Fragiler Moment der Gegenwart

In 68 Bildern erzählen Jacqueline Kissling und Tushar Desai im Architekturforum Ostschweiz vom rasanten Wandel einer Strasse im indischen Vadodara, wo alte Gebäude und ihre Bewohner modernen Wohnkomplexen weichen müssen.

Christina Genova
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An der R. C. Dutt Road in Vadodara ist die «Earth-IV» gerade fertiggestellt worden. Dort hat es nicht für alle Platz. (Bild: pd/Jacqueline Kissling & Tushar Desai)

An der R. C. Dutt Road in Vadodara ist die «Earth-IV» gerade fertiggestellt worden. Dort hat es nicht für alle Platz. (Bild: pd/Jacqueline Kissling & Tushar Desai)

ST. GALLEN. Nur anderthalb Kilometer lang ist die Race Course Dutt Road im indischen Vadodara. Sie gehört zu den Hauptverkehrsachsen der 2,5 Millionen Stadt im indischen Bundesstaat Gujarat und erschliesst unter anderem den Bahnhof. Die Rorschacher Architektin Jacqueline Kissling und ihr Mann Tushar Desai kennen diese Strasse sehr gut. Jacqueline Kissling besucht sie seit bald 25 Jahren, weil dort die Eltern ihres Mannes leben.

Tushar Desai hat sie schon als Kind erlebt. Er erinnert sich an eine R. C. Dutt Road, die damals noch Lebensraum, Spielplatz und Handelsplatz war. In den letzten drei Jahren hat das Paar die Strasse mit der Kamera dokumentiert. Daraus entstanden ist eine kleine, feine Fotoausstellung, die bis Anfang Februar im Architekturforum Ostschweiz zu sehen ist.

Zusammenprall der Welten

Die Fotos dokumentieren den rasanten Wandel der Strasse, die stellvertretend steht für viele ähnliche in ganz Indien. Gegensätze prallen aufeinander: Neue, klimatisierte Wohnanlagen nach westlichem Vorbild stehen nur durch eine Mauer getrennt neben ärmlichen Behausungen. Dort picken Hühner im Staub und lassen Kinder ihre Drachen steigen. Einst prächtige Gebäude aus der Kolonialzeit und ältere Wohnhäuser sind am Zerfallen, dafür wird fleissig am Mittelstreifen gebaut, der den wachsenden Verkehr kanalisieren soll.

Die grossen Unterschiede zwischen Arm und Reich, Alt und Neu irritieren den westlichen Betrachter. Die Übergänge sind nicht fliessend, sondern Welten prallen abrupt aufeinander. Doch die Prozesse, die dazu führen, dass sich das Strassenbild der R. C. Dutt Road derart rasant verändert, laufen auch bei uns ab. Gentrifizierung nennt man es, wenn es plötzlich chic wird, in einem heruntergekommenen Quartier zu wohnen. Wenn die Bodenpreise steigen und Altbauten luxussaniert oder abgerissen und durch Gebäude ersetzt werden, die mehr Rendite versprechen.

Menschen verschwinden

Übrig bleiben die ursprünglichen Bewohner. Sie halten sich noch eine Zeit lang in den Nischen, bis auch diese verschwinden und mit ihnen die Menschen, für die es dann keinen Platz mehr gibt. Dass an der R. C. Dutt Road dieser Verdrängungsprozess gerade im Gang ist, ist auf den Fotografien von Jacqueline Kissling und Tushar Desai mit den Händen zu greifen. Noch gibt es den lottrigen Kiosk an der Strassenecke, wo Knabbereien in bunten Verpackungen die Käufer anlocken. Noch verkauft der Händler seine Krawatten im Schatten des Banyan-Baumes.

Aber wie lange wird es dauern, bis sie einer breiteren Strasse oder einem neuen Einkaufszentrum Platz machen müssen? «Wir haben einen fragilen Moment der Gegenwart festgehalten. Es gibt ihn fast nicht, weil morgen schon alles anders ist», sagt Jacqueline Kissling. Die Menschen, das spürt man, liegen dem Architektenpaar besonders am Herzen. Sie haben den stolzen Blick der Wanderarbeiterin eingefangen, die in einer behelfsmässigen Behausung neben der Baustelle lebt. Oder den fragenden Ausdruck im Gesicht des Mädchens, das mit seiner Familie am Rand der Strasse wohnt.

Abschied nehmen

Mit ihren Fotos liefern Jacqueline Kissling und Tushar Desai keine Antworten oder Lösungen, sie halten nur fest. Aber sie schauen genau hin. «Wir wollten nicht anklagend sein», sagt Jacqueline Kissling, «Aber der Blick ist ein kritischer.» Es ist ein liebevoller, etwas nostalgischer Blick auf eine Strasse, die ihnen viel bedeutet und von der sie bald Abschied nehmen müssen. Tushar Desais Eltern werden die R. C. Dutt Road bald verlassen und ausserhalb der Grossstadt in eine Alterswohnung ziehen. Dies war der Anlass für das Fotoprojekt: «Es ist eine Möglichkeit, mit Vertrautem abzuschliessen und das Erlebte zu würden», sagt Jacqueline Kissling.

Architekturforum Ostschweiz, Davidstrasse 40; Di–So 13–17 Uhr, Finissage Do, 4.2., 18.30 Uhr.

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