Solothurner Filmtage
Wenn Künstlerinnen mit Kunst spielen, tanzt Obama

Zu den Filmtagen präsentiert das Kunstmuseum Solothurn zwei Video-Künstlerinnen, die Kunst und bewegtes Bild verheiraten.

Sabine Altorfer
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Ein Kunstmahl. Gekocht mit Ingredienzien aus Jahrhunderten, gewürzt mit Humor und angerichtet als verführerisches Video. «Austern» von Judith Albert.

Ein Kunstmahl. Gekocht mit Ingredienzien aus Jahrhunderten, gewürzt mit Humor und angerichtet als verführerisches Video. «Austern» von Judith Albert.

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Welche Schandtat! Eine Schere schiebt sich durch das berühmte Gemälde «La Blanche et la Noire» und schneidet der schwarzen Dienerin das Kleid auf, die Haare weg und trennt der schlafenden Weissen die nackten Beine. Wird hier ein millionenteures Kunstwerk von Félix Vallotton (1865–1925) gefleddert? Doch das Schneiden erfolgt sorgfältig, und fasziniert beobachten wir, wie zwei Hände die geheimnisvollen Leinwandheldinnen zurechtbiegen, sie endlich zueinander bringen, ihnen ein neues Leben schenken.

Die Hände gehören Judith Albert (48), die Vallotton liebt, «die Kühle seiner emotionalen Gemälde», wie sie selber sagt, und deshalb immer wieder Sujets des grossen Westschweizers in ihren Videoarbeiten zitiert, reinszeniert und in die heutige Zeit transferiert. Wunderschön etwa, wie sie sein Peperoni-Stillleben, das leuchtende Grün und Rot der Gemüse, langsam zuschneien lässt.

Freitag, 26. Januar: Emma – il colore nascosto delle cose Von Silvio Soldini. 11.45 Uhr, Reithalle: Emma (Valeria Golino) ist seit ihrem 16. Lebensjahr blind. Eines Tages verliebt sie sich in Theo. Doch Theo ist vergeben, und Emma misstraut der Liebe eines Sehenden.
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Freitag, 26. Januar: A Long Way Home Von Luc Schaedler. 15.00 Uhr, Landhaus: Fünf chinesische Künstler erforschen die Erschütterungen der chinesischen Geschichte. Sie setzen sich für eine demokratische Gesellschaft ein und sind Teil einer mutigen Gegenkultur.
Samstag, 27. Januar: Das Leben vor dem Tod Von Gregor Frei. 15.00 Uhr, Landhaus: Zwei ältere Männer leben in einem ausgestorbenen Dorf im Tessin. Der eine will mit 70 «abtreten». Darf man einfach so sterben? Der Regisseur dokumentiert die aufwühlende Debatte.
Samstag, 27. Januar: Chris the Swiss Von Anja Kofmel. 21.15 Uhr, Landhaus: Kroatien, 1992: Während des Jugoslawienkrieges wird die Leiche des jungen Schweizer Journalisten Chris gefunden. 20 Jahre später begibt sich seine Cousine auf Spurensuche.
Sonntag, 28. Januar: Boomerang Von Nicole Borgeat. 17.15 Uhr, Reithalle: Theo, ein ehrgeiziger Politiker mit fremdenfeindlicher Gesinnung, ist im Wahlkampf. Doch eines Tages wacht er in der Haut seiner Putzfrau auf, einer muslimischen Asylsuchenden.
Sonntag, 28. Januar: Fell in Love with a Girl Von Kaleo La Belle. 20.00 Uhr, Konzertsaal: Eine Patchwork-Familie wandert in die USA aus. Ein wirklichkeitsnahes und intimes Porträt, das grundlegende Fragen zu heutigen Lebensformen aufwirft.
Montag, 29. Januar: Tranquillo Von Jonathan Jäggi. 18.00 Uhr, Reithalle: Ein Tinnitus zwingt den Mittzwanziger Peter, seinen egoistischen, urbanen Lebensstil zu überdenken. Das Zeitzeugnis einer Generation kam ohne öffentliche Filmförderung zustande.
Montag, 29. Januar: Mario Von Marcel Gisler. 20.45 Uhr, Reithalle: Mario steht am Anfang einer Fussball-Karriere. Da verliebt er sich in seinen Mitspieler Leon. Das bleibt anderen im Klub nicht verborgen, bald verbreiten sich erste Gerüchte.
Dienstag, 30. Januar: Vakuum Von Christine Repond. 14.45 Uhr, Reithalle: Inmitten der Vorbereitungen auf ihren 35. Hochzeitstag erfährt Meredith, dass sie HIV-positiv ist. Als Überträger kommt nur ihr Mann André infrage. Hält das ihre Ehe aus?
Dienstag, 30. Januar: Die Vierte Gewalt Von Dieter Fahrer. 17.45 Uhr, Reithalle: Durch das Internet ist die Wirtschaftlichkeit und Unabhängigkeit des Journalismus in Gefahr. Der Regisseur taucht in den Alltag diverser Redaktionen ein und reflektiert kritisch.
Mittwoch, 31. Januar: Des moutons et des hommes Von Karim Sayad. 9.30 Uhr, Landhaus: Anstatt Tierarzt zu werden, kauft sich der 16-jährige Habib wie andere Männer in Algerien einen Schafbock für Kämpfe. Der soll ihm zu Ruhm und zu einem Einkommen verhelfen.
Mittwoch, 31. Januar: Cercando Camille Von Bindu de Stoppani. 20.45 Uhr, Reithalle: Die pflichtbewusste Camille geht mit ihrem an Alzheimer erkrankten Vater auf Reise. Sie muss lernen, ihn loszulassen und ihr eigenes Glück zu finden. Eine herzerwärmende Komödie.

Freitag, 26. Januar: Emma – il colore nascosto delle cose Von Silvio Soldini. 11.45 Uhr, Reithalle: Emma (Valeria Golino) ist seit ihrem 16. Lebensjahr blind. Eines Tages verliebt sie sich in Theo. Doch Theo ist vergeben, und Emma misstraut der Liebe eines Sehenden.

Schweiz am Wochenende

Sujets von Edouard Manet (1832– 1883), finden wir bei Anne Sauser-Hall (64). «Die unheimliche Stille, die bewegungslose Inszenierung der Figuren faszinieren mich» sagt die Genfer Videokünstlerin. Sie reinszeniert Manets kleines Mädchen vor dem grossen Gitter, das Paar und den kleinen Hund auf dem Balkon oder den toten Torero mit Schauspielern in langsamen Bildern. Unheimlich und unwirklich schön wirken die Figuren, verlorener noch als auf Manets Bildern: Das Leben, ihre Sehnsüchte scheinen festgefroren.

Kostüme, Szenario, Ablauf plant Sauser-Hall minuziös wie eine Filmregisseurin. Aber Geschichten erzählen will sie im Gegensatz zu einer Filmerin nicht. Ob als Grossprojektion gezeigt oder auf einem kleinen Bildschirm kondensiert, zeigt sie existenzialistische Tableaux, seziert sie Befindlichkeiten und Gewohnheiten, Verhaltensweisen und Auftritte von Menschen.

Digitale Handarbeit

Nicht nur das Medium Video und das Zitieren von Kunstwerken verbindet die beiden Künstlerinnen, sondern auch ihr Interesse für Hände. «Ich schaue den Menschen immer auf die Hände», für mich sind sie charakteristischer als Gesichter», sagt Judith Albert. Trotzdem behaupten beide Künstlerinnen, in so befremdlich wie surreal wirkenden Videos, dass eine Figur zwei unterschiedliche Hände haben kann.

solot

EL AMOR CIEGO – Spielfilm von Pablo Martín Torrado Zu Tangoklängen entspinnt sich eine Romanze inklusive Kinobesuch und Sonnenuntergang. Doch bleibt die Grossleinwand eigentümlich leer, sind die beiden Sonnen am Himmel eigentlich Strassenlaternen und schmachten die Verliebten isoliert in einer virtuellen Realität. Sehen wir hier die Zukunft? Unser Future Lab bietet Virtual und Augmented Reality für den Selbstversuch. Ich wette, dass es dabei zu ähnlichen Szenen kommt wie in Pablo Martín Torrados doppelbödiger Komödie, die im Nachtschwärmer-Programm «Nocturne» läuft.
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AYSHA KEVIN MICHELE – Dokumentarfilm von Florine Leoni Aysha, Kevin und Michele leben in einem Wohnheim auf dem Land. Ihr Leben dreht sich um Games, Musik von Justin Bieber und Sido, ums Rappen oder Reiten. Die Jugendlichen träumen von der Zukunft, geniessen die Aufmerksamkeit der Kamera, setzen sich in Szene, schöpfen Selbstvertrauen und filmen sich selbst. Aus alltäglichen Episoden zwischen Dokumentation und Fiktion wird ein berührendes Spiel mit dem Medium Film, aus vermeintlicher Belanglosigkeit wird Poesie.
REWIND FORWARD – Dokumentarfilm von Justin Stoneham Justin Stoneham reist in die Vergangenheit und spult mit VHS-Kassetten die eigene tragische Familiengeschichte zurück. Sein zutiefst persönlicher Film nimmt uns mit an südenglische Strände, erzählt von Velos und Rollstühlen, von Schicksalsschlägen und Brüchen, und er macht Hoffnung. Dazu erklingt die Musik von Heidi Happy. Die eigenwillige Handschrift von Justin Stoneham wurde am Filmfestival Locarno mit einem Pardino d’oro ausgezeichnet.
INTIMITY – Animationsfilm von Elodie Dermange Sie duscht, zieht sich an, schminkt sich und entblösst dabei ihre intimsten Gedanken. Durch den inneren Monolog einer Frau, die ihren Körper erst lieben lernt, als sich Kameras auf ihn richten, greift Elodie Dermange nicht nur das aktuelle Thema der Selbstdarstellung auf. Sie bedient sich in ihrem Erstling meisterhaft der Mittel der Animation, die dokumentarisch präzis enthüllt, was sonst verborgen bleibt. Kein Wunder, wird der Film an zahlreichen Dokfilmfestivals und bald in Sundance gezeigt!
FAST ALLES – Spielfilm von Lisa Gertsch «Ich muss pinkeln und habe Hunger.» So tönt es vom Rücksitz. Aber die Stimme gehört nicht einem quengelnden Kind, sondern einem gestandenen Mann. Paul leidet an Frühdemenz, und seine Frau Leandra erkennt ihn im Rückspiegel kaum wieder. Michael Neuenschwander und Oriana Schrage verkörpern das Paar, dem im Leben einmal fast alles möglich schien, mit sanfter Melancholie. Und die ebenso talentierte Regisseurin Lisa Gertsch zeigt mit «Ein Prinzessinnen-Film» im weiteren Programm, dass sie auch lustig kann.
FACING MECCA – Spielfilm von Jan-Eric Mack An Anfang und Ende stehen Kühlschränke. Jan-Eric Mack hätte für die frostige Atmosphäre der Schweizer Bürokratie kein besseres Bild finden können. Sie schlägt einem syrischen Asylsuchenden nach dem Krebstod seiner Frau mitleidlos entgegen. «Wenn das jede miech…» Doch ein Rentner stellt sich quer, ganz wie das muslimische Grab, das es zu bestellen gilt. Eine Parabel darüber, dass Menschlichkeit zuweilen heisst, aus der Reihe zu tanzen. Der Film wurde bei den Student Academy Awards unter 1600 Einsendungen mit der Silbermedaille ausgezeichnet.
LES INTRANQUILLES – Spielfilm von Magdalena Froger Wie fühlt es sich an, in den Krieg zu ziehen? In atmosphärisch dichten Bildern nähert sich Magdalena Froger einer Frage an, die viele ohne Antwort lässt. Sprachlos sind denn auch drei Soldaten, wenn sie eine verlassene Landschaft durchqueren oder sich in Trance tanzen. Sie driften scheinbar ziellos, abgestumpft und gleichwohl unruhig durch den Film. Aus dem Off ertönt «J’avais un camarade», das Lied der Fremdenlegion, und hallt lange nach.
SCHWIMMDEMO – Interventionsfilm von Christoph Schaub und Thomas Krempke Die handliche Bolex ermöglichte es Frauen ab den 1950er-Jahren, autonom Filme zu machen. Die Avantgarde-Perlen unseres historischen Programms erkunden den emanzipatorischen Effekt der Schweizer Kultkamera. Er wirkt von der amerikanischen Pionierin Maya Deren über die Queer-Cinema-Ikone Barbara Hammer, die mit «Dyketactics» die lesbische Liebe auskundschaftete, bis in die Schweizer Filmschulen nach. Ein aktives und experimentelles Kino, das nahe am Körper überblendet, doppelt belichtet, sinnlich und immer in Bewegung ist!
BOLEX – EINE SCHWEIZER KAMERA VON WELTFORMAT: WEIBLICHE EXPERIMENTE Die handliche Bolex ermöglichte es Frauen ab den 1950er-Jahren, autonom Filme zu machen. Die Avantgarde-Perlen unseres historischen Programms erkunden den emanzipatorischen Effekt der Schweizer Kultkamera. Er wirkt von der amerikanischen Pionierin Maya Deren über die Queer-Cinema-Ikone Barbara Hammer, die mit «Dyketactics» die lesbische Liebe auskundschaftete, bis in die Schweizer Filmschulen nach. Ein aktives und experimentelles Kino, das nahe am Körper überblendet, doppelt belichtet, sinnlich und immer in Bewegung ist!
CHEN CHEN – Dokumentarfilm von Franziska Schlienger Chen Chen wuchs in einem chinesischen Dorf mit zwei Geschwistern auf; vor den Kontrollen der Einkindpolitik versteckte er sich auf dem Feld. Nun hat er es nach Schanghai geschafft und will sich zeigen: Mode und Konsum bestimmen das Streben des androgynen jungen Mannes. Schweizer Dokumentarfilme blicken immer öfter nach China und offenbaren – wie in diesem faszinierenden Porträt – die Ambivalenzen einer sich rasant verändernden Gesellschaft zwischen Tradition und modernem Individualismus.

EL AMOR CIEGO – Spielfilm von Pablo Martín Torrado Zu Tangoklängen entspinnt sich eine Romanze inklusive Kinobesuch und Sonnenuntergang. Doch bleibt die Grossleinwand eigentümlich leer, sind die beiden Sonnen am Himmel eigentlich Strassenlaternen und schmachten die Verliebten isoliert in einer virtuellen Realität. Sehen wir hier die Zukunft? Unser Future Lab bietet Virtual und Augmented Reality für den Selbstversuch. Ich wette, dass es dabei zu ähnlichen Szenen kommt wie in Pablo Martín Torrados doppelbödiger Komödie, die im Nachtschwärmer-Programm «Nocturne» läuft.

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Bei Barack Obamas Händen findet Sauser-Hall nicht Form oder Grösse auffallend, sondern die Gestik: Wie er sie parallel hin und her bewegt, sie Bogen beschreiben lässt, hat sie von einem Break-Dancer nachspielen lassen. Auch wenn Form und Rhythmus stimmen, wirkt dieses Handballett irritierend inhaltsleer.

Wie Pablo Picasso seine Hand zeichnete, gilt als genial. Kongenial nimmt Judith Albert das Motiv auf: Sie deckt ihre Hand mit hautfarbener Paste ab und zeichnet mit einem Malerspachtel die Lebenslinien wieder ein. Nicht virtuos, sondern korrigierend, suchend. Wie wenn sie sagen möchte, Kunst entsteht nicht aus einem genialen Moment, sondern durch (Hand-)Arbeit.

An dieser Arbeit lässt sie uns in einigen Videos teilhaben. Geradezu köstlich im Stillleben «Austern». Ein Tischtuch wird aufgelegt, darauf setzen Judith Alberts Hände eine Schale mit Austern, einen Zitronenringel, rundum schlingt sie eine weisse Krause, setzt einen orangen Teller mit einem geräucherten Fisch darauf, ein «Vallotton»-Messer mit einer roten Spitze ... Alles Fake, alles nur Papier-Abbilder von Kunstwerken, wird uns klar. Aber trotzdem staunen wir, dass die Künstlerin über dieses dreidimensionale Arrangement mit dicken schwarzen Strichen einen Raster zeichnen kann. Der Trick sei nicht verraten, aber die Botschaft: Seht her, Bilder sind zweidimensional., ein Bild ist ein Bild.

Für Christoph Vögele, Direktor des Kunstmuseums Solothurn, ist dieses Video von Judith Albert das Schlüsselwerk der Ausstellung. Denn im weissen Tischtuch mit den akkuraten Falten zitiert sie ihre eigene Arbeit in der Solothurner St.-Ursus-Kathedrale: Einen wuchtigen Altar aus Carraramarmor, dem man sein steinernes Material – ohne ihn anzufassen – nicht glauben mag. Beim Altar wiederum zitiert Albert den Tisch von Leonardo da Vincis berühmtem «Abendmahl».

Kunst ist ein Kontinuum, quer über Länder, Epochen und Medien. Dass die beiden Video-Künstlerinnen gerade jetzt im Kunstmuseum Solothurn ihren grossen Auftritt haben, ist kein Zufall, sondern passt bestens zu den Filmtagen. Gerade auch um zu erkunden, dass und wie sich Film- und Videokunst unterscheiden.