FILMREIHE: Pathos und Schrecken der Revolution

Das St. Galler Kinok erinnert unter dem Titel «Roter Oktober – 100 Jahre Russische Revolution» mit höchst unterschiedlichen Filmen an das Jubiläum des weltgeschichtlichen Ereignisses.

Walter Gasperi
Drucken
Die russische Revolution aus Sicht der damaligen Künstler: Kasimir Malewitsch in «1917 - Der wahre Oktober». (Bild: Kathrin Rothe)

Die russische Revolution aus Sicht der damaligen Künstler: Kasimir Malewitsch in «1917 - Der wahre Oktober». (Bild: Kathrin Rothe)

Walter Gasperi

ostschweizerkultur@tagblatt.ch

Die Bolschewisten erkannten nicht nur früh die propagandistischen Möglichkeiten des Films, sondern ihre Filme prägten auch das Geschichtsbild. Nur in Sergej Eisensteins «Oktober» (1927) stürmen nämlich die Massen das Winterpalais in Sankt Petersburg. In der Realität dagegen stürzte am 25. Oktober 1917 eine relativ kleine Gruppe die Kerenski-Regierung. Nicht durch einen Aufstand des Volkes, sondern durch einen Putsch kamen die Bolschewisten an die Macht.

Mit diesem Machtwechsel meldete sich bald auch eine neue Generation von Filmemachern zu Wort. Sie verbreiteten mit Leidenschaft die Ideen der Revolution und rechneten mit furioser Montage mit der alten Ordnung ab, und sie übertrugen den Geist des Aufbruchs und Umbruchs aufs Publikum. Nachdem Sergej Eisenstein schon in «Panzerkreuzer Potemkin» an den gescheiterten Aufstand von 1905 erinnert hatte, zeichnete er in «Oktober» mit 10000 Statisten die Ereignisse vom Sturz der Zarenherrschaft im März 1917 bis zur Machtübernahme der Bolschewisten acht Monate später nach.

Satire und lyrische Komödie

Am bekanntesten sind zwar die Revolutionsfilme Eisensteins und Pudowkins, doch das junge sowjetische Kino war weit vielfältiger. Vom amerikanischen Slapstick eines Harold Lloyd und Buster Keaton beeinflusst ist beispielsweise Lew Kuleschows Satire «Die seltsamen Abenteuer des Mr. West im Land der Bolschewiki» (1924). Mit viel Witz nimmt Kuleschow darin nicht nur negative Klischeevorstellungen des Auslands über die Sowjetunion aufs Korn, sondern überzeichnet auch lustvoll den amerikanischen Protagonisten und parodiert die Stilmittel des Abenteuerfilms.

Boris Barnet beschreibt dagegen in der lyrischen Komödie «Das Mädchen mit der Hutschachtel» (1927) treffend den Kontrast zwischen den Lebensumständen auf dem Land und der sich verändernden Metropole Moskau.

Aber auch der Westen machte sich über die Sowjets lustig, wenn beispielsweise in Ernst Lubitschs «Ninotschka» (1939) eine kühle Sowjet-Funktionärin (Greta Garbo) bei einem Auslandseinsatz in Paris langsam dem Charme des französischen Savoir-vivre erliegt. Nicht toleriert wurde in der Sowjetunion aber auch noch 50 Jahre später ein kritischer Blick auf die Revolution und den sich daran anschliessenden Bürgerkrieg, dem bis 1922 schätzungsweise acht bis zehn Millionen Menschen zum Opfer fielen. So wurde Alexander Askoldows «Die Kommissarin» (1967) unmittelbar nach seiner Fertigstellung verboten. Zu unheroisch war den Machthabern die im Mittelpunkt stehende schwangere Politkommissarin, die zwischen Pflichtbewusstsein und privatem Glück hin- und herge­rissen ist.

Während Askoldovs Film erst 21 Jahre später bei der Berlinale eine umjubelte Weltpremiere ­feiern konnte, entwickelte sich David Leans prachtvoll ausgestatteter und gefilmter «Doktor Schiwago» (1965) umgehend zum Publikumserfolg. Eine Tendenz zum Kitsch ist bei dieser bewegten Liebesgeschichte, der die Russische Revolution und der Bürgerkrieg in erster Linie als Hintergrund dienen, freilich nicht zu übersehen.

Künstler und die Revolution

Zwei aktuelle Dokumentarfilme blicken schliesslich auf das Verhältnis von Künstlern zur Revolution. Katrin Rothe spürt in ihrem Animationsfilm «1917 – Der wahre Oktober» (2017) der Reaktion von Künstlern wie Maxim Gorki und Kasimir Malewitsch auf den radikalen Regierungswechsel nach. Die Britin Margy Kinmonth zeichnet dagegen in «Revolution: New Art for a New World» (2016) anhand der Geschichte der russischen Avantgarde die Revolution und die folgenden Jahre nach.

Aktuelle Nachrichten