Folkmusikerin taumelt kunstvoll durchs Lebenschaos

Mit ihrem neuen Album «Designer» im Gepäck steht die neuseeländische Folk-Avantgardistin Aldous Harding dem Leben furchtlos gegenüber.

Melanie Biedermann
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Aldous Harding an einem ihrer Konzerte in Australien. (Foto: Marc Grimwade/WireImage/10.2.2018, Brisbane)

Aldous Harding an einem ihrer Konzerte in Australien. (Foto: Marc Grimwade/WireImage/10.2.2018, Brisbane)

Es ist leicht, sich in ihr zu verlieren: Aldous Hardings Stimme pendelt von bassigen Tiefen in schwindelerregende Höhen. Mit wenigen Worten verdichtet die 28-Jährige in ihren Songs Weltschmerz und Witz. Als sie vor drei Jahren ihr internationales Début­album veröffentlichte, sprachen Kritiker von Goth-Folk. «Party» handle von Ängsten, Alkohol- und Drogenmissbrauch, erklärte die Newcomerin damals gegenüber der «New York Times». Ihre Songs beschrieb sie als «latent blasphemische Hilfeschreie». Leichte Kost ist Harding auch auf ihrem Nachfolger nicht.

«Ich hoffe, ich kann Ihnen liefern, was Sie brauchen»

Der erste Eindruck beim Treffen im Londoner Sitz ihres Labels gibt dem Eindruck von Schwere ebenfalls wenig Gegensteuer. Die Musikerin telefoniert. Sie geht in grossen Schritten auf und ab, klingt emotional, als wäre sie mitten in einem aufwühlenden Gespräch mit ihrem Partner, womöglich auch einem Familienmitglied. Das Büro erklärt, sie stecke gerade noch im letzten Telefoninterview des Tages. Als Harding uns zehn Minuten später gegenübersitzt, wirkt sie in sich geruht, beinah apathisch. «Ich hoffe, ich kann Ihnen liefern, was Sie brauchen», beginnt die Neuseeländerin das Gespräch mit gesetzter Stimme. Diese Sprunghaftigkeit irritiert. Aber sie macht eben auch neugierig.

Mal Cowboy-Postergirl, mal Wiedergeburt von Madonna

«Ich sage in den meisten meiner Songs im Grunde dasselbe», erklärt Harding. Sie stockt. Die Lücken im Redefluss erinnern an die Stillräume in ihrer Musik. Oft füllt sie diese mit umherschweifenden Blicken, die sich unvermittelt festhaken. «Es ist, als würde mit jedem Song eine neue Version derselben Person dazukommen, die fragt: Warum eigentlich nicht mal so?» Sie wolle sich eben offenhalten, alle möglichen Versionen ihrer selbst zu sein. Das passt zum fluiden Bild, das die im neuseeländischen Küstenort Lyttelton nahe Christchurch geborene Hannah Harding als Künstlerin zeichnet: Gängige Unterscheidungsmerkmale von Geschlecht bis Kleiderstil scheinen für sie keine Rolle zu spielen.

Aldous ist bloss ihr Künstlername

Ihren Künstlernamen wählte sie, weil Aldous nach einer männlichen Version von Alice klingen würde. Die Frauenbilder, die sie in Musikvideos inszeniert, reichen vom fremdgesteuerten Cowboy-Postergirl («Blend», 2017) bis zu einer visuell auf vielen Ebenen ausufernden Art Madonna, die ihre Wiedergeburt erlebt («The Barrel», 2019). «Ich erkläre nichts, ich gebe keine Antworten. Aber ich kann zeigen, was in mir vorgeht», sagt sie. Manchmal fühle sie sich wahnsinnig stark und ermächtigt, in anderen Momenten spüre sie, wie sie dem gesellschaftlichen Druck nachgebe und die Meinung anderer ihre eigene trüge. Wahrscheinlich wolle sie damit andere ermutigen, zu ihren Gefühlen zu stehen. Oder wie sie sagt: «Es zulassen zu können, wenn dich etwas berührt, statt dich dafür zu verurteilen.» Als Musikerin falle es ihr leicht, schamlos zu sein, als Privatperson sei das nicht immer so.

Sie blickt konstant in die Tiefe der Psyche

Dass die junge Künstlerin in der Musikwelt oft mehr Halt findet als in der realen, mag auch daran liegen, dass sie schon immer davon umgeben war. Ihren ersten Song «Exactly What to Say» hat sie 13-jährig mit ihrer Mutter, der Folk-Musikerin Lorina Harding geschrieben. Ihr Vater ist Blues-Sänger. Ihr Weg schien früh vorgezeichnet. «Musikerin zu sein ist für mich definitiv mehr als ein Job. Ich liebe, was ich tue, und es kommt aus einem sehr ehrlichen Ort in mir heraus», sagt sie. Für «Designer» wollte sie stark wirken, ohne Verletzlichkeit auszuschliessen – das Leben finde schliesslich immer einen Weg, uns aus der Balance zu werfen. Während sie so spricht, ihren Blick abwechselnd schweifen und setzen lässt, kriegt man fast den Eindruck, Aldous Harding würde konstant durch alle Oberflächen direkt in die Tiefen der menschlichen Psyche blicken.

Wie furchtlos sie sich durch ihr eigenes Gefühlschaos navigiert, fasziniert, weil sie ihr Publikum schonungslos damit konfrontiert; in einem Moment fühlt man sich ihr bedrückend nah, im nächsten wieder Welten weit weg. Dass das viele überfordert, ist Harding ­bewusst: «Wir fürchten uns vor Dingen, die wir nicht greifen ­können.» Doch sie wolle ihr Potenzial nicht einschränken. Gegenüber dem Musikmagazin «Crack» formulierte sie es einmal so: «Wenn du es aushalten kannst, stehen dir alle Türen offen.» Aldous Harding kann eigentlich nur gewinnen. 

Hinweis
Aldous Harding: Designer, 4AD.