FOTOGRAFIE: Der Sellerie wird zum Kometen

Tine Edel, vor allem als Theaterfotografin bekannt, erschliesst sich mit analoger Fotografie neue Ausdrucksformen. Im Architekturforum sind Bilder voll Stille, Geheimnis und Überraschung zu sehen.

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Tine Edel taucht fotografisch in geheimnisvolle Schwarz-Weiss-Welten ein. (Bild: Michel Canonica)

Tine Edel taucht fotografisch in geheimnisvolle Schwarz-Weiss-Welten ein. (Bild: Michel Canonica)

Ein Hocker mit einem Stoff ­behängt. Eigentlich ein ruhiges Stillleben, wäre da nicht ein unscharfer, sternförmiger dunkler Fleck. Tine Edel arrangiert im Studio unscheinbare Szenen mit einfachen Gegenständen. Verfremdet oder besser mit einem zusätzlichen Geheimnis aufgeladen werden sie in einem ersten Prozess, bei dem die Fotografin etwa in der Kamera selbst kleine Objekte platziert. «Es gibt den richtigen Moment, in dem ich eine Inszenierung als stimmig empfinde», sagt Tine Edel, die das atmosphärisch als genau empfundene Bild dann intuitiv auswählt.

Die durch die analogen Kameras vorgegebenen kleinen Formate transportieren Bilder, bei denen die Frage im Vordergrund steht: Wie kann ich ein Bild steuern, wieweit kann ich in eine bereits inszenierte Wirklichkeit noch weiter eingreifen, wo liegt der Überraschungsmoment?

Kein Sujet der Ausstellung im Architekturforum wiederholt sich. Die fotografische Aussage besticht durch genau dosierte Reduktion. Eine Kartoffelschale, als solche kaum mehr erkennbar, bildet den geheimnisvollen Hintergrund zu einem Tischchen. Auf einer anderen Arbeit wird ein ­Sellerie zu etwas, was man eher als Kometen erkennt, der durch unendliche Weiten saust.

Experimentieren für poetische Aussagen

Eingriffe nimmt die Künstlerin, die man in St. Gallen vor allem als Theaterfotografin kennt, auch beim Entwickeln der Negative vor. Ein zweites Mal, beim Bannen des Fotografierten aufs Papier, spürt sie den lichtchemischen Prozessen nach, deren Unveränderbarkeit, aber auch deren Manipulierbarkeit.

Chemische Reaktionen akzeptieren, abändern, aber auch «fehlerhafte» Entwicklungen zulassen: Sogenannte Fehler oder eben überraschende Wendungen können so ein spannendes oder hintergründiges Bildelement verstärken. Tine Edel greift bisweilen auch mit dem Pinsel ein, indem sie die Entwickler- oder eine Bleichflüssigkeit auf deren Wirkung auf das Bild untersucht, aber sie auch einfach sich entfalten lässt.

Was hinterlässt beim Inszenieren, beim Fotografieren, beim Entfremden, beim chemischen Einwirken welche Spuren? Die Antworten auf diese Frage werden bei den Arbeiten von Tine Edel, die dafür einen Förderbeitrag der Stadt St. Gallen erhalten hat, zu poetischen Spuren auf so rätselhaften wie faszinierenden Fotografien. Und: Bei allem Experimentieren verfällt Tine Edel nie einer vordergründigen Technik- und Effektverliebtheit. Die Bilder sind daher im Ergebnis kleine Meditationen, sie strahlen Intensität, Stille und Ruhe aus.

Martin Preisser

martin.preisser

@tagblatt.ch

Bis 26. März; Di–So 14–17 Uhr, Architekturforum Ostschweiz, Davidstr. 40, St. Gallen; Sa, 18.3. 12–16 Uhr: Installation «Im Inneren der Camera Obscura»