Tim Fehlbaum
Endlich wagt sich ein Schweizer Regisseur an Science Fiction – sein Film «Tides» überzeugt auch international

Der Basler Regisseur Tim Fehlbaum zeigt Mut und legt ein Science-Fiction-Epos vor. Was das mit einem Hochzeitsvideo für eine Ikone des Genres zu tun hat.

Daniel Fuchs
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Findet Leben auf einer Erde, die sie kaum wiedererkennt: Blake (gespielt von Nora Arnezeder) in «Tides».

Findet Leben auf einer Erde, die sie kaum wiedererkennt: Blake (gespielt von Nora Arnezeder) in «Tides».

Bild: VegaFilm

Eines tut der Schweizer Film besonders gern: Er grübelt in der Vergangenheit. Das belegen «Die göttliche Ordnung» (2017) über den Kampf der Frauen in den 1970ern für Mitbestimmung oder die TV-Serie «Frieden» (2021) über die Schweiz im Zwiespalt in der unmittelbaren Nachkriegszeit 1945 eindrücklich. Mit Science-Fiction hingegen, einem kritischen Blick in die Zukunft zum Beispiel in Form einer Dystopie, tun sich hiesige Filmemacher schwer.

Tim Fehlbaum Schweizer Regisseur

Tim Fehlbaum
Schweizer Regisseur

Bild: Jean-Christophe Bott / Key

Tim Fehlbaum ist da die Ausnahme. Mit «Hell» legte der 39-jährige Basler vor zehn Jahren sein Debüt vor. Nun läuft im Kino sein Zweitling «Tides», mitproduziert von Roland Emmerich («Independence Day», «Godzilla»).

So viel sei verraten, «Tides» überzeugt durch eine sehr eigene Handschrift und Bildsprache und lohnt sich. Dass der Film auf einen internationalen Markt abzielt, zeigt der Umstand, dass in Englisch gedreht worden ist.

Wir treffen Tim Fehlbaum in einer Zürcher Bar zum Gespräch. Dort erklärt er uns, was ihn am Genre Science-Fiction fasziniert:

«Ich kann so eine ganz eigene Fantasiewelt erschaffen, in die der Kinobesucher eintaucht.»

Noch vor der Geschichte habe er diese visuelle Vorstellung gehabt.

Endzeit: Was, wenn Überlebende auf Überlebende treffen?

Worum es geht: Eine Crew um die Astronautin Blake (gespielt von Nora Arnezeder) wird von einer ins All geflüchteten Elite losgeschickt zur Erde, um herauszufinden, ob eine Rückkehr möglich ist. Denn fernab der Erde sind die Mitglieder der Gemeinschaft unfruchtbar geworden. Auf der Erde, die in der Zwischenzeit hoffentlich wieder bewohnbar ist, könnte sich die Spezies Mensch wieder reproduzieren, so die Hoffnung.

Der Trailer zu «Tides».

Quelle: Youtube

Blake überlebt nach dem Aufprall ihrer Raumkapsel auf der Erde. In einer unwirtlichen und immer wieder von der Flut heimgesuchten Gegend trifft sie alsbald auf andere Überlebende ihrer Spezies. Sie waren auf der Erde geblieben und haben Kinder. Doch stehen sie in einem brutalen Krieg mit einer anderen Gruppe Überlebender.

Tim Fehlbaum treibt die Vorstellung «was wäre wenn» zu seiner pessimistischen These, dass Menschen auch in der Endzeit nicht davor gefeit sind, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Es geht um Kolonialismus, die Erdlinge werden unterjocht. Im damit einhergehenden Zivilisations- und Technologieglauben liegt nur die eine Ebene dieses Films.

Die andere, die lebensfeindliche Umgebung, die Blake auf der Erde antrifft, ist diese: Vor der Katastrophe lebenswerte Landstriche wurden unbewohnbar, und so haben sich die letzten Menschen auf Schiffswracks zurückgezogen, die in einer Gegend liegen, die wegen des gestiegenen Meeresspiegels von extremen Gezeiten geprägt ist. Die Welt, die die Ebbe zum Vorschein bringt, ist sumpfig und neblig. Die Protagonisten waten durch den Schlick, müssen vor einbrechendem Wasser auf die gestrandeten Meereskolosse flüchten.

Drehen im Wattenmeer: Szene am Set.

Drehen im Wattenmeer: Szene am Set.

Bild: Gordon Timpen

Echte Schiffswrackmenschen als Inspiration

Inspiriert wurde Fehlbaum von einem Dokumentarfilm des Österreichers Michael Glawogger, sagt er. Der Film handelt unter anderem von Männern, die in einer Meeresbucht in Pakistan riesige Meeresfrachter abwracken, das meiste von Hand, ohne grosses Gerät. «Unmenschlich», nennt es Fehlbaum.

«Ich wollte dieses archaisch-apokalyptische Element unbedingt ­visuell aufgreifen in meinem Film.»

Den perfekten Ort zum Dreh fanden Fehlbaum und die Crew um die Schweizer Filmproduzentin Ruth Waldburger im norddeutschen Wattenmeer. Der Zuschauer soll sich fühlen, als wäre er dort: durchnässt und durchfroren. «Wir selbst waren auch ständig nass und standen mit der Kamera im Wasser.»

Wie man es unter die Fittiche von Genre-Ikone Roland Emmerich schafft

Zuerst wollte Fehlbaum den Film komplett im Wattenmeer drehen. «Es war wie ein Wahn von mir, doch die Produktion setzte sich glücklicherweise durch.» Der grösste Teil der Aufnahmen entstand im Studio, freilich mit viel Wasser. Die Aufnahmen im Wattenmeer seien jedoch zentral, findet Fehlbaum:

«Der physische Aufwand, den eine Crew beim Dreh auf sich nimmt, spiegelt sich im Kinosaal auch beim Publikum stärker, als wenn man die Lebensbedingungen via Computereffekte erzeugt.»

Das sieht man dem Film an, es kommt ein Gefühl auf, das auch beim Überlebenstrip des von Leonardo DiCaprio gespielten Jägers durch die Bäche und Sümpfe Nordamerikas in «The Revenant» entsteht.

Ikone des Genres: Roland Emmerich anlässlich einer Premiere 2016.

Ikone des Genres: Roland Emmerich anlässlich einer Premiere 2016.

Bild: Jordan Strauss / Invision/AP/Invision

Fehlbaum studierte Film in München an derselben Schule wie einst Roland Emmerich. Wie kam es zur Zusammenarbeit? Fehlbaum erzählt, wie er und sein Produzent schon für «Hell» bei ihm angeklopft hatten. Erfolglos, Emmerich hatte keine Zeit. «Dann fragte Emmerich meinen Produzenten, den er gut kannte, ob er ihm jemanden empfehlen könne, der von der Hochzeit seiner Schwester ein Video drehen könnte», erzählt Fehlbaum.

Das Duo erkannte seine Chance. Fehlbaum griff nach dem Strohhalm, der ihm gereicht wurde, und filmte die Hochzeit. «Wir wollten es richtig gut machen», sagt er. Emmerich sah das Video, der Rest ist Geschichte.

Hinweis: «Tides» (D 2021, 104 Minuten; Regie: Tim Fehlbaum; im Kino.

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