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Asphaltflecken wecken Fantasie

Die Luzerner Künstlerin Andrea Portmann hat im grauen städtischen Asphalt ein neues Universum für sich entdeckt. Über Bilder, die der Zufall auf die Strasse zaubert.
Andrea Portmann
"Pinocchio" pinkelt tollkühn am Abgrund.» (Bild: Andrea Portmann)

"Pinocchio" pinkelt tollkühn am Abgrund.» (Bild: Andrea Portmann)

Es waren für mich folgenreiche Begegnungen. Eines Tages entdeckte ich auf der Luzerner Seebrücke Walter Wendemann mit dem langen Hals. Er war gerade daran, sich mit einem im Wind wehenden Plastiksack zu unterhalten. Doch damit nicht genug. Wenig später, in der Hertensteinstrasse, sauste Hanna Hoffmann mit hochtoupierter Frisur und wallendem Kleid durch die Gegend. Als ich schliesslich hinter dem Maihofschulhaus einen pflichtbewussten Feuerwehrmann beim Löschen zweier brennender Palmen beobachtete, kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Wie ist es möglich, dass einem im Alltag derart fantastische Gestalten und Figuren begegnen? Mit einer neugierigen Kopfbewegung nach unten – auf den spröden Asphaltboden ...

Hier zeichnen Hundepisse, Regen, Alkohol und andere Flüssigkeiten wunderbare Flecken auf den grauen Grund. In ihnen öffnet sich eine Fülle von Welten und Geschichten: zwei monströse Eichhörnchen zum Beispiel, die auf einem gefährlich morschen Ast sitzen und sich verschwören, als plötzlich ein fröhlicher Frosch zu ihnen fliegt. Was dann mit dem morschen Ast und den Eichhörnchen passiert, kann man sich ausmalen.

Seit ich auf diese besonderen Flecken im öffentlichen Raum aufmerksam geworden bin, begeistern sie mich. Die Fantasie ist zu einer täglichen Begleiterin geworden, die mir oft, unverhofft, ein Lächeln entlockt: Wenn ich beispielsweise zwei kopflose Flamingos beim vorsichtigen Flirten entdecke.

Das Überraschende liegt unter der Nase

Der Alltag ist nun öfters verzaubert, denn das Überraschende liegt unmittelbar unter der eigenen Nase. Natürlich spaziere ich jetzt nicht die ganze Zeit mit gesenktem Blick umher, hingerissen von diesen seltsamen Flecken und Gestalten, die sie zeigen. Das wäre verschroben, asozial und je nach Verkehrssituation allgemeingefährlich.

Doch gerade im Kontext der oft automatisierten Alltagsrouten, der Aufmerksamkeit und Vorsicht, mit der man als Fussgängerin meistens unterwegs ist, bedeutet dieses punktuelle Abschweifen eine erfrischende Abwechslung. Und es hat auch etwas Befreiendes, wenn man im Fluss des Alltags stehen bleibt, nach unten schaut und der Fantasie ein Tänzchen gönnt.

Tiere jagen in den Wolken

«Was machen Sie da eigentlich?», fragt mich eine ältere Frau, als ich fasziniert auf den Boden schaue und einen Flecken fotografiere. Ich erkläre ihr, während wir gemeinsam die Reuss­insel entlangspazieren, dass ich Flecken sammle und man in ihnen Figuren und Geschichten finde. Sie schmunzelt: «Aha, das ist ja schön! Ich sehe solche Gestalten oben in den Wolken. Früher, als ich noch ein Kind war, hatten wir im Gegensatz zu unseren Nachbarn keinen Fernseher. Meine Geschwister und ich, wir schauten zusammen nachmittagelang aus dem Fenster, hoch zu den Wolken. Am nächsten Tag erzählten wir den anderen Kindern dann jeweils in der Schule, was für exotische Tiere wir gesehen hätten. Natürlich ohne zu verraten, wo.»

Asphaltflecken sind Gesprächsanlässe. Es ergeben sich Begegnungen wie die obige, oder es entspinnt sich manchmal ein inspiriertes Gestalträtseln, wenn ich in Gesellschaft unterwegs bin. Sich dabei auf die Wahrnehmung des Gegenübers einzulassen, ist spannend. Letzthin war ich mit einer Freundin auf dem Nachhauseweg. Wir gingen die Zürichstrasse hoch. Vor einem Flecken rief ich aus: «Schau, da – ein Mann mit einem Sombrero, der Laub bläst!» Lachend entgegnete sie: «Nein, da ist ein Riesenpudel, und aus seinem Hinterteil steigen kleine Wölkchen empor.» Nach längerem Hinschauen sah ich ihn dann plötzlich auch – den wolkigen Pudel. Dieses Aha-Erlebnis ist toll. Ich sehe etwas, und dadurch, dass mein Gegenüber mir erzählt und zeigt, was in seiner Wahrnehmung da ist, kann ich wieder ganz Neues entdecken. Wenn ich mich um die Flecken bewege, verwandeln sich die Figuren fortwährend: Aus einem Mann in Siebenmeilenstiefeln wird ein Mann, der rauchend auf dem Klo sitzt. Fleckenbilder sind Kippbilder, die spontane Wahrnehmungswechsel ermöglichen.

Es gibt Flecken, die für die Fantasie vielversprechender und anregender sind als andere. Solche, die mit der Asphalttextur ein Wechselspiel eingehen, die unregelmässig bereits zu trocknen beginnen, oder solche, bei denen mehrere verschiedene Flecken zusammenkommen.

An Festivals ist der Asphalt besonders fleckenfroh

Besonders fleckenfroh ist der Asphalt während Festivals wie dem Blue Balls oder der Fasnacht, nach Regennächten, auf beliebten Hundespaziergänger-Routen oder am frühen Morgen, wenn die Vorplätze von Geschäften frisch gewaschen wurden. Flüchtig in ihrem Wesen tauchen die Flecken auf und verschwinden in den meisten Fällen wieder – wie Ideen und Einfälle, die uns überraschen und beschwingen.

In jenen kurzen Augenblicken, in denen Fantasie und Flecken miteinander in Kontakt kommen, passiert eine Berührung. In ihren mannigfaltigen Ausformungen tippen die Flecken schlummernde Bilder und Figuren in uns an, holen diese an die Oberfläche. Eine Gestaltungskraft wird geweckt, die in uns allen steckt. Bei dieser Art spielerischer Wahrnehmung schaut man, ohne etwas gezielt erreichen zu wollen, in entspannter Bereitschaft und sensibler Offenheit für alles, was eintreffen und einem zufallen könnte. Die Gedanken und Gestalten zirkulieren frei und assoziativ, das Gehirn gerät, so stelle ich mir das vor, in einen besonders angenehmen, angeregten Zustand.

Diese Form von Musse zu kultivieren, ist lustvoll, lüftet Körper und Geist, bewegt und belebt die Fantasie. Die Kraft, die es ermöglicht, den Alltag mit Humor und Verspieltheit zu gestalten.

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