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FOTOGRAFIE: Mensch und Maschine

Jakob Tuggener war fasziniert von Lärm und Kraft der Maschinen. Die Fotostiftung Schweiz widmet ihm eine grosse Retrospektive samt einigen Filmen.
Dieter Langhart
Weberei, Glattfelden, 1940er-Jahre. (Bilder: Jakob-Tuggener-Stiftung)

Weberei, Glattfelden, 1940er-Jahre. (Bilder: Jakob-Tuggener-Stiftung)

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

Welch Gegensatz: Jakob Tuggener (1904–88) hat die schönen Menschen an ihren Bällen in Berlin oder Zürich abgelichtet und die dreckigen Arbeiter in den Fabriken. Er liebte den Luxus der Hautevolee und den Lärm der Maschinen. «Seide und Maschinen, das ist Tuggener», sagte er einmal. Beides war 2000 im Zürcher Kunsthaus zu sehen, auch seine Landschaften. Die Fotostiftung, die einen Teil seines Nachlasses verwaltet, konzentriert sich mit «Maschinenzeit» auf die Fotografien und Filme aus der Welt der Arbeit und der Industrie.

Handweber oder Heizer, Spediteurinnen oder Schmiede in Textil- und Maschinenfabriken: Jakob Tuggener kannte, was er fotografierte und später auch filmte. Der Maschinenzeichner lernte den Umgang mit der Kamera, und als er wegen der Wirtschaftskrise 1929 seine Stelle verlor, machte er seinen alten Traum wahr, Künstler zu werden: Er studierte an der Reimann-Schule in Berlin Typografie und Film.

Der «Bilderdichter» dachte in Doppelseiten

Tuggener kehrt in die Schweiz zurück und macht sich selbständig. Für den «Gleichrichter», die Hauszeitung der Maschinenfabrik Oerlikon, erarbeitet er eine fotografische Innensicht aus Reportagen und Porträtserien, die die Kluft zwischen Arbeiterschaft und Geschäftsleitung verringern soll. Direktor Hans Schindler wird Jakob Tuggeners Freund und Mäzen, vermittelt ihm Aufträge, und Tuggener kann sich vermehrt eigenen Projekten widmen. Er schult seinen Sinn für Bildabläufe, verfeinert die expressive Ästhetik seiner Fotografien. Das Buch «Fabrik» verschafft ihm 1943, mitten im Krieg, internationale Anerkennung; es bildet auch die Basis für diese Ausstellung.

Mehr als sechzig Maquetten für Fotobände entstehen in einem halben Jahrhundert. «Jakob Tuggener dachte immer an die Bücher – in Doppelseiten», sagt Kurator Martin Gasser. Einige Vintage-Prints in der Ausstellung belegen dies: In der Küche seiner Einzimmerwohnung vergrösserte Tuggener das Negativ je zur Hälfte und fügte die Abzüge mit Klebeband zusammen. Bei Steidl Göttingen erscheint eine Kassette mit zwölf Buchmaquetten als faksimilierte Erstausgaben, vierzehn Kurzfilme auf DVD und ein Begleitband.

Jakob Tuggener war ein Augenmensch und überzeugt, dass Worte die Essenz eines Bildes nicht wiedergeben können: «Ein Bild kann durch einen Text nur erklärt, nicht aber erlebt werden. Die Seele liegt tiefer unten, dort, wo keine Worte hinzudringen vermögen.» Seine Filme sind Stummfilme. Er wollte nicht dokumentieren, sondern mit Bildern zeigen, was in ihm anklang, wenn er die Wucht der Maschinen und den verletzlichen Menschen sah. Er hatte ein gutes Auge für dynamische Kontraste und Kompositionen, für poetische Momente, für das Unscheinbare und Nebensächliche: Eisenstifte in einer Männerhand oder ein Zigarettenpäckchen zwischen Bolzen. Und Jakob Tuggener malte auch: Zwischen den Fotografien von zwei Flugmeetings in Dübendorf hängt ein Aquarell, und selbst die Kondensstreifen am Himmel wirken wie Bilder.

Kippmoment im technischen Fortschritt

Jakob Tuggener zeigte die Welt, die er erlebte und liebte; eine Welt, die uns längst fremd geworden ist. Er war bewusst apolitisch und kein Arbeiterfotograf. Aber seine Faszination für Eisenbahnen und Dampfschiffe, Staudämme und Autorennen kippte, als er die Gefahren erkannte, die im Fortschritt lauerten, als er sah, wie die Technik den Menschen zu ersetzen begann. Als Oerlikon-Bührle seine Waffen an die Alliierten wie an die Achsenmächte verkaufte, setzte Tuggener einen besorgten Arbeiter wie ein Püppchen zwischen einen Stapel Granaten. Und in «Schwarze Fabrik», der letzten Serie, dominiert das Schwarz, Arbeitslose warten in dunklen Wartesälen.

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