Interview
Filmfestival Pantalla Latina in St.Gallen: «Venezuela besteht nicht nur aus Gewalt und Krise»

Heute beginnt in St.Gallen die elfte Ausgabe des lateinamerikanischen Filmfestivals Pantalla Latina. Die Leiterin Alma Zeller-Lopez gibt Auskunft.

Geri Krebs
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Alma Zeller-Lopez leitet das «Pantalla Latina». Bild: Hanspeter Schiess

Alma Zeller-Lopez leitet das «Pantalla Latina». Bild: Hanspeter Schiess

Alma Zeller-Lopez ist seit der zweiten Ausgabe bei Pantalla Latina dabei und leitet das Festival seit 2014. Sie stammt aus Mexiko und lebt seit mehr als 20 Jahren in Amriswil. Die Mutter von zwei fast erwachsenen Kindern arbeitet als selbstständige Modedesignerin.

Wie entstand die Idee zu Pantalla Latina?

Alma Zeller-Lopez: 2008 hatten der Peruaner Eduardo Serna und die zwei Schweizer Dominik Zimmermann und Fabian Sutter den Wunsch, mit einem Filmfestival die Kultur Lateinamerikas in St.Gallen sichtbarer zu machen – und so organisierten sie dann 2009 die erste Ausgabe von Pantalla Latina.

Das Festival musste in den letzten zehn Jahren drei Mal seinen Standort wechseln. Welche Auswirkungen hatte dies?

Es ist bedauerlich, dass es die St.Galler Kinos Corso, Storchen und Rex, wo wir früher waren, nicht mehr gibt. Aber die Veränderungen in der Kinolandschaft und bei den Sehgewohnheiten des Publikums sind Entwicklungen, die vielerorts zu beobachten sind. Zum Glück waren wir nie abhängig von Kinoketten oder Filmverleihern, sondern stets flexibel und unabhängig – und das wird auch so bleiben.

Wie präsentiert sich die Situation beim Publikum?

Wir können auf ein treues Stammpublikum zählen – und das seit den ersten Jahren. Aber wir sind über die Jahre hinweg auch gewachsen, langsam, aber stetig. Letztes Jahr hatten wir etwas mehr als 2000 Besucher.

Wie setzt sich Ihr Publikum zusammen?

Das Verhältnis liegt bei rund 70 Prozent Schweizern und etwa 30 Prozent spanisch- respektive portugiesischsprachigen Leuten. Bei diesen Zahlen muss man sich bewusst sein, dass in der Ostschweiz weit weniger Latinos leben als in anderen Teilen der Schweiz wie etwa im Raum Zürich, Bern oder Genf.

Letztes Jahr bestand das Programm zur Hälfte aus älteren Filmen, dieses Jahr warten Sie mit vielen Schweizer Premieren auf. Wie kommt das?

2018 blickten wir zurück und präsentierten einige Highlights aus früheren Festivaljahrgängen. Dieses Jahr aber schauen wir nach vorne. Deshalb haben wir viele neue Filme im Programm und erstmals auch einen Länderschwerpunkt. Er ist dem eher unbekannten Filmschaffen aus Venezuela gewidmet. Wir wollen einerseits zeigen, wie offen Filmschaffende aus Venezuela in ihren Werken die Krise in ihrem Land thematisieren. Andererseits wollen wir vermitteln, dass Venezuela nicht nur aus politischer Konfrontation, Gewalt und Krise besteht.

3 Highlights von Pantalla Latina 2019

Agosto von Armando Capó, Kuba: Vor 25 Jahren, im August 1994, brachen in Kubas Hauptstadt Havanna regierungsfeindliche Unruhen aus, worauf das Castro-Regime kurzzeitig die Grenzen öffnete. 35 000 flohen damals mit allem was schwimmen konnte übers offene Meer Richtung USA. Armando Capó verarbeitet in seinem erstaunlichen Spielfilmerstling seine Erinnerungen an das Trauma jenes Sommers.
Fr., 22.11. , 19.45h, in Anwesenheit der Produzentin Claudia Olivera

La llorona von Jayro Bustamante, Guatemala:
Ein ehemaliger General, der im Bürgerkrieg in den 1980ern Kriegsverbrechen beging, steht vor Gericht – und wird freigesprochen. Fortan hört der alte Mann jede Nacht eine weinende Frau, die durch nichts gestoppt werden kann. Der guatemaltekische Regisseur Jayro Bustamante interpretiert in seinem faszinierenden Mix aus Politdrama und Horrorfilm eine alte Legende neu. Sa., 23.11., 21.30h
El pueblo soy yo: Venezuela en populismo von Carlos Oteyza, Venezuela: Venezuela ist heute ein ruiniertes Land, aus dem Menschen zu Hunderttausenden fliehen. Dabei hatte 1999 mit Hugo Chazez und seinem „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ alles so hoffnungsvoll begonnen. Der venezolanische Dokumentarfilmer Carlos Oteyza analysiert zusammen mit dem grossen liberalen Denker Enrique Krauze (Mexiko) diese Tragödie. Sa., 23.11., 13.30h

Hinweis: Bis 24.11.; alle Vorführungen finden im Kino Scala 2 statt.

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