FRAME-FILMTIPP: «Dichter sind meine Helden»

Jim Jarmusch gilt als Ikone des Independent-Kinos. Anders als europäische Regisseure, deren Werke sich auf andere Filme beziehen, wird der Amerikaner von Poesie und Musik inspiriert. Der Meister der Gelassenheit über seine neuen Würfe «Paterson» und «Gimme Danger».

Christian Jungen
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Jim Jarmusch: vom Punk zur Ikone des Independent-Kinos. (Bild: Keystone)

Jim Jarmusch: vom Punk zur Ikone des Independent-Kinos. (Bild: Keystone)

Frame: Mister Jarmusch, «Paterson» ist ein ganz undramatischer Film. Wie kamen Sie dazu?
Jim Jarmusch: Mir stand der Sinn nach einem ruhigen Film. Er sollte sich von der Überladenheit des zeitgenössischen Kinos abheben, das den Zuschauer nonstop überwältigen will. Die heutigen Filme sind voller Gewalt und Konflikte, sie drehen sich um mysteriöse Frauen und nehmen unzählige Wendungen. Ich wollte einen federleichten Film machen, etwas in der Tradition des japanischen Meisters Yasujiro Ozu, in dem Alltägliches zum Ereignis wird, etwa eine schöne Blume im Park. Aber fragen Sie mich nicht, woher dieses Bedürfnis kommt. Ich weiss es nicht und analysiere mein Schaffen auch nicht.
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Aber welcher Gedanke stand am Anfang?
Das Thema sollte die Poesie sein. Nun dreht sich «Paterson» um einen Dichter, und der muss, wie jeder Künstler, ein Beobachter sein, der Einflüsse aufnimmt: «No input, no output.»

Der Dichter heisst Paterson und lebt in Paterson, New Jersey. Sie gelten als Inkarnation der New Yorker Coolness, wie kommt es, dass ausgerechnet Sie in New Jersey drehten, wo doch New Yorker diese Leute dort für dumm halten?
Ach wissen Sie, die New Yorker sind allen gegenüber herablassend. Ich habe die Stadt Paterson vor 25 Jahren zum ersten Mal besucht, weil Allen Ginsberg dort aufwuchs und mein Lieblingsdichter William Carlos Williams dort gelebt hatte. Es ist eine Stadt mit einer faszinierenden Geschichte: Alexander Hamilton, einer der Gründerväter der USA, legte dort die erste Industriestadt des Landes an. Es gab Webereien und Seidenfabriken, die ihre Energie aus den Wasserfällen bezogen. 1838 streikten 2000 Arbeiter, die Hälfte davon waren irische Kinder, die sechs Tage pro Woche 13 Stunden schuften mussten. Wegen ihrer leidvollen Geschichte zog die Stadt viele Anarchisten und Künstler an, vor allem Poeten.

Was macht die Stadt heute aus?
Es leben dort sehr viele verschiedene Ethnien: vor allem Araber, aber auch Afroamerikaner, Leute aus Mittel- und Südamerika sowie Iren und Italiener. Die Stadt ist ein hartes Pflaster, es gibt viel Armut und Kriminalität. Und trotzdem schuften die Leute weiter für ein ­besseres Leben. Was mich fasziniert, ist dieses Nebeneinander von Hoffnung und Verzweiflung. Du siehst ein Haus, das am Einstürzen ist, und nebenan streicht einer seine Haustür neu. Diese Verzweiflung habe ich ausgeblendet, ­«Paterson» ist kein sozialkritischer Dokumentarfilm. Es ist ein Spielfilm über die grosse Tradition von Dichtern in dieser Stadt.



Lesen Sie selber Gedichte?
Ja, seit ich Teenager bin. Ich habe zuerst französische Poesie gelesen und dann die grossen Namen der New York School of Poets entdeckt: Walt Whitman, Hart Crane, Wallace Stevens und William Carlos Williams. Als ich kurz vor 20 meine Heimat Akron, eine postindustrielle Stadt in Ohio, verliess, wollte ich Dichter werden. Dichter sind meine Helden.

Warum?
Weil ich keinen einzigen kenne, der wegen des Geldes schreibt. Alle streben nach der Schönheit der Form. Diese rührt manchmal auch von der Leere neben den Versen auf einer Seite her, im Unterschied zu Romanen, deren Seiten vollgedruckt sind. Da man vom Schreiben nicht leben kann, gehen die meisten Dichter anderen Berufen nach. Meine Filmfigur Paterson ist Busfahrer und schreibt seine Gedichte in der Mittagspause. Damit steht er in einer Tradition mit meinen Vorbildern: William Carlos Williams war Arzt, Wallace Stevens leitete eine Versicherungsfirma, und Frank O’Hara war Kurator des Museum of Modern Art. Er postulierte in einem Manifest mit dem Titel «Personism», dass man ein Gedicht nicht für die Welt, sondern für eine bestimme Person schreiben solle, nur als eine kleine Notiz.

Inspiriert dieser Gedanke auch Ihr Kino?
Ich wäre geehrt, wenn jemand eines Tages sagen würde, meine Filme seien das cineastische Pendant zu den Gedichten der New York School of Poets.

Paterson ist Busfahrer, Sie privilegierter Künstler. Haben Sie noch einen Draht zum Fussvolk?
Aber sicher. Als Jugendlicher in Ohio habe ich zwei Jahre lang in einer Fabrik gearbeitet. Ich habe einen laut ratternden hydraulischen Bohrer bedient – neun Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Ich war sogar in der Gewerkschaft der Metallarbeiter und der Arbeiter der Flugzeugindustrie. Abends habe ich versucht, Gedichte zu schreiben, was sehr schwierig war. Heute bin ich zwar tatsächlich privilegiert, aber ich habe nicht vergessen, woher ich komme.

Früher waren Sie ein Punk, heute wirken Sie sehr ruhig. Was ist passiert?
In jungen Jahren war ich ein Besserwisser, der alle beurteilt hat. Mein Ventil war die Ironie. Heute bin ich ein atheistischer Buddhist, der mehr auf Positives schaut und akzeptiert hat, dass er nicht alles kontrollieren kann. Meine drei letzten Filme – «Only Lovers Left Alive», «Paterson» und «Gimme Danger» – sind Liebeserklärungen an die Musik und die Poesie: Dinge, die mir wichtig sind.

Keiner spielt in New York. Warum?
Ich habe genug von der Stadt. Ich habe zwar noch meinen Wohnsitz dort, verbringe aber viel Zeit in den Catskill Mountains im Norden von New York. Ich habe dort ein kleines Haus mitten in der Natur, wo Bären, Kojoten und Hirsche vorbeikommen. Momentan bin ich drei Wochen in der Stadt und dann eine in den Bergen. Ich arbeite daran, das Verhältnis umzukehren, so dass ich nächstes Jahr nur noch eine Woche pro Monat in der Stadt verbringen muss.

Warum ist Ihnen New York verleidet?
Die Stadt ist so laut und so korrupt geworden. Alles dreht sich ums Geld. Und dann leben heute auch dreimal so viele Leute in New York wie in den späten 1970ern, als ich ein junger Mann war. Die Stadt inspiriert mich nicht mehr.

Auch nicht das Kulturangebot?
Ich war Teil der Underground-Kultur, die sich nur dort entfalten kann, wo junge Menschen ohne viel Geld leben können. Die Szene ist dann von Manhattan nach Brooklyn gezogen, später nach Queens, und nun ist es auch dort zu teuer. Jetzt ist sie in New Jersey. Manhattan ist eine Stadt für Leute von der Wall Street geworden, Künstler können es sich nicht mehr leisten, dort zu leben. Wie auch Paris eine Stadt für Reiche geworden ist.

Wo arbeiten Sie?
Ich muss beim Schreiben allein sein, deshalb verfasse ich die Drehbücher in meinem Haus in den Catskills. In der Stadt gibt es einfach zu viel Ablenkung. Erschwerend kommt hinzu, dass ich in der ganzen Welt Freunde habe und fast jede Woche mich jemand besuchen möchte. Ich liebe sie alle, aber jetzt kann ich wenigstens sagen: «Tut mir leid, ich bin in den Bergen und kann nicht zu deiner Vernissage kommen.»

Sind Sie ein schneller Schreiber?
Ich mache mir jahrelang Notizen für bestimmte Projekte. Das Treatment zu «Paterson» habe ich vor mehr als 20 Jahren verfasst und in einer Schublade verschwinden lassen. Dann zog ich es wieder hervor, machte weitere Notizen und schrieb das Drehbuch sehr schnell – ich schreibe Drehbücher jeweils in drei Wochen, und es gibt immer nur eine Version.

War das schon immer so?
Ja, nur einmal dauerte es länger: An «Dead Man» schrieb ich drei Monate, weil ich überarbeitet war. Ich finde, Drehbücher werden überschätzt. Sie liefern bloss eine Anleitung, wie man es machen könnte, sind aber keine eigene Kunstform. Ich hasse es, Drehbücher zu lesen. «Paterson» ist nah am Script, normalerweise improvisiere ich mehr beim Drehen. Ich fragte Adam Driver und Golshifteh Farahani immer: «Habt ihr keine Verbesserungsvorschläge?» Und sie sagten: «Nein, wir mögen die Dialoge.»

Adam Driver spielt oft düstere Typen. Hier nun ist er ein helles Gemüt. Wie kamen Sie auf ihn?
«Paterson» ist einer der wenigen Filme, die ich geschrieben habe, ohne an bestimmte Schauspieler zu denken. Adam hatte ich erst in «Frances Ha», «Inside Llewyn Davis» und in ein paar Episoden von «Girls» gesehen. Doch dann habe ich ein Interview mit ihm gelesen und gedacht: Diesen Typ möchte ich kennenlernen. Ich liebe sein Gesicht, die Art, wie er sich bewegt und dass er sich Zeit für sein Spiel nimmt. Man hat nie das Gefühl, er spiele. Er ­reagiert immer nur – ich glaube an die Formel «acting is reacting». Ich war entzückt, als er ­seine Zusage zum Film gab – notabene bevor er die Rolle in «Star Wars» bekam.

Wie fanden Sie ihn in «The Force Awakens»?
Ich habe den Film nicht gesehen, wie auch alle anderen «Star Wars»-Episoden nicht. Warum? Weil ich schon die ganze Serie kenne: die Geschichte, die Figuren – ich habe schon von R2D2 geträumt, ohne ihn je auf der Leinwand gesehen zu haben. Die Medien versuchen einem geradezu einzuhämmern, man müsse diese Filme sehen. Es ist eine Tortur. Nein! Ich will sie nicht sehen.

Haben Sie beim Schreiben die Musik für den Film schon im Ohr?
Die Art der Musik schon, aber die Melodien nicht. Bei «Paterson» versuchte ich, viele Songs von Electro-Bands wie Boards of Canada und Brian Eno unterzubringen, die ich mag. Doch mein Schnitt­meister sagte eines Tages: «Jim, du hast doch selber eine Rockband, warum spielt nicht ihr etwas ein?» Und ich sagte okay, und an ein paar Wochenenden nahmen wir die Musik auf, die jetzt den Soundtrack bildet. Ich denke, diese traumwandlerischen Klänge passen besser zum Film als die elektronischen meiner Lieblingsbands.

Musik ist neben der Poesie Ihre zweite Leidenschaft. Nun haben Sie mit «Gimme Danger» einen Dokumentarfilm über Iggy Pop gemacht.
Es ist kein Dokumentarfilm, sondern ein collagehafter Essay über The Stooges, Iggy Pops erfolgreichste Band. Ich habe versucht, eine Form zu finden, die ihrer Musik entspricht. Deshalb ist «Gimme Danger» wild, ungeordnet, voller Emotionen und hoffentlich auch lustig. Es ist ein Film, in den ich viel Herzblut investierte, denn The Stooges haben mich stark geprägt.

Wie kam das?
Ich war ein Teenager in Ohio und habe vor allem britische Musik gehört. Meine Schwester war Beatles-Fan, ich Stones-Fan, wir haben viel disputiert. Dann hörte ich eines Tages im Keller eine Platte von The Stooges – sie hat mir die Welt der Gegenkultur geöffnet. Nicht so sehr politisch, natürlich war ich gegen den Vietnamkrieg, sondern punkto Haltung: Sie hat mich ermutigt, widerspenstig zu sein und mich der unheimlichen Konzernkultur zu widersetzen, die damals aufkeimte und heute unsere Welt im Würgegriff hat.

Iggy Pop, der in Ihren Filmen «Coffee and Cigarettes» und «Dead Man» mitspielte, hat mit seinen Eltern gebrochen. Waren Ihre Eltern erfreut darüber, dass Sie Künstler werden wollten?
Meine Mutter hat mich unterstützt, mein Vater war unglücklich. Als ich ihm «Stranger than Paradise» zeigte, meinte er: «Sieht interessant aus, aber hast du nicht die Spulen falsch zusammengesetzt? Man versteht die Story ja gar nicht.» Aber später war er stolz auf mich und hat mich als Menschen respektiert, obwohl er mit meinen Filmen nichts anfangen konnte. Ich habe es ihnen nicht immer leicht gemacht.

Wie meinen Sie das?
Es gab da ein Tabu: Jahrelang erwähnte nie jemand den Vater meiner Mutter. Dann fand ich heraus, dass er ein Hochstapler und Urkundenfälscher war und deswegen immer wieder im Gefängnis einsass. Er war ein richtiger irischer Krimineller, und ich war als rebellischer Jugendlicher stolz auf ihn. Später erfuhr ich, dass er meine Grossmutter sowie meine Mutter und ihren Zwillingsbruder sitzengelassen hatte.

Als Sie vor drei Jahren «Only Lovers Left Alive» in Cannes vorstellten, wirkten Sie deprimiert. Was war geschehen?
Ich bin wegen des Films fast pleitegegangen. Es war verdammt schwierig, das Geld dafür aufzutreiben. Obwohl der Film in Detroit spielt, musste ich einen grossen Teil in Köln drehen, in einem Studio – das ist, als ob man einen Wolf zähmen müsste. Ich liebe es, auf der Strasse zu drehen. Deshalb war ich frustriert und bin es noch immer ein wenig. Die Finanzierung von Filmen ist ein Albtraum.

Auch mit den Amazon Studios, die «Paterson» produziert haben?
Sie waren gnädig und liessen mich den Film machen, ohne sich einzumischen. Sie sind auch nicht gegen das Kino wie Netflix. Aber Amazon ist ein grosser Konzern, und wenn «Paterson» eine Million einspielt, kriege ich bloss drei Dollar davon, wenn er fünf Millionen einspielt, kriege ich zwölf Dollar. In den alten Zeiten, als ich meine grössten Erfolge feierte, haben meine Produzenten und ich den Gewinn brüderlich geteilt. Das gibt es heute nicht mehr.

Wie haben Sie es trotz kommerziellem Druck geschafft, die künstlerische Freiheit zu behalten?
Das verdanke ich vor allem dem Festival von Cannes, das viele meiner Filme in den Wettbewerb einlädt und so ins Gespräch bringt. Kein Geldgeber getraut sich, einem Autor der Marke Cannes ins Handwerk zu pfuschen. Das ist absurd, denn mir bedeuten Festivals nichts.

Auch nicht Locarno, wo Sie 1984 den Goldenen Leoparden gewonnen haben?
Ich weiss nicht einmal mehr, mit welchem Film ich dort war [«Stranger Than Paradise», Anm. d. Red.]. Locarno ist ein cooler Ort. Besonders gefallen hat es mir, im Tal bei diesen Felsen zu schwimmen. Mir bedeuten Preise nichts. Ich glaube nicht an Wettbewerb in der Kunst. Wollen wir einmal in den Louvre gehen und die besten Gemälde bestimmen? Das ist lächerlich.

Was ist das Ziel Ihrer Kunst?
Ich möchte, dass sich ein Kreis schliesst. Ich fertige eine Lampe an, der Zuschauer steckt den Stecker in die Dose, und es wird hell.

Zum Kinoprogramm
www.frame.ch