Finger raus, erwachsen werden

Eine erfolglose Berliner Schriftstellerin sucht nach Inspiration und Authentizität im Wallis – so die Geschichte von «Tempo Girl». Regisseur Dominik Locher zeigt in seinem Kinodébut das Gefühl einer Generation auf und lässt dabei Hipsterträume platzen.

Kathrin Reimann
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Das Tempo Girl im Wallis: Dominique sucht Inspiration vor Berg- und Satellitenkulisse. (Bild: pd)

Das Tempo Girl im Wallis: Dominique sucht Inspiration vor Berg- und Satellitenkulisse. (Bild: pd)

Das Berliner Hipstergirl Dominique (Florentine Krafft) versucht sich als Schriftstellerin. «Ich wurde geboren, als Mandela aus dem Gefängnis released wurde, und so richtig touched war ich nur, als Lady Di starb. Alles kann, nichts muss, wir sind die Generation Krise.» Bei ihrem Verleger Andreas – gespielt von Anatole Taubman – löst sie mit ihren neudeutschen Texten allerdings keine Begeisterungsstürme aus. «Kein Leben, keine Liebe und keine Seele», so sein zerstörendes Fazit, und er herrscht das «zugekokste Berliner Hipstergirl mit Brett vor dem Schädel» dazu an, den Finger rauszunehmen und erwachsen zu werden.

Selbstfindung im Wallis

Ihre eigene Krise bewältigt sie in Hipstermanier. Heult sich in der veganen Pizzeria bei der Kollegin aus und ertränkt die Sorgen in Alkohol und Drogen in der Disco, wo sie zum treffenden «One Day/Reckoning Song» bis zum bitteren Partyende tanzt. Dominique sehnt sich nach einem Ausbruch und begibt sich mit ihrer neusten Errungenschaft – dem Kebabverkäufer Deniz (José Barros) – auf einen Roadtrip. Die beiden landen in einem abgelegenen Tal im Wallis. Dort brechen sie in eine stillgelegte Tankstelle ein. Als sie vom Besitzer erwischt und auf einen Kaffee eingeladen werden, mieten sie sich kurzerhand ein. Und Dominiques Suche nach Authentizität und ihre Selbstverwirklichung unter dem Deckmantel ihres Schreibens beginnt vor einer imposanten Berg- und Satellitenkulisse. Mit ihrem Hund gammeln die beiden rum, leben «voll den Hippietraum», und Dominique beginnt in einem provinziellen Stripclub zu arbeiten. Während sie strippt und schreibt, er boxt und rappt, bahnen sich die nächsten Probleme an. Eine Schwangerschaft. Alles läuft aus dem Ruder. Wie sehr kann man sich selbst und andere Menschen strapazieren, nur um sich als Schriftstellerin zu verwirklichen? Oder geht es hier vielmehr um die eigene Verwirklichung unter dem Deckmantel des Erfolgs? Das Leben von Dominique und Deniz gerät dadurch in einen gefährlichen Strudel aus Liebe, Demütigung, Verlust, Sex, Gewalt, Rassismus, Rache und sogar Mord. Ein hoher Preis für den Selbstfindungstrip eines Hipsters. Und so kehrt Dominique verlassen, gedemütigt, aber inspiriert mit ihrem ersten Roman «Tempo Girl – die Geschichte einer Generation» nach Berlin zurück.

Drama fernab von Berlin

«Tempo Girl»-Regisseur Dominik Locher – ein 31jähriger Walliser mit Goldzahn – hat Protagonistin Dominique auch aus seinen eigenen Erfahrungen erschaffen. «Wir leben in einer Multioptionsgesellschaft, in der nur die eigene Lebenserfahrung zählt.» So habe auch er sich jahrelang auf keine Beziehungen eingelassen, ständig in der Angst, etwas Besseres zu verpassen oder sich einen Weg zu verbauen. Locher ist mittlerweile verheiratet und Vater. Sein Selbstfindungstrip ist also – vorerst zumindest – abgeschlossen. Nicht zuletzt mit seinem Filmdébut «Tempo Girl», der fernab des hippen Berlins mit Drama klotzt statt kleckert und so fast ein bisschen zu viel des Guten an Gefühlen liefert. Das Gefühl einer Generation zeigt er aber allemal ganz gut auf.

«Tempo Girl» läuft unter anderem in Zürich, Dietlikon, Chur, Bern, Basel, Brig, Aarau und Luzern.

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