Fragiles Gleichgewicht

Die Fondation Beyeler kombiniert eine Alexander-Calder-Werkschau mit Arbeiten von Fischli/Weiss. Kann das funktionieren? Die Künstler verbindet auf den ersten Blick wenig.

Florian Weiland
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Filigrane Skulptur aus der Werkserie «Equilibres» von Fischli/Weiss. (Bild: Fondation Beyeler)

Filigrane Skulptur aus der Werkserie «Equilibres» von Fischli/Weiss. (Bild: Fondation Beyeler)

Ob die Kunst sie ermüdet hat? Erschöpft liegen Ratte und Bär, die beiden Alter Egos des Künstlerduos Fischli/Weiss, im Foyer der Fondation Beyeler. Sie haben es sich auf einer Wolldecke bequem gemacht. An der Decke über ihnen hängt ein filigranes Mobile von Alexander Calder. Das interessiert die beiden nicht weiter. Sie sind eingeschlafen. Wovon mögen sie träumen?

Skepsis scheint angebracht

Auf die Idee, die Arbeiten des amerikanischen Künstlers Alexander Calder (1898–1976) zusammen mit Werken von Peter Fischli (geb. 1952) und David Weiss (1946–2012) zu zeigen, wären die meisten Kunstexperten im Traum nicht gekommen. Macht diese Kombination Sinn? Ganz sicher scheint sich die Fondation Beyeler der Sache nicht zu sein. Oder wie erklärt es sich sonst, dass nur in einem weiteren Raum die Künstler gemeinsam auftreten? Skepsis scheint also angebracht. Und gleich im ersten Saal dürfen sich die Zweifler bestätigt fühlen. Calders fragile Drahtskulptur «Tightrope», die an eine Seiltanz-Nummer erinnert, trifft auf massiv wuchtige Gummi-Skulpturen der beiden Schweizer. Das passt nicht. Grösser könnte der Unterschied kaum sein. Und doch, beim weiteren Ausstellungsrundgang wird immer deutlicher, dass die Künstler viel verbindet. Weniger in der Art der Umsetzung, als vielmehr in der grundlegenden Thematik des labilen Gleichgewichts, mit der sie sich immer wieder auseinandersetzen.

Mutiger Kunst-Dialog

Der Ausstellung gelingt es, dass wir das Werk Calders, über das schon alles gesagt zu sein schien, aber auch das Werk von Fischli/Weiss mit neuen Augen sehen. Kuratorin Theodora Fischer gebührt ein grosses Lob für ihren Mut zu diesem unerwarteten und überraschenden künstlerischen Dialog. Die erste Brücke, die sich auftut, führt zu Calders Frühwerk. Calder liebte den Zirkus. Gemälde und Zeichnungen, aber auch frühe Draht-Skulpturen wie die Artistenfamilie zeugen von dieser Begeisterung. Ein erster Höhepunkt ist der «Cirque Calder», ein komplexer Miniaturzirkus, den der Amerikaner kurz nach seiner Ankunft in Paris Mitte der 1920er-Jahre erstmals aufführt. Die Zirkusfiguren und Requisiten sind gebastelt aus allen möglichen Materialien. Ganz ähnlich wie die Zutaten, die Fischli/Weiss in ihrer grandiosen Kettenreaktion «Der Lauf der Dinge» verwenden. Der in einem Zeitraum von zwei Jahren gedrehte, 30minütige Film hat nichts von seiner Faszination verloren. Die Gegenstände, die von den Künstlern in Bewegung gesetzt wurden, werden, jetzt «stillgelegt», in einer Vitrine ausgestellt. Die Arbeiten von Fischli/Weiss haben, wie sich schnell zeigt, ungleich mehr Humor als die Werke von Calder. Manchmal scheint es gar, als seien sie ein bewusster ironischer Kommentar zu Calder. Calder prägte für seine abstrakten Objekte der frühen 1930er-Jahre den Begriff der «angehaltenen Bewegung». Noch stärker zeichnen sich seine Mobiles durch ein fragiles Gleichgewicht aus. Sie sind perfekt austariert. Es geht um Bewegung und Balance. Fischli/Weiss folgen dagegen dem Motto: «Am schönsten ist das Gleichgewicht kurz bevor's zusammenbricht.» Für ihre Werkserie «Equilibres» türmen sie Stühle, Gemüse, Flaschen und Küchenutensilien zu sinnlosen, flüchtigen Skulpturen, die jeden Moment zusammenzustürzen drohen. Fotos halten den riskanten Balanceakt fest.

Grandioser Skulpturengarten

Die Ausstellung würde auch als reine Calder-Werkschau funktionieren. Das zeigt sich vor allem in dem grössten Ausstellungssaal, der 24 Skulpturen Calders versammelt. Als Ausstellungsbesucher wandelt man durch diesen Skulpturengarten und ist einfach überwältigt. Die Vielfalt der Formen beeindruckt, ebenso das grazile Schattenspiel. Die ungewöhnliche Art der Präsentation geht auf Calder selbst zurück. Sind am Ende alle Fragen geklärt? Mitnichten. Fischli/Weiss konfrontieren mit ihrer «Fragenprojektion». Tiefsinnige, aber auch belanglose Fragen werden von 15 Diaprojektoren an die Wand geworfen. Einen Bezug zu Calder gibt es in diesem Fall nicht. Aber viel Nachdenkenswertes. Findet mich das Glück, fragt das Künstlerduo? Und: Ist Unentschlossenheit ein Beweis für die Freiheit des Willens?

Fondation Beyeler, Riehen/Basel Bis 4. September Täglich 10–18 Uhr, Mi bis 20 Uhr www.fondationbeyeler.ch

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