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Vom Schnörrisender zur Promi-Fabrik: Wie sich das SRF entwickelt hat

Das Schweizer Radio und Fernsehen war immer auch Unterhaltungssender – nur die Quote wurde wichtiger. Spätestens seit der erste Werbespot am 1. Februar 1965 über den Sender ging.

Benno Tuchschmid
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Die DRS-Big Band unter Hans Moeckel begleitet 1982 das Trio Eugster.

Die DRS-Big Band unter Hans Moeckel begleitet 1982 das Trio Eugster.

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Adolf Hitler hat die Unterhaltung ins Schweizer Radio gebracht. Zumindest indirekt. Die Sparte für Amusement und Zerstreuung erlebte bei der SRG während der geistigen Landesverteidigung ihren ersten grossen Boom. Die Radiochefs wollten so verhindern, dass Hörer zu den Nazi-Sendern abwanderten, die über die nördlichen Landesgrenzen in die Schweiz strahlten – und in denen Unterhaltungsformate und Musik viel Platz einnahmen. Unterhalten war damals in der SRG ein politischer Akt. Réduit public.

Heute, mitten in der giftigsten Service-public-Diskussion der letzten Jahre, ist Unterhaltung in der SRG wieder politisch. Nur geht es nicht mehr gegen Nazis, sondern um die Frage: Muss die SRG unterhalten? Und wenn ja, wie und wie viel? Für die privaten Medienunternehmer ist klar: Es muss weniger sein. Der Tenor der SRG-Kritiker lautet: Nur was die Privaten nicht auch können, soll die SRG dürfen. Tamedia-Verleger Pietro Supino schrieb in einem Beitrag in der «NZZ», die SRG produziere heute «quotengetriebene Sendungen ohne Relevanz für die Demokratie».

Zwei Orchester pro Sprachregion

Nur: Neu ist das nicht. Mithilfe populärer Formate ein grosses Publikum zu gewinnen, darum ging es bei der SRG schon in der Kriegszeit. Und die gebührenfinanzierten Sender scheuten dafür auch keinen finanziellen Aufwand. In der ganzen Schweiz schossen damals Radio-Orchester aus dem Boden. Grosse 48-Mann-Ensembles, gespickt mit Profi-Musikern. Dazu kamen später auch noch Unterhaltungsorchester. In den 40er-Jahren gab es pro Sprachregion ein Sinfonie- und ein Unterhaltungs-Orchester. 1942 gingen 40 Prozent des SRG-Budgets zulasten der Orchester, die gerade einmal 10 Prozent der Sendezeit bestritten. In den 80er-Jahren strich die SRG praktisch sämtliche Orchester raus. Heute ist von den nur noch das «Orchestra della Svizzera italiana» übrig.

Während die Orchester nach der Kriegszeit grosse Beliebtheit genossen, war die gesprochene Unterhaltung in den Radio-Sendern bei der Bevölkerung als spröde und langweilig verschrien. «Schnörrisender» nannte man sie im Volksmund. Die Langeweile hatte Gründe: Die SRG befand sich im eisernen Griff kalter Krieger. Witze gegen Autoritäten, freche Sendungen, neue Konzepte: unerwünscht. «Bis in die 50er-Jahre herrschte in der SRG ein sehr elitäres Unterhaltungsverständnis vor», sagt Theo Mäusli, Historiker, der sich um die Archive der SRG kümmert.

Kurt Schenker, Radiopionier und von 1926 bis 1962 Direktor des Radiostudios Bern, brachte die damalige Haltung mit folgender feingeistiger Aussage auf den Punkt: «Wir entschieden uns für Jeremias Gotthelf und nicht für Bert Brecht, wir wählten Schubert und nicht den Neger Armstrong, weil der Mensch über der Hast des Tages das Grosse von gestern nicht vergessen darf.»

Teleboy und Neger Armstrong

Die Zeiten änderten spätestens in den 60er-Jahren. In einer Zeit, in der die SRG durch den TV-Boom personell schlagartig wuchs und die Neueinstellungen junge Menschen in die verstaubten Beamtenstuben spülten. Neger Armstrong war plötzlich doch erwünscht. Und die Zeit der grossen TV-Unterhaltungsshows kam – und mit ihnen die Schweizer TV-Stars. «Dopplet oder Nüt» mit Mäni Weber (1963 bis 1970), oder «Teleboy» mit Kurt Felix (1974–1977; 1980–1981) fegten die Strassen leer. Heidi Abel charmierte sich in die Herzen der Nation. Gute alte Schweizer TV-Zeiten, sagen die Nostalgiker. Heute dagegen: Nur noch aus den deutschen Privaten eingekaufter Schund, so die SRG-Kritiker. Dominik Kaiser, Chef der 3+-Gruppe, formuliert es etwas diplomatischer: «Das SRF programmiert heute sehr viel kommerzieller, gerade in der Unterhaltung, und orientiert sich dabei stark an den Privatsendern.» Nur: Die Konzepte waren schon damals zu Abels- und Webers-Zeiten nicht schweizerisch. «Viele Sendungen der 50er- und 60er-Jahre waren stark vom Ausland inspiriert. Dazu kam eine grosse Anzahl internationaler Co-Produktionen», sagt Historiker Mäusli.

Richtig ist aber: Die Quote ist für das gebührenfinanzierte Fernsehen tatsächlich wichtig. Und zwar exakt seit dem 1. Februar 1965, als der erste Werbespot über den Sender ging. Mehr Zuschauer gleich mehr Werbeeinnahmen. Armin Walpen, Vorgänger von Roger de Weck als SRG-Generaldirektor, fasste die Strategie mit dem Mantra «Kein Service ohne public» zusammen. Fragt sich nur noch, welchen «Service» die «Public» will.