August Guido Holsteins neuer Roman geht um einen Flaneur mit Schicksalsfrust

Das neuste Werk «Sokrates im Wald» ist voller Natur, aber frei von Persönlichem – dafür hat der Fislisbacher Autor seine Gründe.

Kelly Spielmann
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August Guido Holstein.

August Guido Holstein.

Bild: Alex Spichale (Baden, 21. Januar 2015)

Es war ein holpriger Start, den August Guido Holstein mit seinem neusten Roman «Sokrates im Wald» hatte. Als «Zwischenleben» hätte es von der Edition Leu in Zürich veröffentlicht werden sollen. «Doch der Verleger ist überraschend verstorben, der Verlag eingegangen», erzählt Holstein beim Gespräch im Badener Café Himmel.

Holstein fand einen neuen Verlag, den Titel musste er aber wegen der Verwechslungsgefahr mit anderen Büchern ändern. «Sokrates im Wald» wird nun beim Book on Demand Verlag auf Bestellung gedruckt. «Das Ganze hat mich schon ziemlich viel gekostet», sagt der Autor und lacht. Freude bereitet ihm sein neuer Roman trotzdem.

Kein Kafka im Buch

Holstein, 85-jährig, pensionierter Lehrer, schreibt schon seit Jahren. Als er vergangenes Jahr von Edition Leu für einen neuen Roman angefragt wurde, musste er diesen nicht einmal schreiben. «Ich hatte noch zwei Manuskripte in der Schublade – einen über einen Bibliothekar und einen über einen älteren Mann», sagt Holstein. Ausgewählt haben die Verantwortlichen letzteren – der Bibliothekar hätte zu hohe Anforderungen an den Leser gestellt, meint Holstein.

Der ältere Mann hat keinen Namen. «K» wird er im Roman genannt. Das weckt Assoziationen. «Was hat Kafka hier zu suchen?», fragt man sich. Und fühlt sich etwas ertappt, wenn Holstein das Rätsel selber auflöst: In einem Gespräch zwischen K. und einem Altlehrer erzählt letzterer, dass er an einem Roman arbeite. «Zwischenleben. Erzähle von einem Herrn K.», sagt er. «Soso, Kafka. Kafka hat sehr gut geschrieben: Krankheit», meint K. «Nein, K wie Kerl.» erklärt der Altlehrer.

Bei K. handelt es sich also nicht um Kafka. Um wen dann? Komplett in Erfahrung bringt das der Leser bis zum Schluss des Buches nicht. Was man weiss: K. ist leidenschaftlicher Bonsai-Sammler, geht mit seinem Hund Zuzu-Wau spazieren oder verbringt zu Hause Zeit mit den Katern Jaguar und Moritz. Er beschreibt seine Gedankengänge, die oft ins Philosophische abschweifen. Ob er Ehefrau oder Kinder hat, freundschaftliche oder familiäre Beziehungen führt, was der Beruf des Pensionierten war: Das weiss der Leser nicht. Schicksalhaftes, Privates und Persönliches fehlt. Das ist Absicht.

Genug vom Schicksal

Seine Mutter hat August Guido Holstein dreijährig verloren, den Vater mit 19. Auch ein Sohn ist verstorben. «Und in meinem Alter sterben um mich herum immer mehr Menschen», erklärt er und trinkt einen Schluck Kaffee. Schicksalsfrustration nennt Holstein das Gefühl, das ihn dazu bewegte, im Roman auf diesen Aspekt zu verzichten. Doch auch so schafft er es über 208 Seiten, das Interesse des Lesers zu behalten.

Man versucht, K. und seine Liebe zu Bäumen zu verstehen, verfolgt seine ausschweifenden Gedankengänge und begleitet ihn auf den Spaziergängen, bei denen er Individualisten, Sammlern, Tieren und Pflanzen begegnet. Trotz den oft verschachtelten Sätzen ist der Roman nicht unverständlich, die Aufmerksamkeit ist dank den komödiantischen Wortschöpfungen und der Wortwahl Holsteins immer beim Text. Besonders Ortsnamen kreiere er gerne neu, wie er erzählt. So besuchen K. und sein Hund beispielsweise Finkenklopfen, Krapunder im Brummtal, Görpsbad. Doch auch auf Reisen: Es geschieht wenig. «Sokrates im Wald» gleicht eher einer Reihe von philosophischen Abhandlungen als einer klassischen Geschichte. Freude am Lesen hat man dabei nicht nur wegen der Gedankengänge, sondern auch wegen der Sprache.

Etwas jedoch irritiert bis zum Schluss. Es sind die ersten Sätze des Romans: «Nach der Neuunterbringung des Hundes und der Hausräumung wurde beim Nachprüfen und Sortieren des vorgefundenen Haus-Rates dieses Manuskript entdeckt. Schwierig zu wissen, wer der Verfasser ist, dieser K oder der Altlehrer oder beide.» Vor dem Lesen kommt der Gedanke auf, der Roman sei für sich alleine nicht gut genug, weshalb Holstein zu diesem Trick greift. Nach dem Lesen die Verwirrung: Nein, die Geschichte könnte für sich alleine stehen und wäre auf den Trick nicht angewiesen. Weshalb hat Holstein ihn verwendet? Traut er seinem Buch selber nicht?

«Ich finde, die Geschichte braucht etwas Kontext und Einordnung», erklärt Holstein. Um die Gespräche zwischen K und dem Altlehrer zu verstehen, um selber zu rätseln, wer das Buch geschrieben hat. «Aber mit fehlendem Vertrauen hat das gar nichts zu tun», sagt er lachend.

Denn Vertrauen in sein Schaffen er. So liegt auch schon wieder ein neuer Roman in seiner Büroschublade. «Es geht da um einen Geschichtslehrer», beginnt Holstein, und versinkt in der nächsten Geschichte.

August Guido Holstein, Sokrates im Wald, Book on Demand.