-Einsatz in Genf hat ihm ein Kollege gezeigt, dass die CIA damit Milliarden von unbescholtenen Bürgern ausspioniert. Von Gewissensbissen geplagt, setzt sich Snowden mit Hunderttausenden von Daten nach Hongkong ab, wo er zwei Journalisten vom «Guardian» von den Machenschaften der Geheimdienste erzählt. Das Gespräch fand im Juni 2013 statt und wurde von der amerikanischen Dokumentarfilmerin Laura Poitras (Melissa Leo) aufgezeichnet. Diese von Hektik geprägte Begegnung in Hongkong ist der Auftakt zu Oliver Stones brisantem Politthriller. Snowden schaut während seiner Ausführungen frontal in Poitras’ Kamera, wendet sich also auch direkt an den Zuschauer im Kino – ein kluger Kniff von Oliver Stone.

In Rückblenden rekapituliert Oliver Stone dann den Aufstieg des Titelhelden. Dessen Liebe zu Lindsay, die er im Internet kennengelernt hat, spielt dabei eine zentrale Rolle. Die extrovertierte Fotografin, die unbekümmert Social Media nutzt, lebt heute mit ihm im russischen Exil. Während Lindsay meist bunt gekleidet ist, trägt Snowden, der elektronische Kontakte meidet und die Kamera seines Laptops mit einem Pflaster überklebt hat, oft Grau. Shailene Woodley vermag die zunehmende Verunsicherung Lindsays bravourös auszudrücken, und Joseph Gordon-Levitt gibt Snowden als grüblerischen Introvertierten.

Obwohl der Film faktenreich ist, wirkt er nicht überladen. Stone und sein Co-Autor Kieran Fitzgerald haben einen runden Spannungsbogen hinbekommen, so dass man von der ersten bis zur letzten Minute mit Snowden mitfiebert. «Snowden» ist ein brisanter Thriller, der Obama als Lügner und Hillary Clinton als ­Opportunistin entlarvt. Stone verneigt sich dafür vor den investigativen Journalisten. Als sie ihre Enthüllungsgeschichte gegen Widerstände der New Yorker Redaktion ­publizieren, untermalt Stone die Schlagzeilen mit optimistisch klingender Musik, die ein Happy End suggeriert. «Snowden» ist Stones bester Film seit «Nixon» von 1995.

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