«Fluchen ist ein religiöser Akt»

Am Samstag war in der Kellerbühne Premiere von Simon Enzlers Programm «Primatsphäre». Der cholerische Appenzeller entlarvt wieder Schweizer Bünzlitum facettenreich, ungeheuer lustig und deutlich politischer als auch schon.

Hansruedi Kugler
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Simon Enzler in der Kellerbühne – seinem cholerischen Appenzeller bleibt er treu. (Bild: Ralph Ribi)

Simon Enzler in der Kellerbühne – seinem cholerischen Appenzeller bleibt er treu. (Bild: Ralph Ribi)

ST. GALLEN. Nun also ganz solo: Ohne den phantastischen, missmutig-schrägen Basskünstler Daniel Ziegler. Simon Enzler, einen ganzen Abend lang ohne Musik? Kann das funktionieren? Aber halt: Völlig unmusikalisch ist der Enzler ja nicht. Da blies er doch zum Beispiel im Programm «Phantomscherz» in der Zugabe ein Liedchen in ein Robidog-Säckli. Zudem: Ein Appenzeller ohne Rugguseli ist kein richtiger Appenzeller – auch wenn er Enzler heisst und den Appenzeller gerne als schlitzohrigen Zyniker oder cholerischen Stammtischpolterer, immer jedoch als fluchende Saftwurzel gibt. Der mit aufgesetzter Freundlichkeit und fadenscheiniger Uneigennützigkeit das selbstgefällig-neutrale Schweizertum in Bünzlitum, Egoismus und Rassismus kippen lässt. Der das aber so skurril macht, dass trotzdem alle, erstaunlicherweise wirklich alle, mitlachen können. Enzler bleibt sich treu. Das funktioniert auch in seinem neuen Programm hervorragend: Die nach neun ausverkauften Vorpremieren wiederum ausverkaufte Kellerbühne lacht an der Premiere schallend noch bei Enzlers leisestem Augenzwinkern.

Enzler ist deutlich politischer

Apropos Musik: Ein kurzes «Jou jou» zäuerlet Simon Enzler auch in der Kellerbühne – sinnigerweise zu einem türkischen Volkslied, das aus dem Radio plärrt. Eine unironische – ja, eine entscheidende Stelle: Denn Enzler kommentiert deutlicher als auch schon die politischen Stimmungen im Lande, auch wenn er dies nach wie vor in eine mehrheitsfähig belachbare Satire kleidet. Da grölt dann das Publikum über den fundamentalistischen Innerrhödler Stammtischjasser mit seiner gnadenlosen Intoleranz. Die heilige Jass-Schiefertafel hat er direkt vom Herrgott auf dem Gipfel des Säntis überreicht bekommen. Gegen diesen Innerrhödler erscheinen tiefgläubige Moslems geradezu als Freigeister, sagt der Bühnen-Enzler. Das ist ungeheuer lustig gemacht. Und da wird man das Gefühl nicht los, dass Enzler eigentlich gerne ein politischer Kabarettist wäre, etwa so scharf wie der bayrische Altmeister Bruno Jonas – denn so grantlig wie Gerhard Polt oder so schwarzkatholisch wie der Wiener Josef Hader ist er allemal. Mit deren Schärfe aber hält Enzler (noch) nicht mit. Denn wenn man Karikaturen mit Karikaturen satirisch vergleicht, können alle mitlachen. Beim Thema Islam in der Schweiz zitiert Enzler halt – anders als Giacobbo/Müller – nicht Lukas Reimann, sondern die Karikatur eines Appenzellers. Da fällt jedem das Lachen deutlich leichter.

Privatfrust und Schimpflust

Plötzlich definiert er glasklar Entwicklungshilfe: «Wir helfen anderen Probleme lösen, die sie ohne uns gar nicht hätten.» Einen solchen Satz hätte man eher von einem Moralisten wie Franz Hohler erwartet. Simon Enzlers Lust am Hintergründigeren ist auch nach über 15 Jahren Bühnenpräsenz und im siebten Programm sichtbar intakt und geht nach wie vor weit über das Politische hinaus. Eine politische Haltung drängt er dem Publikum aber nicht auf, was dieses schätzt. Er schaut aus der vermeintlichen Privatsphäre über das Geranien-Kistli hinaus in die nahe und weite Welt und träumt mit vom Tombolagewinn. Bald plärrt das Transistorradio in die private, kleinkarierte Idylle und hängt ein elektrischer Fliegenfänger (Marke Eurokill) an der Rückwand. Gelegenheit genug, um sich über die Absurditäten des Einkaufstourismus ins nahe Vorarlberg und das Bschöttifass des Nachbarn, über den Geiz der Kirchenbesucher und die sogenannte «Kultur», über die Erfindung des Klettverschlusses und des Appenzellers Sehnsucht nach der Profi-Schneeschleuder zu schimpfen. Enzler treibt diese Schimpftiraden seit Jahren über seine Saftwurzel-Figur so erfindungsreich auf groteske Höhen, dass man ihn nur schon dafür einfach bewundern muss. Über das Fluchen denkt er auch in diesem Programm nach: Dass Fluchen gesund sei, hat er schon öfters gesagt. In «Primatsphäre» erklärt er das Fluchen zum «ehrwürdigen religiösen Akt». Denn in jedem richtigen Fluch kommt («Heilandsakrament») schliesslich der ganze Götterhimmel vor. Schimpfen sei ohnehin meist ehrlicher als die freundliche Visage des Steuerbeamten.

Nun auf Schweizer Tournée

Übrigens macht Enzler auch in «Primatsphäre» selbst ein paar Trompetentöne lang Musik, lässt den Techniker ein imposantes Gewitter-Solo hinlegen und gibt als Zugabe («unnötig, nach einer erfolgreichen Blinddarmoperation will auch niemand eine Zugabe») eine Slapstick-Nummer mit nur einem Wort zum besten: «Päng» steht auf dem Luftballon. Dass er einer der wenigen Schweizer Kabarettisten ist, die auch grosse Säle füllen können, wird einem an der Premiere in der Kellerbühne wieder einmal klar. Gewonnen hat er schon alle Preise: Den Salzburger Stier 2007, den Prix Walo 2008, den Kabarett-Preis Cornichon 2012. Enzler ist bereits bis Januar 2017 ausgebucht: 72 Mal wird er «Primatsphäre» auf seiner Schweizer Tournée zeigen. Wer ihn verpasst hat: In der Ostschweiz ist er wieder im November (Casinotheater Winterthur) und im Januar (Tonhalle Wil) zu sehen.

www.simonenzler.ch

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