Fondation Beyeler zeigt Edward Hopper: Von ihm liessen sich sogar Starregisseure inspirieren

Fern des Klischees vom amerikanischen Realismus ist das Werk eines grossartigen, rätselhaften Künstlers zu entdecken, der viel mehr mit Surrealismus und Suspense zu tun hat als angenommen.

Mathias Balzer
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«Cape Cod Morning» ist eines der zahlreichen Meisterwerke Edward Hoppers, die in der Fondation Beyeler zu sehen sind.

«Cape Cod Morning» ist eines der zahlreichen Meisterwerke Edward Hoppers, die in der Fondation Beyeler zu sehen sind.

Bild: Heirs of Josephine Hopper, Pro Litteris Bild: 

Edward Hopper (1882–1967) ist eine Ikone der amerikanischen Malerei. Seine von Eisenbahnen und Strassen durchkreuzten Landschaften, vor allem aber seine einsamen, in die Leere blickenden Menschen haben die Wahrnehmung der USA nachhaltig geprägt.

Hopper hat sich im Alter kritisch über die abstrakte Malerei der Fünfzigerjahre geäussert. Auch deshalb wird er von jenen als Held des Realismus gefeiert, die in der Kunst ein Abbild der äusseren Wirklichkeit sehen wollen. Hopper als simplen Realisten zu bezeichnen, ist jedoch ein Missverständnis. Er ist zwar der populärste amerikanische Künstler, aber er ist auch der bekannteste Unbekannte. Das ist ab diesem Wochenende in der Fondation Beyeler in Riehen zu erfahren. Sie zeigt 66 Werke Hoppers, Ölgemälde, Aquarelle und Kohlezeichnungen.

Für Fans vorweg: «Nighthawks», die Bar der einsamen Nachtschwärmer, sein berühmtestes Bild, ist in Riehen nicht zu sehen. Vielmehr stellt die Schau Hoppers Landschaften ins Zentrum und eröffnet dadurch Einblicke in ein vermeintlich bekanntes, aber eigentlich überraschendes Werk.

Die Ausstellung folgt nicht einer zeitlichen Chronologie, sie setzt Themen: Verkehrswege, Felsen, Licht und Schatten, Schiffe und Leuchttürme, Menschen und Landschaft, Häuser, den Wald. Trotz dieser Struktur wird die Entwicklung des Malers erfahrbar.

Hopper arbeitete nach seiner Ausbildung zum Grafiker jahrelang als Werber. Im New Yorker Telefonbuch liess er sich als «Verkäufer» eintragen. Erst nach drei Europareisen, vor allem nach Paris, und nach zaghaften, harzigen Anfängen, begann sich der scheue Einzelgänger durchzusetzen. 1925, mit 43 Jahren erst, wagte er den Sprung und widmete sich ausschliesslich der Kunst. Das war ein Jahr nach seiner Hochzeit mit der Malerin Josephine Nivison, die ihre eigene Karriere als Künstlerin derjenigen ihres Mannes opferte und ihn zeitlebens unterstützte.

Grosse Regisseure haben beim Maler abgeguckt

Meister des Rätselhaften

Edward Hopper war ein leidenschaftlicher Kinogänger und liess sich von dieser Kunst inspirieren. Bereits seine Illustrationen, die er als Werbegrafiker entwarf, atmen den Geist des Stummfilms. Seine späteren Gemälde erinnern an Filmszenen, die den Betrachter die verstörende Existenz eines vergangenen oder kommenden Ereignisses spüren lassen.

Umgekehrt haben sich gerade Filmleute auf seine Ästhetik berufen. Alfred Hitchcock, der Meister des Suspense, war ein Hopper-Fan. So sehr, dass er und sein Szenograf Robert F. Boyle Hopper ein filmisches Denkmal setzten. Die geheimnisumwitterte Villa aus «Psycho» ist ein Nachbau von Hoppers «House by the Railroad».

Für die Stimmung im Film «Blade Runner» liess sich Ridley Scott von Hoppers Bild «Nighthawks» inspirieren. Die zweifelhaften Vorstadtidyllen und undurchdringlichen Wälder bei David Lynch könnten einem seiner Gemälde entnommen sein.

Auch Wim Wenders «Paris, Texas» kann als Hommage an Hopper gelesen werden. Die Fondation Beyeler hat den deutschen Regisseur nun eingeladen, einen Film zum Werk des amerikanischen Malers zu realisieren.

Für «Two or Three Things I Know About Edward Hopper» ist Wenders durch die USA gereist, um Motive aus seinen Gemälden zu rekonstruieren. Was er zurückbringt, ist ein 14-minütiger 3-D-Film, ein kleines Meisterwerk. Der Regisseur spielt mit der Vorstellung, was vor oder nach dem Hopper-Moment passiert sein könnte: Wie endet die Begegnung des jungen Paares auf der Veranda von «Summer Evening»? Was hat der Tankwart in «Gas» eben erlebt?

Wenders taucht seine Stummfilmszenen in ein hyperreales Kunstlicht und unterstreicht sie mit spannungsgeladenem, melancholischem Sound. Da haben sich zwei Meister des Rätselhaften gefunden. (bal)

«Two or Three Things I Know About Edward Hopper».

«Two or Three Things I Know About Edward Hopper».

Bild: (Filmstill)

Dieser Wendepunkt ist in der Schau bei Beyeler ablesbar. Ab Mitte der 1920er-Jahre entsteht die unverkennbare Hopper-Atmosphäre. Wie in der Dekade zuvor sehen wir vermeintlich einfache Motive: zwei weisse Häuser an einer Allee, ein Stellwerk vor dem Sonnenuntergang, eine Esso-Tankstelle an einer Kreuzung. Und doch ist alles ungewöhnlich, seltsam eingefroren, unheimlich aufgeladen oder melancholisch verstimmt.

Und nun lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Was auf den ersten Blick als Realismus daherkommt, als Abbild der sozialen Misere während der Wirtschaftskrise oder als Feier der weiten Landschaft, entpuppt sich als etwas viel Rätselhafteres: Die beiden weissen Häuser an der Allee haben kein Gartentor und keine Tür. Der Strommast bei der Tankstelle, wie übrigens alle Strommasten bei Hopper, trägt gar keine Kabel. Die Wiese vor dem Haus, in dessen Türe eine junge Frau im Morgenmantel gegen den Horizont blickt, als ob sie jemanden erwarte – diese Wiese ist so unberührt, als sei sie überhaupt nie von einem Lebewesen betreten worden. Plötzlich steht der Betrachter nicht mehr vor realen Landschaften, sondern vor minuziös komponierten Szenerien, die an den Surrealisten Magritte denken lassen.

Der Maler des Unbewussten und Chronist der Strasse

Hopper selbst äusserte sich selten zu seinem Werk, und wenn, dann gab er sich kryptisch. Auf die Frage, um was es in diesen Bildern gehe, die angefüllt sind mit rostfarbenen Güterwagen, endlosen Strassen, allem Anschein nach leer stehenden Villen aus viktorianischer Zeit, antwortet der Maler: «I’m after me» – «Es geht um mich.» An anderer Stelle flunkert er: «Ich wollte Sonnenlicht auf die Seitenwand des Hauses malen.»

Dieser komplizierte, oft depressive Künstler, treuer, wenn auch oft streitender Ehemann einer zuweilen manischen Frau, zeigt in seiner Kunst sein Innerstes. Er malt zwar, wie er selbst sagt, «Asphaltstrassen in der brennenden Mittagssonne, Autos, die auf irgendwelchen gottverlassenen Abstellplätzen herumstehen, hinter allem die triste Ödnis unserer Vorstadtlandschaften». Er öffnet jedoch gleichzeitig ein Fenster ins Unbewusste. Seine Welt wird zum quälenden Rätsel wie in einem Film von David Lynch.

Dass Hopper seine Motive nicht bloss in langen Prozessen kunstvoll konstruierte, sondern auch Chronist mit Pinsel und Farbe war, das zeigen seine Kohlezeichnungen und Aquarelle. Viele davon entstanden auf ausgedehnten Autofahrten mit seiner Frau. Sie am Steuer, er, der 1,90 Meter grosse Hüne, auf dem Rücksitz. Es sind Schnappschüsse «on the road», lange bevor Jack Kerouac den endlosen Landstrassen der USA ein Monument setzte.

Tipp:
Edward Hopper: 26. Januar bis 17. Mai
Fondation Beyeler
Riehen

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