FILMFESTIVAL LOCARNO: Schuld und Trauer

Mehr als die Hälfte der Wettbewerbsfilme sind präsentiert worden. Es gibt erste Favoriten: Dazu gehören Filme aus der Schweiz, aus Rumänien und Japan.

Andreas Stock/Locarno
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Mit Schweiz-argentinischem Blick: Milagros Mumenthaler. (Bild: ky/Jean-Christophe Bott)

Mit Schweiz-argentinischem Blick: Milagros Mumenthaler. (Bild: ky/Jean-Christophe Bott)

Nach dem Hollywood-Spektakel der ersten Tage etablieren sich in Locarno wieder Nüchternheit und Bodenhaftung. Nun dominieren die europäischen Stars: Am Montag trat Schwergewicht Gérard Depardieu mit Sylvie Pialat zu Ehren des verstorbenen Regisseurs Maurice Pialat auf. Morgen wird Bruno Ganz, am Samstag Claudia Cardinale mit je einem «Pardo alla carriera» ausgezeichnet.

Traumatische Vergangenheit

Die Filme auf der Piazza sind nun zwar weniger effektheischend, aber keineswegs uninteressant. In «Bachir Lazhar» des Kanadiers Philippe Falardeau wird der Alltag an einer Primarschule vom Selbstmord einer Lehrerin erschüttert. Als Aushilfslehrer bewirbt sich Bachiz Lazhar, ein algerischer Immigrant mit eigener traumatischer Vergangenheit. Neben Schuldgefühlen und Trauerarbeit thematisiert der unaufgeregt inszenierte Film die schwierige Situation der Lehrer, den Schülern Trost und Zuwendung zu geben, ohne ihnen dabei zu nahe zu kommen.

Packende Doku-Animation

Noch gibt es im Internationalen Wettbewerb keinen deutlichen Favoriten für den «Goldenen Leoparden», aber Beiträge, die zu den potenziellen Preisträgern gehören dürften. Unter ihnen der Schweizer Dokumentarfilm «Vol spécial» (vergleiche Ausgabe vom 8.8.) und mit Anca Damias «Crulic – The Path to Beyond» ein weiterer dokumentarischer Film. Die rumänische Filmemacherin rekonstruiert die tragische Biographie des Rumänen Claudio Crulic, der 33jährig in einem polnischen Gefängnis infolge eines Hungerstreiks starb. Damian lässt den unschuldig Verurteilten seine Geschichte aus dem Jenseits erzählen; inszeniert wird das als packender Animationsfilm. Die erzählerischen Freiheiten der Animation werden phantasievoll eingesetzt und mit stilistisch vielfältigsten Mitteln wie Fotos, Collagen, Legetechnik, 3D-Animationen und Zeichnungen umgesetzt.

Stimmung des Stillstands

Mit «Abrir puertas y ventanas» (Offene Türen und Fenster) von Milagros Mumenthaler ist eine schweizerisch-argentinische Co-Produktion im Wettbewerb. In der Villa der kürzlich verstorbenen Grossmutter sehen sich die drei Schwestern Marina, Sofia und Violeta nicht nur mit der Trauerarbeit konfrontiert, sondern fragen sich, wie ihr Leben weitergehen soll. Die 34jährige, schweizerisch-argentinische Regisseurin beschränkt den Schauplatz auf die Villa. Als Zuschauer wird man in dieses Haus gesetzt und muss die Puzzleteile der Geschichte selber zusammensetzen. Der Film entwickelt eine schwebende Stimmung. Wie in anderen Wettbewerbsbeiträgen entwickelt sich die Handlung kaum darüber hinaus. Doch bei Mumenthaler entsteht eine Intensität, die durchaus einnimmt. «Mein Film erzählt vom Abschied von der Jugend am Ende der Adoleszenz, wenn wir den Sprung in ein selbstbestimmtes Leben wagen. Er entstand aus dem Bedürfnis, eine Geschichte mit einem Bezug zu meiner Biographie zu erzählen», sagt die Regisseurin. Ihre Geschichte sei verankert in einem konkreten Land und bestimmten kulturellen und wirtschaftlichen Zusammenhang und könne sich nicht einfach irgendwo abspielen.

Zärtlicher Film aus Japan

Um Schuld, Vergebung und Trauer geht es auch in Mike Cahills «Another Earth». Der Amerikaner verbindet die Tragödie eines Autounfalls mit der Metapher für den Wunsch nach einer zweiten Chance: Am Himmel taucht eine zweite Erde auf. Ebenfalls aus den USA war mit «Terri» eine sympathische Aussenseiterkomödie mit John C. Reilly zu sehen, deren schräger Humor amüsiert.

Der charmanteste, zärtlichste Film im Wettbewerb kommt aus Japan. «Tokyo Koen» von Shinji Aoyama hat die Parks von Tokio als Hauptschauplatz und dreht sich in einer ebenso spielerischen wie feinfühligen Inszenierung um die Liebe und ihre Wirrungen.

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