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Flucht in die Idylle: Kleine Schweizer Alpenfestivals erleben einen Boom

Wer dieser Tage das Klassikfestival in Ernen besucht, könnte ob der Idylle die Coronasorgen glatt vergessen. Die Leute strömen in die Konzerte. Der Vorverkauf beim grossen Lucerne Festival startet hingegen zögerlich. Ein Trend?

Christian Berzins aus Ernen
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Die Kirche Ernen ist ein Konzertort mit besonderer Atmosphäre.

Die Kirche Ernen ist ein Konzertort mit besonderer Atmosphäre.

bez

Ob Bayreuth, Salzburg oder Ernen mit seinen 518 Einwohnern, ob Hotel Rheingold, Amadeus oder holzheimeliges Alpenblick: Beim Frühstück gibt es zur Festspielzeit über die Tische hinweg nur ein Thema: die Aufführung vom Vorabend. Im «Alpenblick» in Ernen wird es einem zufällig ins Geschehen geratenen Wanderfreund angst und bange, wie entschieden da zum Herokonfitüre-Brötchen diskutiert wird. «Das Klavier war nicht exakt gestimmt und ihr Anschlag zu hart», tönt es Baseldeutsch aus der linken Ecke. «Warum hat sie den Ochsenkarren so laut begonnen?», wird in der Rechten rhetorisch gefragt.

Trotz der harten Bandagen: Am Abend sehen sich alle frohgemut im Konzert wieder. Eine Wanderung – zur Chäserstatt hier, in die Twingi-Schlucht dort – macht das lange Warten ertragbar. Und zwei Stunden vor dem Konzert schaut man auf Youtube die halbstündige Konzerteinführung.

So geht Festspielsommer! Ein intellektueller Spass, ein geistiger Florettkampf der Klassikliebhaber, wo den Unterlegenen Sechzehntel-Triolen und Pianissimo-Takte um die Ohren fliegen. Gegen ein «mir hat es gefallen» kommen aber selbst die Klassikweisen nicht an. Viele Gäste lassen die Musik und die Bergwelt zu einem grossen Ganzen verfliessen, kommen auch mal zu spät vom Berg herunter, sie wissen, dass man in der Kirche Ernen auch mit den Wanderschuhen Mozart hören darf. Dieser Schlag Festivalgast wartet auch sehnsüchtig auf den freien Festspielabend, um im «Ernergarten» eine Hecht-Bratwurst oder eine Omelette mit Lärchenasche zu essen, über die es genauso viel zu sagen gibt wie über die vieldiskutierte Pianistin.

Klavierduo-Spektakel (Sergey Tanin/Aleksandr Shaikin) in Ernen: Varvara Nepomnyashchaya, die bejubelte Solistin des Vorabends, ist sich nicht zu schade, als Seitenblätterin zu agieren.

Klavierduo-Spektakel (Sergey Tanin/Aleksandr Shaikin) in Ernen: Varvara Nepomnyashchaya, die bejubelte Solistin des Vorabends, ist sich nicht zu schade, als Seitenblätterin zu agieren.

Valerie Giger

Varvara Nepomnyashchaya hiess sie. Die Russin triumphierte am Dienstagabend in der prächtigen Kirche und war sich am Mittwoch nicht zu schade, beim Klavierduo-Konzert von Sergey Tanin und Aleksandr Shaikin die Noten umzublättern. Dieser Abend war allerdings mehr ein zirzensischer Kraftakt denn ein hochkünstlerisches Ereignis.

Hexencocktail zum Frühstück?

Wer jetzt erstaunt nachfragt, was denn da los sei, ob die Gäste im Goms jeden Morgen einen Hexencocktail erhalten und noch nie von Covid-19 gehört hätten, dem sei gesagt, dass sich der Festivalintendant Francesco Walter monatelang mit nichts anderem beschäftigte. Und als am Mittwochnachmittag die Meldung kam, Luzern lasse nur mehr 100 Leute in die Clubs, wurde er kreideweiss. Eine solche Beschränkung wäre das Aus für das «Musikdorf Ernen 2020», sagt er. Schon jetzt wird man 50000 Franken Verlust haben.

Wie für viele kleine Klassikfestivals war für Walter aber klar: Wir ziehen es durch. «Im schlimmsten Fall hätten wir im Übungslokal gespielt und die Fenster offen gelassen», scherzt er. «Der Kanton, der Lotteriefonds und die Stiftungen sagten uns: Wenn ihr kreativ seid, etwas auf die Beine stellt, habt ihr das Geld.» Walter stiess auch auf enorme Sympathie bei den Vereinsmitgliedern, die in diesen Monaten 30000 Franken spendeten. «Du kriegst dann für deine Spende noch die Bestätigung per Post, Bruno!», lacht Walter auf dem Dorfplatz. «Spar dir das Porto, Francesco», erhält er als Antwort.

Bei aller Freude über das Erreichte sagt Francesco Walter allerdings auch, dass es einfacher gewesen wäre, die Beine hochzulegen, 80 Prozent des Lohnes und die Ausfallentschädigungen einzustreichen und sich einen schönen Sommer zu machen. «Aber das kam für mich nie in Frage! Andere gingen darauf ein.»

Dank Leute wie Walter staunt die Klassikwelt: Die Schweizer Klassikveranstalter retten geradezu den Festivalsommer 2020. Und tatsächlich war die Welt in Ernen mit dabei: Espace 2 übertrug live, und via EBU European Broadcasting Union, einem Zusammenschluss von 72 Rundfunkanstalten in 56 Staaten, ging das bejubelte Konzert um die Welt.

Immer sind es die Bratschen

Auch in Davos wollte man immer spielen, wurde unterstützt von allen Seiten. «Es war viel aufwendiger, gewisse Programme mussten wir dauernd verändern, Künstler verabschieden, neue suchen», sagt Marco Amherd beim Mini-Intendanten-Gipfel in Ernen. Stolz ist der künstlerische Leiter des Davos Festivals, dass nun doch 90 Musikerinnen und Musiker in Davos sein werden. «Natürlich ist es ein Glück, dass wir sie nicht aus der ganzen Welt einfliegen, wie etwa das abgesagte Verbier Festival. Aber ich musste dennoch viele Umbesetzungen machen. Leider sind es immer Bratschen, die ausfallen. Es ist schwierig, einen Ersatz zu finden.»

Konzert- und Liebesleben in Zeiten von Corona.

Konzert- und Liebesleben in Zeiten von Corona.

Valerie Giger

Hatte Festivalleiter Francesco Walter vor drei Wochen noch tiefe Sorgenfalten im Gesicht, da sich zwar die Hotels rundum rasend schnell füllten, seine Konzerte aber nicht, ist er nun gelassen geworden: Es läuft! Noch kurz vor dem Konzert sieht man ihn im Büro, einen Steinwurf von der Kirche entfernt, am Kartenverkaufen. 390 Sitzplätze zählt die Kirche, jetzt dürfen maximal 230 rein. Drei Mal wird die Kirche ausverkauft sein.

Beim Davos Festival beobachtet man gar einen besseren Vorverkauf als im letzten Jahr. Jan Schultz vom Engadin Festival jubelt: «Wir haben 15 Prozent mehr Karten verkauft als 2019. Vier Konzerte sind ausgebucht.» Da die Konzerte doppelt gespielt werden, kommt das Engadin Festival auf dieselbe Besucherzahl wie 2019. Offenbar akzeptieren die Gäste auch, dass die Karten zehn Franken mehr kosten als die teuerste Kategorie im Jahr 2019.

Bartoli für 290 Franken

Die Preispolitik im Coronasommer ist heikel. Beim Lucerne Festival startet der Vorverkauf diese Woche zögerlich. Erstens sind die Leute zurückhaltend – und die Karten für die zwei Sinfoniekonzerte oder die Bartoli-Gala starten bei 70, gehen bis 290 Franken. Zu viel? «Wir hoffen, über den Ticketverkauf den hohen finanziellen Verlust, den wir durch die Absage des Sommer-Festivals erleiden, etwas zu minimieren. Man muss auch im Hinterkopf behalten, dass wir ein privater Veranstalter sind», so Intendant Michael Haefliger.

Zeigt sich ein ähnlicher Trend wie bei den Hotels? Leere in der Stadt, Boom in den Bergen? Die Zurückhaltung in der Stadt zeigte sich auch beim Opernhaus Zürich: Beim Saisonfinale Anfang Juli füllten Opernstars das Haus nur knapp – und das trotz beschränkten Einlasses und für Zürcher Verhältnisse sehr bescheidener Kartenpreise von 35 und 50 Franken.

Zahlen, Masken, Abstände, Einschränkungen… Ein Festspielsommer der Angst. Umso mehr erstaunt, wie gelassen die meisten Besucher mit dem Schutzkonzept umgehen – ob in Zürich oder Ernen. Da mag Festivalintendant Walter zu Beginn noch so nachdrücklich darauf hinweisen, die Kirche bitte ohne Rudelbildung zu verlassen: Es gelingt überhaupt nicht. Im italienischen Ravenna war es streng geregelt, welcher Sektor wann das Konzertrund verlassen durfte, die Platzanweiser hatten das Kommando. Italien war nicht nur bei der Maskenpflicht ein Vorbild.

Ausblick vom Friedhof der Kirche Ernen ins Tal.

Ausblick vom Friedhof der Kirche Ernen ins Tal.

bez

Die steigenden Besucherzahlen der Festivals verschweigen eben auch, dass es viele Gäste nach wie vor nicht wagen, an Konzerte zu gehen. Und obwohl die Intendanten in ihrem Element sind, ist auch Pessimismus zu hören. Vor allem, wenn sie ins Jahr 2021 blicken: «Eigentlich würden wir nun schon die nächste Ausgabe vorbereiten, jetzt warten wir, schauen Ende August nochmals. Ich glaube, dass wir die Orchesterkonzerte nicht so schnell wieder hier in der Kirche haben werden. Diese Geschichte ist nicht so bald vorbei. Ich bin für die Kultur pessimistisch», sagt Francesco Walter besorgt.

Am Abend steht er strahlend in der Kirche, lenkt nach dem Konzert die Massen, mit den Armen rudernd, ins Freie. Kurz darauf werden im Hotel Alpenblick die lieben Besserwisser bei einer Walliserplatte und einer Flasche Humagne Rouge über die Künstler herziehen.

Das sind die Sommerfestivals 2020

Corona verändert den diesjährigen Festivalsommer fundamental.
Die meisten Pop-Festivals und Open Airs sind abgesagt worden.
Zu unsicher ist die Situation. Der Sommer 2020 ist deshalb geprägt von kleinen und mittelgrossen klassischen Festivals, vereinzelten ­kleineren Jazzfestivals und der Stubete am See.

Voilà! Unsere unvollständige Auswahl von Sommerfestivals mit ihren Höhepunkten:

Klassik

Musikdorf Ernen Bis 30. 8.

Am 19. 7. startet das Barock-Festival (u. a. mit Sopranistin Nuria Rial), gefolgt von Konzerten mit Sopranistin Rachel Harnisch und der Reihe «Kammermusik plus». Höhepunkt werden die fünf Konzerte mit Pianist András Schiff.

Die Serenaden im Park, Zürich Bis 12. 8

Mit den Chaarts, Klavierduo Soós-Haag, dem Busch Trio und dem Carmina Quartett.

Engadin Festival, St. Moritz, Pontresina 2.8.-9. 8.

Mit den Pianisten Marta Argerich und Grigory Sokolov sowie Akkordeonistin Ksenija Sidorova:

Drive in/Festival du lied, Charmey 25. 7.–31. 7.

Flötist Maurice Steger, Sopranistin Marina Viotti, das Stradivari Quartett und Mezzosopranistin Marie-Claude Chappuis u. a.

Klosters Music 31. 7.–9. 8.

Bariton Benjamin Appl, Sopranistin Christiane Karg, das Modigliani Quartett oder Geigerin Veronika Eberle u. a.

Davos Festival 31. 7.–15. 8.

Der neue Festivalleiter Marco Amherd betont den Untertitel «Young Artists»: Dank einem Pool von 90 Musikerinnen und Musikern kreierte er zum Thema «Von Sinnen» einen Strauss überraschender Programme.

«We are back!» – Musiktage Boswil 2.–9. 8.

Jazzpianist Iiro Rantala, die Chaarts und Geigerin Patricia Kopatchinskaja.

Lucerne Festival, Luzern 14.–23. 8.

Dirigent Herbert Blomstedt, Pianist Igor Levit, Pianistin Marta Argerich, Bariton Mauro Peter und Mezzosopranistin Cecilia Bartoli.

Andermatt Swiss Alps Classics (Andermatt und Vitznau) 21.–3. 8.

Young Artists der Lang Lang International Music Foundation, das Janoska Ensemble und Pianist Sergey Tanin.

Grand Tour Barockmusik (Graubünden, Uri, Liechtenstein) 31. 7.–16. 8.

Trio Lusinea, Flötistin Sophia Schambeck, Lautenist Jacopo Sabina u. a.

Musikalische Begegnungen Lenzburg 21. 8.–6. 9.

Unter dem Titel «Hausmusik» treten Cellist David Riniker, Geigerin Meret Lüthi oder Sopranistin Viviane Hasler auf.

Settimane Musicali di Ascona 29. 8.–9. 10.

Das Programm wird in Kürze bekannt.

Zermatt Music Festival & Academy 7.–20. 9.

Das Programm wird am 31. Juli präsentiert.

Jazz

Festival da Jazz, St. Moritz Bis 2. 8.

Younee, Richard Galliano, Seven, Mario Biondi, Marla Glen, Daniel Humair, Max Lässer & das Überlandorchester, mit Pedro Lenz.

Be Jazz Sommer, Open Air Bern 28. 7.–1. 8.

Professor Wouassa, Lea Maria Fries (Bild unten), Christoph Grab Reflections, Laurent Méteau, Huber/Stocker/Pianco, Akku Quintet.

Jazzfestival offbeat, Basel Ab 18. 8.

Keita/Brönnimann/Niggli, Kinga Glyk, Lea Maria Fries, Andreas Schaerer, Anouar Brahem.

Pop

Im Fluss, Basel 1. 9.–18. 9.

Programm geprägt von Schweizer Musikern, wird Mitte August bekannt gegeben.

Distancing Festival (Basel, Schwägalp, Zürich, Erlach, Zug, Visp) 6. 8.–6. 9.

Stefanie Heinzmann, Loco Escrito, Luca Hänni.

Volksmusik

Stubete am See, Zürich 28./29. 8.

Uraufführungen von Thomas Aeschbacher Ländlerorchester 2020, Duo Flückiger-Räss, djÂse! Revolution der jurassischen Volksmusik, IGspannt, Appenzeller trifft Walliser Hackbrett.

Theater

Zürcher Theater Spektakel 13. 8.–30. 8.

William Forsythe, Yan Duyvendak, Jaamil Olawale Kosoko (Bild oben).

Film

Fantoche, Internationales Festival für Animationsfilm, Baden 1. 9.–8. 9.

Länderfokus Dänemark, Lotte Reiniger.

Zurich Film Festival 24. 9.–4. 10.

Gastland ist Frankreich; Schwerpunkt Filmmusik SoundTrack_Zurich und Ray Parker jr.

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