FILMFESTIVAL: «Den Sinn für Humor verloren»

Am 70. Festival von Cannes kündigte die 86-jährige Legende Clint Eastwood an, bald selber wieder vor die Kamera zu treten, und wurde von Fans fast erdrückt.

Christian Jungen
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Clint Eastwood sprach am Filmfestival Cannes über seine Arbeit. (Bild: Thibault Camus/AP (Cannes, 21. Mai 2017))

Clint Eastwood sprach am Filmfestival Cannes über seine Arbeit. (Bild: Thibault Camus/AP (Cannes, 21. Mai 2017))

Christian Jungen

focus@tagblatt.ch

Es herrscht kein Mangel an Stars in Cannes. Arnold Schwarzenegger, Nicole Kidman, Adam Sandler, Marion Cotillard und Isabelle Huppert waren hier und posierten für die Fotografen. Aber keiner löste heftigere Begeisterungsstürme aus als Clint Eastwood. Der 86-Jährige stellte eine restaurierte Kopie seines Western «Unforgiven» vor und gab eine Masterclass. Wer sich nicht mindestens 90 Minuten vorher in die Schlange stellte, hatte keine Chance, in die 60 Minuten dauernde Veranstaltung hineinzukommen. Die Plätze bei der Bühne waren besetzt vom Establishment aus Hollywood und Paris. In der ersten Reihe sassen etwa Kevin Tsujihara, der Studioboss von Warner Bros., dem Eastwood zuletzt mit «American Sniper» und «Sully» fette Gewinne bescherte, und Pierre Rissient. Der Franzose hat in den 70er-Jahren mit seinen PR-Kampagnen geholfen, den als reaktionären Haudegen aus B-Movies verkannten Eastwood als Autorenfilmer salonfähig zu machen.

Eastwood, der bodenständige Macher

Eastwood erzählte, dass er 1971 Mühe bekundete, einen Produzenten für «Dirty Harry» zu finden: «Viele Leute dachten, die Geschichte sei politisch unkorrekt. Es war der Beginn des Zeitalters, in dem wir heute leben. Die politische Korrektheit bringt uns noch um, wir haben unseren Sinn für Humor verloren.» Eastwood hat das Drehbuch Regisseur Don Siegel gezeigt, der den Cop-Thriller mit ihm in der Titelrolle verfilmte. Siegel sei neben Sergio Leone sein zweites Vorbild gewesen. Von ihm habe er gelernt, jede Szene möglichst nur einmal zu drehen. «Wenn du nämlich zu lange mit den Schauspielern probst, verlieren sie den genuinen Ausdruck», sagte Eastwood, der sich als bodenständiger Macher präsentierte. «Film ist ohnehin eine emotionale Kunstform, keine intellektuelle.»

Woher rührt sein Pragmatismus? Eastwood erzählte, dass er aus einer armen Familie stamme, die während der Depression alle sechs Monate umziehen musste, wenn sein Vater wieder die Stelle verlor. Er habe als Kind gelernt, dass es wichtig sei, hart zu arbeiten. Eastwood kündigte an, seinen nächsten Film in Frankreich zu drehen. Das Projekt heisst «The 15:17 to Paris» und erzählt die wahre Geschichte von drei Amerikanern, die im August 2015 in einem Zug von Brüssel nach Paris einen bewaffneten IS-Schergen überwältigten, der einen Terroranschlag geplant hatte. Dann sagte er, was die Fans hören wollten: Er werde bald wieder selber vor der Kamera stehen. Im Anschluss an die Masterclass stürmten Fans mit Journalisten-Akkreditierung um den Hals an den Bodyguards vorbei die Bühne und begannen Selfies mit der Ikone zu machen. Eastwoods Gesicht verriet für einige Sekunden ein Gefühl, das man von ihm in Filmen nicht kennt: Angst.

Furcht bekundeten auch die Organisatoren, als sie kurz vor der ersten Vorführung von «Le Redoutable» im Kino eine Tasche fanden. Sie liessen das Gebäude evakuieren und riefen Antiterrorexperten herbei, die feststellten: eine normale Tasche, vergessen von einem normalen Besucher. Die Vorstellung begann mit 45 Minuten Verspätung. Michel Hazanavicius («The Artist») erzählt im biografischen Drama, wie Jean-Luc Godard (Louis Garrel) um 1968 von einem populären Cineasten zum revolutionären Experimentalfilmer wurde. Zunächst fokussiert er auf Godards Beziehung mit seiner zweiten Ehefrau Anne Wiazemsky (Stacy Martin). Die beiden führen ein frivoles Leben als Bohemiens und gingen im Mai 68 in Paris auf die Strasse, um den Rücktritt von General De Gaulle zu fordern. Godard warf sogar Steine gegen die Ordnungshüter, entfremdete sich aber zusehends von seinen Weggefährten: An der Sorbonne wurde er ausgepfiffen, als er in Anwesenheit von Daniel Cohn-Bendit die «Juden als die neuen Nazis» bezeichnete und in Rom überwarf er sich mit seinem Freund Bernardo Bertolucci. Godard war der Meinung, man müsse nicht nur revolutionäre Filme machen, sondern die Filme auf revolutionäre Weise drehen.

«Le Redoutable» ist amüsantes Postkartenkino, das viele Facetten von Godards Persönlichkeit zeigt, aber nichts vertieft und letztlich keinen Erkenntnisgewinn beschert. Von Rolle am Genfersee aus, wo er lebt, liess der Cineast schon im Vorfeld ausrichten, was er von Hazanavicius’ Film hält: «eine dumme Idee».

Mehr vom Festival im Blog Cannes-Journal: www.nzzas.ch/notizen/Cannes2017

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