Dokumentarfilm
Vom Bosnienkrieg auseinandergerissen: Was passiert, wenn sich eine Klasse Jahre später wieder trifft?

Vor dem Bosnienkrieg in den 1990er-Jahren gingen ein paar Schüler zusammen in die Schule, danach war nichts mehr wie zuvor. Der Film «Retour à Visegrad» übt sich in Vergangenheitsbewältigung.

Irene Genhart
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Mit einem alten Zastava durchs ehemalige Jugoslawien: Budimir «Budo» sucht Menschen für ein Klassentreffen.

Mit einem alten Zastava durchs ehemalige Jugoslawien: Budimir «Budo» sucht Menschen für ein Klassentreffen.

Box Productions

Der alte Zastava darf wieder einmal aus der Garage. Das Auto war im Jugoslawien der 1980er-Jahre populär. Ein Statussymbol, das 1982 Djemilas Mann Srecko erstand. Er war Lehrer von Beruf und ist inzwischen verstorben; das Paar hat zusammen viele Reisen unternommen. In «Retour à Visegrad» bricht Djemila mit Sreckos bestem Freund, Budimir, im zitronengelben Oldtimer nochmals zu einer Reise auf.

So beginnt der Dokumentarfilm von Julie Biro und Antoine Jaccoud, einer Filmemacherin und einem Filmemacher aus der Westschweiz.

Mit dem Zastava durch das ehemalige Jugoslawien, auf der Suche nach ehemaligen Mitschülern der Klasse 4A.

Mit dem Zastava durch das ehemalige Jugoslawien, auf der Suche nach ehemaligen Mitschülern der Klasse 4A.

Box Productions

Budimir trägt den Übernamen Budo und war Direktor der Schule, an welcher Srecko unterrichteten (der Übersichtlichkeit halber verzichtet dieser Text auf Nennung der Nachnamen). Zusammen mit Djemila will Budo die von Srecko unterrichtete 4.­Klasse, die 1992 durch den Bosnienkrieg abrupt auseinandergerissen wurde, zu einem Treffen einladen. Kreuz und quer durch das ehemalige Jugoslawien fahren die beiden auf der Suche nach den ehemaligen Schülern. Und sie sind nicht die Einzigen, die in diesem Roadmovie im Auto unterwegs sind.

Die Zeit vor Kriegsausbruch wie ein schwarzes Loch

Da ist, auf dem zweiten Erzählstrang unterwegs, die mit Regisseurin Julie Biro befreundete Mersiha. Sie ist eine von Sreckos ehemaligen Schülerinnen und lebt wie viele der ehemaligen Klasse 4A seit Jahren im Ausland. Sie besucht in Visegrad ab und zu den Friedhof, fühlt sich dem Ort, an dem sie die ersten Jahre ihres Lebens verbrachte, aber nicht verbunden, und ihre Klassenkameraden hat sie seit 1992 nicht wiedergesehen.

Sie waren Kinder ohne Ahnung von ethnischen Gruppen, von Bosniern und Serben, Muslimen und Christen. Das Klassenfoto zeigt die Schüler vor dem Krieg.

Sie waren Kinder ohne Ahnung von ethnischen Gruppen, von Bosniern und Serben, Muslimen und Christen. Das Klassenfoto zeigt die Schüler vor dem Krieg.

Box Productions

«Wir waren damals unschuldige Kinder», sagt Mersiha. ­Kinder ohne Ahnung von Politik, ethnischen Gruppen, von Bosniern, Serben, Christen und Muslimen, so die Frau.

Sie wurde im April 1992 mit ihrer ­Mutter deportiert, Mersihas Bruder kam in einem Lager zur Welt, ein Teil ihrer Familie liess im Krieg das Leben. Mersiha kann sich ans Lager erinnern, die Zeit davor aber ist für sie ein schwarzes Loch. Als sie im ­September 2018 zum Klassentreffen aufbricht, hofft sie, dass kein Hass aufkommt und die ehemaligen Klassenkameraden miteinander über die Vergangenheit reden können.

Traumatische Erlebnisse hinter sich gelassen

Die zwei Filmemacher Biro und Jaccoud haben die beiden Reisen lose ineinander verwoben. Mersihas Erzählung vermischt sich dabei mit dem, was Djemila und Budo anderswo bei ­Besuchen in ­Gesprächen mit Mersihas einstigen Schulkameraden erfahren.

Es ist, auch wenn oft nur in An­deutungen erwähnt, Traumatisches, was den Betroffenen widerfuhr. Sie seien, sagen die einen, damals über Nacht erwachsen geworden. Andere fügen an, der Krieg habe sie um ihre Jugend betrogen. Doch bis auf einen der ehemaligen ­Schüler, haben sich alle mit ihrem Schicksal arrangiert und im Leben Tritt gefasst. Einige wenige leben noch immer oder wieder in Visegrad.

Sie alle empfangen Djemila und Budo höflich und mit ­Respekt. Viele von ihnen waren bereit, sich bei den Begegnungen filmen zu lassen, soweit man als Zuschauer mitbekommt, nehmen auch alle die Einladung zur Klassenzusammenkunft an. Am 18. September 2018 tauchen in Visegrad trotzdem bloss neun der 28 Schüler der ehemaligen Klasse 4A auf.

Von der humanitären Hilfe zum Filmprojekt

Julie Biro – sie ist Historikerin und war viele Jahre in der humanitären Hilfe tätig – und der als Drehbuchautor bekannte Antoine Jaccoud haben «Retour à Visegrad» mit sorgfältiger ­Zurückhaltung, grossem Einfühlungsvermögen und spürbarem Engagement gefertigt.

Sie lassen ihren Protagonisten Zeit. Spüren in fotografisch ­immer wieder überraschend schönen und ruhigen Bildern – in ­übrigens auch prächtigen Landschaftsaufnahmen – persönlichen Schicksalen und historischen Ereignissen nach, über die zu reden schwierig ist, aber nottut.

Nicht nur für direkt Betroffene, die im Film zu Wort kommende Generation der um die Unbeschwertheit ihrer Kindheit und Jugend Betrogenen und ihre Familien. Denn die Jugoslawienkriege, welche die politische Landkarte des Balkans in den 1990er-Jahren radikal veränderte, hinterlassen bis heute schmerzende Erinnerungen. Und auch wenn im Einzelfall Vergessen und Verdrängen traumatischer Erlebnisse probate Strategien sind, die Gesellschaft als Ganzes hat kriegerische Ereignisse, nachgerade wenn ihre Spuren in die ganze Welt hinaus führen, aufzuarbeiten und daraus zu lernen. Dieser Film, obwohl in vielem bruchstückhaft, bietet dazu Gelegenheit.

«Retour à Visegrad» (CH 2020, 90 Min.); Regie: Julie Biro und Antoine Jaccoud; ab Donnerstag im Kino.

Hier geht's zum Trailer: