FILMFESTIVAL: Ein Flughafen-Konzentrat

Morgen feiert «Airport» von Michaela Müller («Miramare») seine Schweizer Premiere in Locarno. Die Ostschweizer Animationsfilmerin zeigt, was sich in zehn Minuten Film alles erzählen lässt.

Andreas Stock, Locarno
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Schemenhaft und traumhaft fliessend: Die auf Glas gemalten Bilder von «Airport» fangen die Flughafenatmosphäre stimmig ein. (Bild: Michaela Müller)

Schemenhaft und traumhaft fliessend: Die auf Glas gemalten Bilder von «Airport» fangen die Flughafenatmosphäre stimmig ein. (Bild: Michaela Müller)

Andreas Stock, Locarno

Das Geräusch dürfte vielen ­bekannt sein. Das rhythmische Brummen der Rolltreppe und Surren der Räder von Rollkoffern. Wir sehen schwarz-weisse Streifen, erst senkrecht, dann quer – was als Bodenplatte der Rolltreppe gedeutet werden kann. Dann hört man eine Lautsprecherdurchsage und ahnt den Schauplatz, selbst wenn man den Titel des Films von Michaela Müller nicht wüsste: ein Flughafen.

«Airport» ist nach «Miramare» die zweite Arbeit der in Reute AR und New York lebenden Animationsfilmkünstlerin. Ihr Erstling aus dem Jahr 2010 war ein weltweiter Erfolg. Die geborene St. Gallerin gewann damit den Schweizer Filmpreis Quartz und 17 weitere Auszeichnungen; der Film lief an über 100 Festivals.

«Miramare» schildert die Reise einer St. Galler Familie zu Strandferien in Südeuropa. In «Airport» geht es irgendwie auch ums Verreisen. Mit «Miramare» reiste die Filmemacherin selbst. An zahlreichen Festivals war sie persönlich und damit auf vielen Flughäfen. Sie beobachtete und begann eine Sammlung mit Flughafengeschichten anzulegen und Tonaufnahmen zu machen. Der in New York lebende Rheintaler Musiker Fa Ventilato, der bereits bei «Miramare» für Ton und Musik verantwortlich war, nahm mit speziellen Mikrofonen, die wie Kopfhörer aussehen, alle möglichen Geräusche auf dem Flughafen auf. «Das war gar nicht so einfach», erzählt die 45-Jährige am Filmfestival Locarno, wo ihr Film Schweizer Premiere feiert. «Sehr oft gab es Nebengeräusche, die wir gar nicht haben wollten.»

Eine Dramaturgie der Stimmungen

Bild und Ton sind in «Airport» eng miteinander verwoben. Die realen Geräusche machen den Schauplatz erlebbar, selbst wenn die Bilder teils abstrahiert sind. Man erkennt Menschenmengen, die durch grau-blaue Hallen gehen, man sieht Rolltreppen, Hinweistafeln, Shops, hört Durchsagen von Flügen in unterschiedlichen Sprachen. Doch vieles bleibt schemenhaft, was das Traumhafte der Situation betont. Anders als Müllers Erstling folgt ihr neuer Film weniger einer erzähle­rischen Chronologie, sondern einer Dramaturgie von Stimmungen und fliessenden Übergängen. «Das war ein langer Prozess», sagt Michaela Müller, die dafür mit Aleksandar Battista Illic in Zagreb gearbeitet hat. So entstanden zunächst gezeichnete Standbilder zu den Tonskizzen, danach auf dem Maltisch eine grob animierte Version, um die Übergänge auszuprobieren. In «Airport» ist alles in Bewegung. Da verwandelt sich beispielsweise ein blaues Band, das die Menschen durch eine Halle schleust, in eine Rolltreppe. Nur gelegentlich nähert man sich einzelnen Gesichtern: zu Menschen, die sich verabschieden, oder zu einer Frau, die voller Leidenschaft ein melancholisches Lied singt.

Das Reale wird durch Irritationen gebrochen

Die Technik, mit der die Künstlerin auch diesmal arbeitete, ist zeitaufwendig: Sie malt mit Farben direkt auf eine beleuchtete Glasplatte und filmt jedes Einzelbild ab. Damit der Hintergrund schwarz und nicht weiss wird, hat sie mit Negativfilm und in Komplementärfarben gedreht: Blau ist nachher Gelb. «Ich wollte, dass die Farben leuchten und zudem die Farben nicht aus einem schwarzen Hintergrund holen», erklärt sie ihr komplexes Verfahren. Noch stärker als in «Miramare» wird die reale Ebene durch ­irritierende Momente unter­brochen. Jemand, der keuchend rennt; Vögel, die scharenweise an ein Aussichtsfenster knallen; eine Abflugtafel, deren Buchstaben sich in Menschen verwandeln; oder eine kauernde Gestalt in einem Koffer. Dies alles betont die metaphorische Qualität von «Airport» als einen Ort des Übergangs, eines Kommens und Gehens, der kanalisiert und strukturiert wird, der nicht Ziel, sondern Zwischenstation bleibt.

Über einen Zeitraum von sechs Jahren hat Michaela Müller an «Airport» gearbeitet. Zehn Minuten dauert er; eine Länge, die sich aus dem Thema ergeben hat: «Es ist eine Verdichtung auf eine kurze Zeit, in der sich dennoch viel ausdrücken lässt.» Sie werde oft gefragt, wann sie einen langen Film mache. «Ich sage dann immer: sicher nie!» und lacht. «Es ist nicht so, dass ich jedes Mal mit Glasmalerei arbeiten will. Im Moment experimentiere ich mit einer anderen Form.» ­Zunächst folgen nun zahlreiche ­Einladungen an Festivals. Nach Locarno wird der Film auch am Filmfestival Toronto gezeigt – das ist bereits eine Auszeichnung. In der Schweiz wird der Film dann im September am Animationsfilmfestival Fantoche in Baden in den Wettbewerben zu sehen sein.

michaelamuller.com