FILMFESTIVAL: Cannes braucht frischen Wind

Die Jury des 70. Festivals hat einen würdigen Sieger gekürt: Die Goldene Palme geht an «The Square» von Ruben Östlund. Allerdings hat Cannes einen schwachen Wettbewerb geboten.

Christian Jungen, Cannes
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Grund zur Freude: der Gewinner der Goldenen Palme, Ruben Östlund. (Bild: Sebastien Nogier/EPA)

Grund zur Freude: der Gewinner der Goldenen Palme, Ruben Östlund. (Bild: Sebastien Nogier/EPA)

Christian Jungen, Cannes

focus@tagblatt.ch

Irgendwann in der Mitte des Festivals löste Mitleid den Ärger ab. Da feierte das erste Filmfestival der Welt ein Jubiläum und enttäuschte sein Publikum Tag für Tag. Mit Spannung erwartete neue Titel von Christopher Nolan («Dunkirk») und Terrence Ma­lick («Radegund») hat es nicht bekommen. Und dann präsentierte es Beiträge von alten Bekannten wie Todd Haynes, Naomi Kawase, Arnaud Desplechin, André Téchiné oder Claude Lanzmann, die im Formtief steckten. Das Festival ist zum Sklaven seiner eigenen Politik geworden, vormalige Preisträger weiter einzuladen. Das Wettbewerbsprogramm wirkte altmodisch und nicht am Puls der Zeit.

Dabei hätte es durchaus frische Werke gegeben, die liefen aber in Nebensektionen wie «Un certain regard», wo man die aufregenderen Filme sah. Zum Beispiel «Jeune Femme», über eine widerborstige junge Frau in Paris, der jungen Französin Léonor Serraille, die dafür den Hauptpreis der Sektion gewann.

Der Jahrgang erscheint besser, als er war

Wann endlich geht das Festival dazu über, sich zu erneuern? Die Gefahr besteht, dass sich in Zukunft wieder nichts ändert, weil Cannes mit einem blauen Auge davongekommen ist. Die Jury hat einen klugen Palmarès zusammengestellt, der den Jahrgang besser erscheinen lässt, als er war. Mit «The Square» hat es die Goldene Palme einem der wenigen guten Filme verliehen, einer Satire von Ruben Östlund auf die Intellektuellen im Kunstbetrieb. Im Mittelpunkt steht ein Museumskurator, der gerade eine moderne Ausstellung konzipiert hat. Als vor dem Kunsthaus eine hysterisch schreiende Frau auftaucht, will er ihr helfen – und stellt wenig später fest, dass ihm Handy und Brieftasche gestohlen wurden. Dank einem Suchdienst vermag er sein Handy in einer Vorortssiedlung von Stockholm zu lokalisieren, wo er mit seinem Tesla hinfährt, um den potenziellen Dieben einen Drohbrief in den Briefkasten zu legen.

«The Square» führt die Selbstbezogenheit der Bobos ad absurdum, die kaum einen Sachverhalt ohne das Wort «Kontext» zu erklären vermögen und im Umgang mit den einfachen Leuten überfordert wirken. Der Film enthält lakonischen Bildwitz, mokiert sich über politische Korrektheit und erhielt in der Presse­vorstellung mehrmals Szenen­applaus. Östlund ist quasi die nordische Variante von Paolo Sorrentino. Wie der Italiener, führt er die urbane Bourgeoise vor, ohne Empathie für sie zu wecken. Mit 142 Minuten ist sein Film allerdings eine Viertelstunde zu lang geraten.

Wieder mal ein Sieger unter 50 Jahren

Und doch ist man erleichtert über diesen Sieger, am meisten wohl in Cannes selber. Dem Vernehmen nach war der künstlerische Direktor Thierry Frémaux letztes Jahr sehr unglücklich, dass die junge Maren Ade (Jahrgang 1976) mit ihrem Meisterwerk «Toni Erdmann» leer ausging und Altmeister Ken Loach eine zweite Palme erhielt. Mit dem 42-jährigen Östlund hat Cannes zum ersten Mal seit Jahren wieder einen Gewinner unter 50 Jahren – und erst noch einen, den es selber entdeckt hat. Der Schwede hatte 2008 zum ersten Mal einen Film in Cannes vorgestellt und 2014 mit dem Familiendrama «Turist» den Jurypreis von «Un certain regard» gewonnen. Mit den Preisen für Sofia Coppola («The Beguiled») als beste Regisseurin und Lynne Ramsay («You Were Never Really Here») für das beste Drehbuch wurden zudem zwei der drei Regisseurinnen aus dem Wettbewerb geehrt. Alles paletti, also? Nicht ganz. Der Wettbewerb enthielt zu viele formverliebte Werke, Stilblüten ohne Bezug zur politischen Realität. Und die Warterei wegen der Sicherheitsmassnahmen schlug aufs Gemüt. Von den elf Tagen an der Croisette haben wir einen ganzen Tag, sprich 24 Stunden, mit Anstehen verbracht. Dies schadete letztlich den Filmen, die dem missmutigen Publikum teilweise mit grossen Verspätungen vorgeführt wurden. Sicherheit muss sein, keine Frage. Aber ginge es nicht mit einem statt zwei Ganzkörper-Scans am Eingang?

Hollywood fehlte und viele weitere Filmländer

Als Problem für das Festival erwies sich auch die Absenz von Hollywood. Zum ersten Mal seit 50 Jahren lief keine Grossproduktion eines Studios – man vermisste einen spektakulären Eventfilm, wie ihn das Festival mit «The Great Gatsby» oder «Inside Out» in den letzten Jahren präsentierte. War es Pech? Oder stimmt es, dass Thierry Frémaux nach 17 Jahren allmählich amtsmüde ist; lieber Bücher schreibt, als in Los Angeles Klinken zu putzen? Cannes muss über die Bücher gehen und strenger sein mit dem eigenen Filmschaffen. Sechs von 20 Titeln im Wettbewerb (inklusive Eröffnungsfilm) waren französische Titel, dafür lief kein Werk aus China, Lateinamerika, Afrika und Australien. Sämtliche Preise blieben in Europa oder gingen nach Nordamerika. Das Festival droht provinziell zu werden.

Mehr zu Cannes: www.nzzas.ch/notizen/Cannes2017

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