Forscherin trifft auf Spielerin

Andrea Wiesli hat vom Kanton Thurgau im Mai einen der sechs Förderbeiträge erhalten. Ausgezeichnet wurde eine neugierige Pianistin, die in Bibliotheken und Archiven genauso versiert unterwegs ist wie auf den Klaviertasten – immer auf der Suche nach unbekannten Perlen.

Martin Preisser
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Konzertpianistin Andrea Wiesli hebt die Grenzen zwischen Musik und Musikwissenschaft immer wieder auf. (Bild: Martin Preisser)

Konzertpianistin Andrea Wiesli hebt die Grenzen zwischen Musik und Musikwissenschaft immer wieder auf. (Bild: Martin Preisser)

ZÜRICH. Ein paar Häuser weiter hat Brahms an seinem «Deutschen Requiem» gearbeitet, um die Strassenecke hat der romantische Komponist Hermann Goetz gewohnt und ist hier an Tuberkulose gestorben. Ebenfalls in Zürich-Hottingen, beim Römerhof, wohnt eine Pianistin, die sich für diese Zeit interessiert. Sie weiss aber nicht nur über Brahms und Goetz Bescheid, sondern auch über Theodor Billroth, den Vater der Bauchchirurgie. Dieser hat fünf Jahre in Zürich gewirkt und dort Brahms kennengelernt. Eine tiefe Freundschaft zwischen dem Arzt, der ein sehr guter Bratscher und Amateurpianist war, und dem Komponisten entstand.

Schlaflos nach Preisverleihung

Andrea Wiesli, die aus Wilen im Thurgau stammt, sitzt an ihrem wunderschönen Steinway-Flügel aus Mahagoni-Holz. Und es sprudelt gutgelaunt nur so aus ihr heraus, wenn sie all die biographischen Details, all die künstlerischen Netzwerke im Musiker-Zürich des 19. Jahrhunderts erklärt. Im Mai hat sie einen Förderbeitrag des Kantons Thurgau erhalten. «Nach der Preisverleihung war ich ziemlich aufgedreht, ich konnte die ganze Nacht danach kaum schlafen», erzählt sie mit viel Humor.

«So im Mittelpunkt zu stehen, ohne an diesem Abend etwas gemacht zu haben, war für mich speziell.» Andrea Wiesli hat natürlich schon viel gemacht, und der Kopf ist auch nach dem Förderbeitrag voller Ideen, Konzepte und Projekte. Sie erzählt ganz quirlig, weiss kaum, wo anfangen und wo aufhören, über all die spannenden Querverbindungen zu reden, die sie ihrem Publikum näherbringen will.

Keine Hemmschwellen

Die 38jährige Konzertpianistin, die bei Konstantin Scherbakov mit Auszeichnung abgeschlossen hat, ist eine Switcherin. Zwischen Musik und Musikwissenschaft. «Da gibt es ja oft Hemmschwellen, aber mich inspiriert es enorm, bei der Interpretation eines Klavierstücks die biographischen Hintergründe und Zusammenhänge genau zu kennen.»

Liszt bewunderte Schubert

Andrea Wiesli ist eine so begeisterte Musikwissenschafterin wie eine hochsensible Pianistin. Dass sie das eine tun und das andere nicht lassen kann, dafür ist ihre Beschäftigung mit Liszts kongenialen Schubert-Transkriptionen klarstes Beispiel.

An der Uni Zürich hat sie mit diesem Thema promoviert. Ihre Doktorarbeit hat sie dieser Tage abgeschlossen. Ihre These: Für Liszt ist Schubert identitätsstiftend. «Liszt wollte nicht einfach hochvirtuose Schubert-Übertragungen schreiben, sondern es war ihm ein inneres Bedürfnis sich mit Schubert zu beschäftigen.» Feinfühlig und respektvoll habe sich Liszt Schubert angenähert, ihn aber auch neu interpretiert. «Vieles in den wunderbaren Lied-Transkriptionen tönt ja durchaus mehr nach Liszt als nach Schubert», bewundert Andrea Wiesli diese besondere und beim damaligen Wiener Publikum sehr erfolgreiche Rezeption.

Dann schlüpft Andrea Wiesli in die Rolle der phantasievollen und anschlagsgenauen Pianistin, wenn sie diese Transkriptionen von Liszt einspielt: «Poetry in Music» heisst ihr erstes Solo-Album, das – von der Kritik gelobt – neben Liszt-Schubert auch viel unbekannte Schweizer Klaviermusik der Romantik enthält.

Ein Herz für Zürcher Musik

Neben der Wissenschafterin und der Pianistin ist Andrea Wiesli auch eine Perlentaucherin. Fröhlich, neugierig, immer auf der Suche nach wertvoller, aber unbekannter Musik, die sie dem Publikum wieder schenken will. Für ihre neue Doppel-CD «Zürich klingt», die im Januar 2017 erscheint, spielt sie Musik von Zürcher Komponisten ein, auch mit ihrem Trio Fontane. «Wenn ich am Computer in der Zentralbibliothek Zürich sitze und nach alten Partituren suche, dann kann mich das fast ein wenig süchtig machen.» Eine beglückende Detektivarbeit sei das.

Und unbekannte Werke wieder aufzuführen ermögliche den eigenen, neugierigen Zugang zu Musik, ohne den Druck einer langen Rezeptionsgeschichte, den man oft spüre, wenn man sich mit den bekannten Meisterwerken auseinandersetze, sagt Andrea Wiesli. Forschen oder spielen, schreiben oder konzertieren, das geht bei ihr ineinander über. «Aber das Herz ist bei der Musik. Klavierspielen erdet, die Zeit bleibt stehen.»

Eine unbekannte Perle, die sie ausgegraben hat, ist das Klavierkonzert von Volkmar Andreae (1879–1962), der 43 Jahre Dirigent des Zürcher Tonhalle Orchesters war. Wenn sie die handschriftlichen Noten durchgeht, ist da wieder diese Frische, dieser Enthusiasmus, mit dem Andrea Wiesli von Musik erzählt, und ihrer Vorfreude, das Werk nächstes Jahr als Festkonzert 100 Jahre Zentralbibliothek Zürich erstmals im Grossen Tonhallesaal spielen zu dürfen. Dort aufzutreten ist für jede Musikerin natürlich ein grosser Moment.

Spartenübergreifend

Forschen, spielen, Neues entdecken genügt Andrea Wiesli immer noch nicht. Sie will das Entdeckte auch auf andere Art präsentieren, nicht nur als Konzert. Sondern etwa in Verbindung mit Schauspielern oder Tänzern, oder kombiniert mit einer Lesung, deutlich in Anlehnung an das Konzept der Klang-Chroniken von Armin Brunner. Da trifft sie dann auf den Kabarettisten Franz Hohler oder den Hackbrettvirtuosen Nicolas Senn. Musik soll in ihrem historischen Kontext lebendig werden, das treibt Andrea Wiesli um. Vor Elan sprudelnd, könnte die Pianistin, in ihrer Freizeit eine Leseratte, noch von einem langen Katalog weiterer Ideen erzählen...