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Filmen heisst lügen

Als dichtes Kammerspiel über den Holocaust kam am Theater Konstanz «Gerron» zur Uraufführung. Annette Gleichmanns Bühnenfassung von Charles Lewinskys Roman beeindruckt auch durch hohe Puppenspielkunst.
Ernstes Thema und Puppenspiel - kein unmögliches Gespann, wie Magdalene Schaefer und Sebastian Fortak in Konstanz zeigen. (Bild: Ilja Mess)

Ernstes Thema und Puppenspiel - kein unmögliches Gespann, wie Magdalene Schaefer und Sebastian Fortak in Konstanz zeigen. (Bild: Ilja Mess)

Wer könnte sicher sein, wie er sich in einer Extremsituation verhält? Und was bedeutet Kollaboration, wenn der Tod droht? Wie auf der Bühne wesentliche Fragen mit Zwischentönen verhandelt werden können, zeigt die Inszenierung von «Gerron», die am Samstag in Konstanz als dichtes Kammerspiel auf der Werkstatt-Bühne ihre Uraufführung hatte.

Nach dem Roman des Schweizer Autors Charles Lewinsky hat Annette Gleichmann eine Schauspielfassung erarbeitet, die auf Figurentheater aufbaut. Da es um den Holocaust geht, um ein «Leben» in Theresienstadt, den Transport ins Vernichtungslager Auschwitz stets vor Augen, mag dies zunächst irritieren. Doch der Abend wird auch zu einem Lehrstück darüber, was Puppentheater auf hohem Niveau zu leisten vermag.

Nochmals Regisseur aus Narzissmus?

Kurt Gerron, im Berlin der Goldenen Zwanzigerjahre als Schauspieler und Regisseur zu einigem Ruhm gelangt, wird als Jude 1944 mit seiner Frau Olga nach Theresienstadt deportiert und erhält im Konzentrationslager den Auftrag, für das Regime einen Propagandafilm zu drehen. In dieser Situation lassen Roman wie auch Theaterstück Kurt Gerron durch Erinnerungen wandern, die Fluchtpunkt und Grauen in einem sind. Dahinter immer die Frage: Wieweit ist Narzissmus im Spiel, wenn Kurt Gerron, der gedemütigte Häftling, noch einmal Regisseur sein möchte? Oder ermöglicht die Arbeit für die Nazis eben, sich selbst und anderen ein Stück (Über-)Lebenszeit zu sichern? Vielschichtig und beeindruckend wird in Konstanz die Beschäftigung mit dem Grauen im Lager ausgestaltet.

Zwischen Zartheit und dämonischer Erinnerung

Da ist der Schauspieler und Puppenspieler Sebastian Fortak, der zunächst mit einer Puppe den erfolgreichen und wohlgenährten Kurt Gerron der Zwanzigerjahre verkörpert. Am Bühnenrand steht mit André Rohde bereits der blasse, gebrochene Kurt Gerron von Theresienstadt, den unvermeidlichen Judenstern angeheftet. Ira Hausmann und Janna Skroblin zeichnen gemeinsam für Ausstattung und Puppenbau verantwortlich. Die Puppen – im Zentrum ein wohlgenährter und ein eingefallener Gerron sowie das Kind Kurt mit seinem Grossvater – wirken auch wegen ihrer fein austarierten Führung lebensnah. Ein Bretterverschlag dient als Unterkunft in Theresienstadt ebenso wie als Schützengraben des Ersten Weltkriegs. Magdalene Schaefer, ebenfalls feinsinnige Puppenspielerin, wird auch zu Olga, Gerrons Ehefrau, die mit ihm nun das Leben in Theresienstadt ertragen muss.

André Rohdes Schauspiel ist eng verflochten mit dem Spiel der Puppen, mit dem, was Magdalene Schaefer und Sebastian Fortak ins Leben rufen. Zart und manchmal verspielt zeigt er Gerron in manchen Momenten mit seiner ebenfalls geschundenen Frau, um dann wieder von den Dämonen der Erinnerung verfolgt zu werden oder ein wenig Eitelkeit hervorzuholen als Regisseur des Propaganda-Streifens. «Filmen heisst lügen», wird er zu der ihm zugewiesenen Sekretärin sagen, die bald mit einem Transport verschwunden sein wird. Zu alldem kommen Filmsequenzen und die wunderbare Musik, die Andreas Kohl aus der Musikgeschichte geschürft hat. Das hallt nach.

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