Flair für Abgründiges

Als David Bowie am letzten Freitag seine neue Platte auf den Markt brachte, ahnte niemand, dass der Sänger todkrank war. Am Sonntag erlag er einer Krebserkrankung.

Michael Gasser
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d:\b\pdf471.n_.pdf (Bild: Michelic&&Partner Software GmbH)

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Vergangenen Freitag, an seinem 69. Geburtstag, veröffentlichte David Bowie sein 25. Studioalbum «Blackstar». Und heimste viel Lob für das sperrige und doch relaxte Werk ein. Gestern morgen dann die überraschende Nachricht: Laut seiner offiziellen Facebook-Seite ist der Musiker am Sonntag friedlich im Kreise seiner Familie verstorben – «nach einem mutigen 18monatigen Kampf gegen seine Krebserkrankung».

Eine einzigartige Stimme der Rockmusik ist damit verstummt, endgültig. 2004 sorgte man sich erstmals um die Gesundheit Bowies: Bei einem Festivalauftritt in Deutschland verspürte er Brustschmerzen und erlitt kurz darauf einen Herzinfarkt. Danach zog er sich ins Private zurück. Der Musiker gab keine Interviews mehr, verzichtete auf Tournées und trat 2006 letztmals mit drei Songs in New York auf. Sein von ihm unkommentierter Rückzug hatte vor allem eins zur Folge: Man gierte nach News und neuen Songs. Meist vergeblich.

«We Are Hungry Men»

Sein Début veröffentlichte der 1947 geborene Londoner als 20-Jähriger. Obschon die Platte mit dem schlichten Titel «David Bowie» in erster Linie Pop zum Mitträllern bot, brodelte es schon damals unter der Oberfläche: «We Are Hungry Men» drehte sich um Hunger und Kannibalismus und das von Glockengeläute und Regenschauern untermalte «Please Mr. Gravedigger» entpuppte sich als Schauerode an ein ermordetes Mädchen. Bowie, der seinen aus der Arbeiterklasse stammenden Eltern schon früh von seinen Popstar-Ambitionen vorschwärmte, unternahm alles, um seine Träume wahr werden zu lassen. Im Dauertakt wechselte er – mitunter auch rücksichtslos – Musiker, seine Mitarbeiter und nicht zuletzt seine Musen. Seinen endgültigen Durchbruch feierte Bowie 1972 – mit «The Rise And Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars», einem losen Konzeptalbum über einen ausserirdischen und androgynen Rockstar namens Ziggy Stardust, ein Alter Ego des Briten. Während die Musik epischen Glamrock mit metallenen Gitarren und melodramatischen Melodien vereinte, kündeten die Texte von einer dekadenten Zukunft und der nuklearen Apokalypse. Eine flamboyante, aber verführerische Mischung. Fortan galt Bowie als Darling all jener, die ein Flair für Abgründiges hatten. Seine grössten Liederfolge wie «Heroes», «Young Americans» oder «Space Oddity» versprühten durchwegs etwas Unkonventionelles, waren aber immer eingängig genug, um auch bei der Masse Anklang zu finden.

Musikalisches Chamäleon

Rasch einmal haftete Bowie der Ruf eines musikalischen Chamäleons an, das sich fortwährend ein anderes Äusseres zulegt: vom Pilzkopf über den Astronauten bis hin zum Träger von edlem Zwirn. Mitte der 70er-Jahre wandte sich der Sänger dem Soul, später dem Krautrock zu. Nur um im darauffolgenden Jahrzehnt ausgiebig mit New Wave und Pop zu flirten. Doch David Bowie ging es nicht darum, sich selbst mit einer spezifischen Rolle zu vermarkten. Sein Anliegen war es vielmehr, sich eine Figur zurechtzuschneidern und als solche Kunst zu kreieren. Seine Kabinettstückchen und fortwährenden Soundexperimente verkauften sich mehr als bloss gut – insgesamt sollen seine Werke über 140 Millionen Mal über den Ladentisch gewandert sein.

Mitte der 80er-Jahre machten die Kritiker bei Bowie eine zunehmende Ideenarmut aus. Und in der Tat: Alben wie «Never Let Me Know» (1987) offenbarten einen Künstler in der Sackgasse. Nicht nur die Lieder wirken blutleer, sondern auch der Gesang. Selbst David Bowie sprach später von einer «schrecklichen Platte». Zu seiner alten und bahnbrechenden Form fand er zwar nur noch selten zurück, doch seine Grandezza und sein Stilgefühl verlor er nie. Egal, ob er sich in Filmen wie Julians Schnabels «Basquiat» (in der Rolle von Andy Warhol) und «Prestige» von Christopher Nolan als Schauspieler versuchte oder ob er sich auf «Earthling» (1997) am Drum 'n' Bass probierte.

Keine Studioarbeit mehr

Nach seinem Herzinfarkt im Jahr 2004 verzichtete Bowie auch auf die Studioarbeit. Bis er 2013 unvermittelt das melancholische «The Next Day» auf den Markt brachte, über dessen Existenz selbst seine PR-Agentur nicht vorab informiert war. Vielleicht wusste er schon damals um seine Krankheit und wollte nochmals ein musikalisches Statement setzen. Das ist ihm gelungen – auch mit dem am Freitag veröffentlichten «Blackstar». Hört man sich das Album im Wissen um Bowies Ableben an, wird klar: Hier ist die Rede vom nahenden Ende. Entsprechend drehen sich die Texten um Kliniken, Röntgenbilder und Grabsteine. Und am Schluss singt Bowie wie gelöst: «Oh, I'll be free.»

Mit David Bowie ist einer der ganz Grossen des Musik- und Showgeschäfts abgetreten. Einer, der seinen Sound als Gesamtwerk verstand und nicht zuletzt deshalb faszinierte, weil er sich dem Medienrummel entzog und der Musikwelt mit seiner Aura des Rätselhaften begegnete.

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