Kino
Unter dem Hut nichts Neues

«Beuys», der erste Kino-Dokumentarfilm über den Grosskünstler, ist stark – blendet aber zu viel Wichtiges aus.

Mathias Balzer
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Joseph Beuys wusste sich zu inszenieren. Er war einer der wirkungsmächtigsten Künstler des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Ute Klophaus/zeroonefilm

Joseph Beuys wusste sich zu inszenieren. Er war einer der wirkungsmächtigsten Künstler des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Ute Klophaus/zeroonefilm

Ein Mann mit Hut, langem Mantel und Stiefeln pflanzt eine Eiche. Ein Mann mit Spazierstock, in eine Filzdecke gehüllt, spielt mit einem Kojoten. Derselbe Mann steht vor einer vollgekritzelten Wandtafel und spricht ununterbrochen. Joseph Beuys wusste sich zu inszenieren. Er war einer der wirkungsmächtigsten Künstler des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Die Publikationen zu seinem Werk füllen Bücherregale. Umso erstaunlicher ist es, dass es bisher nur drei Dokumentarfilme über Beuys gab.

Der deutsche Theater- und Filmregisseur Andres Veiel hat nun die erste Dokumentation gedreht, die auch fürs Kino gedacht ist. Für «Beuys» führte Veiel während dreier Jahre über 60 Interviews mit Zeitzeugen, sichtete 400 Stunden Archivmaterial, 300 Stunden Tondokumente und über 20 000 Fotos. Das Resultat ist eine äusserst verdichtete Collage aus diesen Elementen, die zu 90 Prozent aus Archivmaterial besteht, vieles davon bisher unveröffentlicht.

Beuys’ Formel «Jeder ist ein Künstler» ist der am meisten missverstandene Satz des Performers, Bildhauers, Zeichners und Kunsttheoretikers. «Jeder ist ein Künstler» meint nicht, dass jeder ein Dichter, ein Bildhauer, ein Maler ist. Der Satz meint, dass jeder Mensch durch alles, was er tut, an der «Sozialen Plastik» teilnimmt. Diese steht für die gesamte Gesellschaft. Würde die soziale Plastik Wirklichkeit, wäre jeder aus freien Stücken daran beteiligte Mensch Teilnehmer an diesem Gesamtkunstwerk – ergo ein Künstler. Beuys postuliert damit eine Kunst jenseits des Kunstsystems. «Ich bin nicht dazu da, diese faulen, stinkenden Systeme noch zu dekorieren», sagt er an einer Stelle des Films.

Virtuos montierte Collage

Regisseur Veiels virtuos montierte Collage lässt Beuys über weite Strecken selbst zu Wort kommen. Wir sehen und hören ihn in Interviews, in Streitgesprächen, als Dozenten. Grandios: seine nur aus gutturalen Lauten bestehende Rede vor den Würdenträgern der Kunstakademie Düsseldorf, von der er bald darauf suspendiert wird.

Wichtige Weggefährten kommen zu Wort: sein früherer Meisterschüler Johannes Stüttgen, der Grafikdesigner und Karikaturist Klaus Staeck, die Kunsthistorikerinnen Caroline Tisdall und Rhea Thönges-Stringaris sowie sein Förderer und Sammler, Franz Joseph van der Grinten. Der Film zeigt einige von Beuys’ berühmten Aktionen. Wie er, den Kopf mit Blattgold bedeckt, dem toten Hasen seine Bilder erklärt oder wie er Eichen- und Steinstelen pflanzt oder sich in New York in einem Krankenwagen vom Flughafen in die Galerie fahren lässt, um dort eine Woche mit dem wahren Ureinwohner Amerikas, einem Kojoten, zu sprechen.

Tief ins Familienalbum lassen Fotografien und Filmaufnahmen aus seiner Jugend in Kleve blicken. Später folgt Beuys als strammer Fliegerpilot. Sein Absturz, seine Rettung durch Krimtataren, den Mythos, den der Künstler daraus schuf. Ebenso Platz erhalten seine Jahre als erfolgloser, von schweren Depressionen heimgesuchter, klassischer Zeichner und Bildhauer. Und Jahre später sein Engagement bei der Gründung der Grünen in Deutschland.

Unkritische Nähe

Veiels Film ist nah dran. Beuys’ mal entrückter, mal schalkhafter, mal trauriger Blick ist während der gesamten 100 Filmminuten präsent. Ebenso sein eulenspiegelhaftes Lachen. Zum Ende sehen wir einen Beuys, der total erschöpft ist von all den Ausstellungen, Medienanfragen, politischen Kämpfen. Er verschleisst sich und seinen Körper offenen Auges. «Wär ja schlecht, wenn der Mensch nicht verschlissen wäre, wenn er stirbt», sagt der Kettenraucher grinsend in die Kamera.

31 Jahre nach dem Tod des Künstlers ist diese Dokumentation eine wichtige Erinnerungsarbeit. Sie bietet einen kraftvollen Einstieg in Beuys’ Welt und seine Zeit. Was der Film nicht leistet und wohl auch nicht leisten will, ist eine kritische Einordnung dieser Künstlerfigur. Aus zeitlicher Distanz wirken Beuys’ schamanistischer Künstlergestus und sein Hang zum Gesamtkunstwerk auch befremdlich. Kritische Biografien wie «Flieger, Filz und Vaterland» von Frank Gieseke und Albert Markert haben den Zusammenhang von nationalsozialistischer Prägung und Heilsversprechen durch den Künstler Beuys schon lange aufgearbeitet.

Veiel lässt diese Kritik bewusst weg. Ebenso verschweigt uns sein Film, woher Beuys’ künstlerisches und politisches Denken kommt. Der Film suggeriert, dass Beuys’ Gedankenwelt mir nichts, dir nichts aus dem Abgrund seines Kriegstraumas entstanden ist. Beuys’ Welt aus Filz, Kupfer, Fett und Wandtafeln hat jedoch konkrete Hintergründe. Der Künstler hat früh erkannt, welche gedankliche Kraft in Marcels Duchamps Antikunst aus Pissoir, Schneeschaufeln und Flaschentrocknern innewohnt. Ebenso hat er Rudolph Steiner sehr genau studiert. Seine Wandtafelbilder hat Beuys direkt beim Anthroposophen abgeschaut, bei dessen Gesellschaft er Mitglied war. Keine unwesentliche Information, um diese zwischen Natur und Menschen vermittelnde Kunst zu verstehen.

Wenn Beuys im Film sagt: «Wir müssen beim Geld ansetzen. Die Macht des Geldes muss gebrochen werden», so wär es doch interessant zu erfahren, was er über das plakative Statement hinaus genau meint. Seine Theorie des zinslosen Geldes geht auf den anarchistischen Finanztheoretiker Silvio Gesell zurück. Dieser hat die Freiwirtschaftsbewegung und die Freigeldexperimente geprägt. Es bleibt in Sachen Beuys also noch durchaus Platz für weitere Filme.

Beuys (D 2017) 107 Min. Regie: Andres Veiel. Ab Donnerstag, 1. Juni, im Kino. 5 Sterne

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