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Fötus-Hamlet wird Mordzeuge

Ian McEwan erzählt in «Nussschale» aus der Perspektive eines Fötus einen Mord. Ein grosses Lesevergnügen – das leider mit zu viel Autorwissen auftrumpft und eine abgedroschene Geschichte erzählt.
Hansruedi Kugler
Ian McEwan: Nussschale, Diogenes 2016, 288 S., Fr. 25.90

Ian McEwan: Nussschale, Diogenes 2016, 288 S., Fr. 25.90

«So, hier bin ich, kopfüber in einer Frau.» Hier spricht ein Fötus. Nach Charles Lewinsky («Andersen») erzählt dieses Jahr noch ein zweiter grosser Autor aus dieser Perspektive. Anders als bei Lewinsky aber hat Ian McEwans Erzähler kein Vorleben. Er ist ein Miniatur-Hamlet, zwei Wochen vor der Geburt. Seine Heimstätte ist beengt, er hört und spürt mehr als ihm lieb ist: Seine Mutter plant mit Hilfe ihres Liebhabers den Mord an ihrem Gatten, einem erfolglosen Poeten, um an dessen geerbtes Haus zu kommen. Sie merkt aber zu spät, dass sie diesen doch gern hat und dass der Liebhaber zwar ein sexuell potenter, aber dummer Kerl und eine treulos-berechnende Seele ist, der das Geld mehr liebt als die junge Frau. Weil ihr Liebhaber der Bruder ihres Mannes ist, wird die Hamlet-Konstellation perfekt. Der Autor schickt dem Roman denn auch ein Hamlet-Zitat voraus: «O Gott, ich könnte in eine Nussschale eingesperrt sein und mich für einen König halten, wenn nur meine bösen Träume nicht wären.»

Fötus wird Weinkenner und bekommt Kopfweh

Ian McEwan hatte gewaltigen Spass beim Schreiben, wie er in Interviews betont. Nach Meinung der meisten englischen Kritiker ist das Buch auch ein Vergnügen geworden – und bleibt es für jene Leser, welche dem Autor die abgestandene Rahmenhandlung verzeihen und als Spielfeld akzeptieren, auf dem er wunderbare Bilder, verblüffende Erkenntnisse, tolle Gedankengänge auslegt. Denn er hält die Erzählperspektive bis zur letzten Seite durch. Und was er da alles erlebt: Wenn er Kopfschmerzen bekommt, weil seine Mutter wieder mal zu viel Wein trinkt, oder wenn er seine Verwirrung schildert über all die Eindrücke: Ständig muss er Puzzleteile von Gehörtem und Gespürtem zusammensetzen. Zweifel kommen auf: Ist sein Vater wirklich ein langweiliger Poet? Oder ist das nur die Sicht der Mutter? Dann ist die Erzählung stark, hat Witz, Charme und Unmittelbarkeit – gerade, wenn sie kindliche Eifersucht offenbart. Der Fötus verzweifelt bei der Vorstellung, bald als Säugling bei dummen, intriganten Leuten leben zu müssen: «Ich wünschte, ich würde nie geboren…», um gleich danach lakonischen Witz zu zeigen: «Ich habe verschlafen.»

Er erduldet stoisch den heftig pumpenden Geschlechtsakt in seiner Stirnnähe und protestiert schon mal mit einem Fusstritt. Das ist lustig, mit schwarzem Humor und reichlich Snobismus vorgetragen. Die anfangs verachtete Mutter gewinnt er allmählich lieb. Er wird zum Weinkenner, philosophiert über Langweile und Liebe leichtfüssig intelligent und produziert blendende Bonmots, die viel Stoff zum Nachdenken geben. Existenziell wirft uns McEwan ohnehin in eine packende Situation: Mit seinem Fötus teilen wir alle die bitter-groteske Erfahrung des Wissens aus zweiter Hand, die daraus resultierende Konfusion und das Gefühl des machtlosen Ausgeliefertseins. Das macht den Fötus und mit ihm uns Leser zu existenziellen Brüdern Hamlets. Feinsinnig und toll gemacht.

Reine literarische Spielerei mit drei Problemen

Leider ahnt man aber in diesem Roman schon auf der ersten Seite fast alles. Spannend wird es nicht mehr, auch wenn man einen der klügsten Gegenwartsautoren vor sich hat. Das aber ist genau eines der drei Hauptprobleme dieses Romans: Da denkt sich ein Fötus allerhand über seine unmittelbare Aussenwelt. Allerdings – und das ist Problem Nummer 1 dieses Romans – so altklug und gewandt, dass man hier viel zu oft eher den Autor als ein frühkindliches Wesen sprechen hört. Ian McEwan hat denn auch in Interviews eingeräumt, dass sehr viel von ihm in der Hauptfigur stecke: Seine Haltungen, Beobachtungen, Reflexionen über Politik, Religion, ja selbst über die Gender-Frage fliessen in die Hauptfigur ein. Das ist ärgerlich, denn damit mindert er das Groteske an der Idee seiner originellen Erzählperspektive. Dass hier ein Fötus erzählt, wird so – Problem Nummer 2 – viel zu oft unglaubwürdig. McEwan muss tief in die Trickkiste greifen: Seine Mutter höre den ganzen Tag Sachbeiträge am Radio – daher sein grosses Wissen.

Schlimm aber ist Problem Nummer 3: Der Fötus wird Zeuge einer Vorbereitung eines Mordes, dessen Motive und Personal aber aus einem abgedroschenen Boulevardstück stammen. Letztlich ist «Nussschale» deshalb eine blosse Spielerei – die über weite Strecken allerdings grosses Lesevergnügen bietet. Aber keinem Vergleich standhält mit seinen Romanen wie «Abbitte» oder zuletzt dem atemberaubenden «Kindeswohl» über eine Familienrichterin im Gewissensdilemma angesichts fundamentalistischer Moralvorstellungen.

Der britische Schriftsteller Ian McEwan. (Bild: Samuel Golay/Ti-Press/KEY (Ascona, 14. April 2016))

Der britische Schriftsteller Ian McEwan. (Bild: Samuel Golay/Ti-Press/KEY (Ascona, 14. April 2016))

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