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FÖRDERPREISE: Fragwürdige regionale Literaturförderung

Im Frühjahr werden viele Werkbeiträge vergeben – für Künstler mit solidem Leistungsausweis. Im Thurgau jedoch bekommt Tabea Steiner eine üppige Förderung für ihren noch unfertigen Romanerstling.
Hansruedi Kugler

Der Fall ist aussergewöhnlich: Kaum je hat ein Autor oder eine Autorin mit einem schmaleren künstlerischen Leistungsausweis einen Thurgauer Förderpreis bekommen. Jedes Frühjahr erhalten sechs Preisträger je 25000 Franken. Sie können sich mit Projekten um diese Beiträge bewerben. Tabea Steiner ist in diesem Jahr eine von ihnen. Sie ist Lehrerin, wirkt als Literaturveranstalterin in Thun und Bern und hat 2009 den Kurzgeschichtenwettbewerb der Internationalen Bodenseekonferenz gewonnen. Abgesehen von zwei kurzen Erzählungen und einem Essay in Literaturzeitschriften hat sie nichts Literarisches publiziert. Keine ihrer längeren Geschichten hat bisher einen Verlag gefunden.

Schaut man sich die Thurgauer Preisträger der vergangenen Jahre an, erstaunt der Entscheid zugunsten von Tabea Steiner. Auf der Liste bisheriger Beitragsempfänger in der Sparte Literatur finden sich Namen wie Hans Gysi, Christian Uetz, Michael Stauffer, Peter Stamm, Jochen Kelter, Tania Kummer – allesamt Autorinnen und Autoren, die nach einem gelungenen Romanerstling oder mehreren Buchveröffentlichungen für weitere literarische Projekte Beiträge bekamen. Eine Ausnahme bildet da die bisher letzte Empfängerin eines Werkbeitrags im Bereich Literatur, die Autorin Bettina Wohlfender. Sie erhielt 2013 einen Förderbeitrag – ebenfalls für einen noch unfertigen Romanerstling, der ein Jahr später unter dem Titel «Das Observatorium» erschienen ist.

Viel staatliche Vorschussfinanzierung

Die 1981 geborene Tabea Steiner verbrachte 2014 als Artist in Residence drei Monate in Genua (ein Stipendium der Schweizer Städtekonferenz) mit der Arbeit an ihrem ersten Roman. Für den Text, der unter dem Arbeitstitel «Das Dorf» ein Dorfdrama zum Inhalt hat und weiter in Bearbeitung ist, hat sie einen Mentor engagiert, den Schriftsteller Urs Mannhart. Und für die Fertigstellung ihres Romans hat sie einen Förderbeitrag ihres Heimatkantons beantragt. Die Übergabe fand am 23. Mai statt. In der Laudatio heisst es, der Förderbeitrag «soll dazu beitragen, der fertigen Geschichte den entscheidenden sprachlichen Schliff zu geben».Viel staatliche Unterstützung also für einen über Jahre hinweg harzigen Romanerstling. Auf der Website von ThurgauKultur findet man eine Kurzgeschichte von Tabea Steiner: www.thurgaukultur.ch/magazin/3186 .

Dass es bei einem ersten Roman oder einem Erzählband auch anders – nämlich ohne staatliche Vorschusszahlungen – geht, dafür gibt es in der Ostschweiz genügend aktuelle Beispiele: Die Rorschacherin Anna Stern mit zwei Romanen und dem aktuellen Erzählband «Beim Auftauchen der Himmel», der Rapperswiler Frédéric Zwicker mit seinem Dementen-Roman «Hier können sie im Kreis gehen» oder der an der Uni St. Gallen studierende Alfonso Hophan mit seinem Erzähl-Triptychon «Schuld. Ein Geständnis».

Sie alle, um nur die jüngste Schriftstellergeneration zu nennen, haben mit bemerkenswerten Romanen und Erzählbänden Verleger überzeugt. Frédéric Zwicker hat aufgrund seines Romanerstlings und seiner journalistisch engagierten Reportagen von der St. Gallischen Kulturstiftung einen Förderpreis in der Höhe von 10000 Franken erhalten, um sein weiteres literarisches Schaffen zu ermöglichen. Dass die Vorfinanzierung eines Romanerstlings ungewöhnlich ist, zeigt sich auch im Vergleich mit den Werkbeiträgen des Amtes für Kultur des Kantons St. Gallen. Diese je nach Projekteingabe gestaffelten Beträge zwischen 10000 und 30000 Franken sind am 8. Juni übergeben worden. Unter den Empfängerinnen und Empfängern befindet sich die in Walenstadt lebende, 1951 geborene Lisa Elsässer, die seit vielen Jahren Gedichtbände veröffentlicht. Sie widmet sich in ihrem neuen literarischen Projekt dem Thema Schnee. Ausserdem der gebürtige St. Galler Rudolph Jula, der sich seit vielen Jahren mit Syrien als Land und Kulturlandschaft beschäftigt. Er plant eine literarische Reisereportage, die Zeitgeschichte auf mehreren Ebenen übereinanderlegt. Im Unterschied zu Tabea Steiner haben beide seit Jahren einen Verlag.

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler

@tagblatt.ch

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