Fotos aus der Sperrzone: Im Kunstmuseum sind Bilder von Arealen zu sehen, wo Militär und Armee trainieren

Der deutsche Fotojournalist Claudio Hils zeigt im Kunstmuseum Thurgau grossformatige Bilder von Orten, die der Normalbürger nicht betreten darf. «Heimatfront» heisst die Ausstellung, die ab 27. September geöffnet ist.

Dieter Langhart
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Claudio Hils vor zwei seiner Fotografien in der Ausstellung «Heimatfront».

Claudio Hils vor zwei seiner Fotografien in der Ausstellung «Heimatfront».

Bild: Dieter Langhart (24. September 2020)

Wie sieht der Krieg aus? So wie im Fernsehen, in der Zeitung? Mit Soldaten, Waffen, Verwundeten? Bei uns ist er verschwunden, wir leben in Frieden. Doch was, wenn er wiederkommt, vielleicht als politische Unruhen? Dafür wollen Polizei, Sondereinsatzkommandos, Armeen bereit sein, und dafür müssen sie trainieren – aber wo?

Auf dieser Anlage im deutschen Stetten am kalten Markt finden Brandübungen statt.

Auf dieser Anlage im deutschen Stetten am kalten Markt finden Brandübungen statt.

Bild: Claudio Hils

Der deutsche Fotojournalist Claudio Hils interessiert sich für politisch-gesellschaftliche Zusammenhänge und Konflikte. Er ist durch die Tabuzonen, die verborgenen, gesperrten Gelände der halben Welt gefahren. «Zeitlose Geisterlandschaften» nennt er sie beim Presserundgang im Kunstmuseum in der Kartause Ittingen. Da zeigt er ab Sonntag seine Ausstellung «Heimatfront».

Zeitlose Geisterlandschaften: Aufnahme aus der Staufer-Kaserne Pfullendorf.

Zeitlose Geisterlandschaften: Aufnahme aus der Staufer-Kaserne Pfullendorf.

Bild: Claudio Hils

Die grossformatigen Aufnahmen seiner Besuche der Militärareale auf der Schwäbischen Alb erinnern an Architekturaufnahmen verlassener Orte, denn Menschen sollten und durften nicht darauf erscheinen. Hils arbeitet nicht dokumentarisch, doch was er vorfindet, stellt er in einen – unbewussten oder gewollten – Zusammenhang.

Urteilen will er nicht. «So ist es da nicht», sagt er zu seinen Fotografien, «das ist nur mein Blick auf die Dinge.» Er mache mit der Kamera seltsame Stimmungen und fremdartige Zeichensysteme aus, «die wir oft nicht lesen können». Das beunruhigt ihn.

Die Akteure bleiben unsichtbar

Vor gut 15 Jahren ist Hils wieder in seine süddeutsche Heimat zurückgekehrt. Der 1962 Geborene erinnert sich an seine Jugend, an den Kalten Krieg, an die da gelagerten Pershing-Raketen. Doch was hat sich wirklich geändert?

Darstellung von Rauch und Flammen im Inneren eines Gebäudes.

Darstellung von Rauch und Flammen im Inneren eines Gebäudes.

Bild: Claudio Hils

Fünf Jahre hat er an Ausstellung und Buch gearbeitet. «Mit 50 Aufnahmen kann ich eine komplexe Geschichte erzählen.» Für die Kartause hat Stefanie Hoch eine schlüssige Auswahl getroffen; diese ist später in der Kreisgalerie Schloss Messkirch zu sehen.

Der Kuratorin des Kunstmuseums Thurgau, die einen ausführlichen Essay zum Kunstband beigesteuert hat, erscheinen die Szenen wie Bühnenbilder, vor denen das Militär übt – und Hils habe mit seinen Aufnahmen erneut Bühnenbilder erschaffen, denn die Akteure bleiben unsichtbar.

Aufnahme eines Brandübungshauses.

Aufnahme eines Brandübungshauses.

Bild: Claudio Hils

Natürlich habe er seine Fotos den Kommandanten vorlegen müssen, sei aber nicht zensuriert worden. Im Begleitprogramm werden auch zwei hohe Offiziere der Bundeswehr und des Waffenplatzes Frauenfeld sich mit Museumsdirektor Markus Landert unterhalten.

Claudio Hils sagt: «Ich habe mich vor 20 Jahren für das Buch entschieden, auch wenn Print für tot erklärt worden war.» Seine Projekt- und Publikationsliste ist lang, sein erster Bildband «Neuland» erschien 1999. Der prächtige Band umfasst, neben weiterführenden Textbeiträgen, weitaus mehr Aufnahmen, als in der Kartause zu sehen sind.

Menschen am Tag der offenen Tür

Auf der Galerie sodann hält Hils eine hintersinnige Spielerei bereit: Sein Versuch mit einer Kriegs-Simulations-Software, in der er sich «verloren und ohnmächtig» gefühlt habe. Gleich daneben hängen impressionistisch anmutende Landschaftsgemälde voller Einschusslöcher – ein weiteres Bühnenbild für eine möglichst realistische Übungsumgebung.

Wanddurchbruch und Einschusslöcher in einem Übungshaus.

Wanddurchbruch und Einschusslöcher in einem Übungshaus.

Bild: Claudio Hils

Der Fotograf lässt die Betrachter nicht allein und erklärt seine Bilder mit ausführlichen Legenden. Auf einer Aufnahme ist eine gelbe Ortstafel zu sehen, doch kein Name steht darauf. Und nur einmal zeigt Hils Menschen – bei einem Tag der offenen Tür.

Ausnahmsweise mit Menschen: Tag der Bundeswehr im Juni 2019 in der Staufer-Kaserne Pfullendorf.

Ausnahmsweise mit Menschen: Tag der Bundeswehr im Juni 2019 in der Staufer-Kaserne Pfullendorf.

Bild: Claudio Hils

Für Hils ist alles fragil, aber nichts ist ironisch gemeint. Und seine Frage bleibt in den Museumsräumen hängen: Wo bricht die Welt zusammen? Wo beginnt die Entmenschlichung des Krieges? Hils ist ein Künstler, bei dem die Moral stets mitschwingt:

«Ich will es niemandem recht machen, ich sehe keinen Grund für Fröhlichkeit.»

Vernissage: 27. September, 11.30 Uhr
Ausstellung bis 18. April 2021
Kunstmuseum Thurgau

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