Flirrendes Spiel im Bilder-Twist

Studierende der Pädagogischen Hochschule St. Gallen erarbeiten in einem einwöchigen Workshop ein «Tableau Vivant». Das Resultat wird heute im Rahmen einer öffentlichen Performance präsentiert.

Brigitte Schmid-Gugler
Drucken
Teilen
Ein erster Auftritt in der Öffentlichkeit: Die Studierenden «posieren» in ihrem ersten «Tableau Vivant». (Bild: Coralie Wenger)

Ein erster Auftritt in der Öffentlichkeit: Die Studierenden «posieren» in ihrem ersten «Tableau Vivant». (Bild: Coralie Wenger)

Alles Zeitlupe. Entschleunigung. Ein Ablauf von Bildern wie die Abfolge einer Animation. Kaum merkliche Veränderungen des Bewegungsapparats. Hände halten Gegenstände, Produkte aus dem Wellnessbereich. Eine junge Frau führt eine Shampooflasche wie ein Mikrophon vor den Mund. Eine andere tut so, als peppe sie ihre Frisur mit Haarspray auf. Ein junger Mann, der einzige in der Gruppe, macht auf Kung Fu. Das lebende Bild erstarrt.

Dann folgt die nächste von vier verschiedenen «Einstellungen» zum Thema Präsentation von Werbeprodukten. Äusserste Konzentration. Koordinierte Gesten. Kein gesprochenes Wort. Dann ein Aufatmen, die Entspannung, die Auflösung.

Im Projektraum Nextex werden die auf Video aufgezeichneten Szenen gemeinsam angeschaut und besprochen.

Es war die erste kleine Performance in der Öffentlichkeit während der laufenden Projektwoche, die um die Frage kreist, was ein «lebendes Bild», eine in der Kunstgeschichte bereits seit dem 19. Jahrhundert angewendete Kunstform, bekannt als «Tableaux Vivants» kann und entsteht.

Alte Kunstform

In ihrem Bemühen, als Dozentin den Unterricht an der PHSG im Fach Bildnerisches Gestalten in einen breitgefächerten Kontext mit Formen der Kunst und deren Vermittler zu stellen, ist Elisabeth Nembrini an ihre Künstlerkollegin Pascale Grau gelangt.

Die beiden in St. Gallen aufgewachsenen Frauen kennen sich seit Kindertagen; sie besuchten gemeinsam einige Jahre die Primarschule, wohnten in der gleichen Strasse, ihre Väter arbeiteten in der gleichen Firma. Als junge Erwachsene hatten sie den Kontakt zueinander verloren – bis sie sich im Rahmen ihrer jeweiligen künstlerischen Tätigkeit erneut begegneten.

Pascale Grau lebte mehrere Jahre im Ausland und ist heute in Basel zu Hause. Schon vor Beginn ihres Zusatzstudiums an der Zürcher HdK ab 2006 (Culture/Gender Studies) beschäftigte sich die ehemalige Meisterschülerin und Assistentin von Marina Abramovic und Lehrbeauftragte an verschiedenen Schweizer Kunst- und Fachhochschulen mit der Geschichte und der Umsetzung von «Tableaux Vivants». Anders als früher, als dabei Gemälde von meist nackten Körpern nachgestellt worden waren, stehen in der zeitgenössischen

Kunst in der Verbindung von Bild, Video und Performance kulturelle Eigenarten und Bildikonographie im Vordergrund eines lebenden Bildes. Bis vor wenigen Tagen zeigte das Kunsthaus Baselland vier auf Video aufgezeichnete «Tableaux Vivants», welche Pascale Grau auf vier Kontinenten als Performance-Workshops erarbeitet und zur Aufführung gebracht hatte.

Standbild der Befindlichkeit

Mit einer Gruppe angehender Sekundarlehrerinnen und einem angehenden Logopäden, die den Kurs als Ausbildungsmodul belegen, kreist Grau um die Fragen nach dem eigenen Rollenverhalten, nach den Möglichkeiten des Ausdrucks zwischen Bewegung und Pose, Handlung und Geste, Zeit und Raum, Identität, Bildergedächtnis und Erinnerungspraxis – Qualitäten, die weit über den künstlerischen Kontext hinaus in ihrer zukünftigen Tätigkeit von Bedeutung sein dürften.

Im Vorfeld des Workshops wurden die Studierenden aufgefordert, ein Bild aus der Kunstgeschichte mit einem persönlichen Bezug auszuwählen und mitzubringen. Aus den Vorlagen, die vom ungarischen Kriegsbild bis zur Seelandschaft reichten, entschied sich die Gruppe für eine Fotografie, welche Philippe Halsmann in Kollaboration mit Salvador Dalí gemacht hatte. Die Schwarzweissaufnahme (1951) zeigt ein surrealistisches Motiv mit dem Titel «Voluptate Mors».

Die Körper von sieben nackten Frauen sind dabei so ineinander verschlungen, dass sie, aus der Distanz betrachtet, die From eines Totenkopfs darstellen. In Dalís Blick, nach vorne zur Kamera gerichtet, scheint die ganze abgründige Doppeldeutigkeit aufzuflackern. Im Verlauf der Kurstage wird die Bildvorlage nun als «Tableaux Vivants» umgesetzt, wobei es, wie Gesprächsfetzen erahnen lassen, nicht nur um den «akrobatischen» Teil der Studie geht, sondern ebenso intensiv und kritisch

um den Diskurs zum historischen und modernen Frauen- und Männerbild in Gesellschaft und Kunst.

«Voluptate Mors» wird heute zwischen 16 und 17 Uhr als Live-Performance und zwischen 17 und 20 Uhr als Videoprojektion zu sehen sein; Projektraum Nextex.

Aktuelle Nachrichten