Flüchtlinge

Lesbar Aussenseiter

Erika Achermann
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Philipp Ther Die Aussenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa, Suhrkamp, 436 S., Fr. 36.–

Die «Flüchtlingskrise» ist kein neues Phänomen. Der Auszug aus Ägypten, Josef und Maria, die vor den Häschern des Herodes fliehen – die Geschichte der Flucht geht weit zurück. Auch Europa ist seit dem Mittelalter ein Kontinent der Flüchtlinge gewesen. 1492 wurden eine halbe Million Juden und Muslime aus Spanien vertrieben. Während des Dreissigjährigen Krieges beherbergte Basel bei 20000 Einwohnern 7600 Flüchtlinge, und Bern nahm 1685 für 15 Jahre 6000 Protestanten auf, die aus dem katholischen Frankreich vertrieben wurden und setzte einen Fünftel seiner Staatsausgaben für die Fremden ein. Proportional zur Bevölkerungszahl nahm die Schweiz 1956 und 1968 mehr Flüchtlinge aus Ungarn und aus der Tschechoslowakei auf als jedes andere Land. Je grosszügiger die Bereitschaft, Flüchtlinge aufzunehmen, desto besser klappt die Integration, zeigt Philipp Ther. Sein Buch erzählt die Geschichte der Menschen, die vor Krieg und religiöser Intoleranz, vor radikalem Nationalismus und politischer Verfolgung zu Aussenseitern in der Fremde werden. Trotz Angst vor dem Scheitern der Integration haben die Zielländer fast immer von der Aufnahme der Flüchtlinge profitiert, zeigt der Historiker.

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Cyrill Stieger Wir wissen nicht mehr, wer wir sind. Vergessene Minderheiten auf dem Balkan, Zsolnay, 285 S., Fr. 28.–

Minderheiten

Kriege entzündeten sich oft an Minderheitenfragen. Eine Schlüsselrolle spielte das Osmanische Reich, jene Macht, der Erdogan heute nachfolgen möchte. Als es mit diesem Reich zu Ende ging, kam es auf dem Balkan zu kriegerischen Konflikten, denn die Ethnien waren so ineinander verwoben, dass es eigentlich nur Minderheiten gab. Bis heute sehen wir dies in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens. Der langjährige NZZ-Korrespondent Cyrill Stieger hat all die bekannten und vergessenen Minderheiten auf dem Balkan besucht, die muslimischen Pomaken in Bulgarien, die Torbeschen in Mazedonien, die Aromunen in Rumänien, um nur die unbekannteren zu nennen. Faszinierend vielfältige Welten, die in politischen Konflikten fast immer instrumentalisiert wurden, hält Cyrill Stieger in seinen Reportagen, Gesprächen und Analysen fest.

Erika Achermann

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