Komödie
«The Interview»: Hollywood legt sich mit Nordkorea an

In der Hollywood-Komödie «The Interview» töten Amerikaner den nordkoreanischen Machtführer Kim Jong Un. Der Streit rund um den Streifen bot mehr Zündstoff als nun der Film.

Lory Roebuck
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Ein Despot mit Vaterkomplex: Kim Jong Un (Randall Park) und seine Schergen in «The Interview».

Ein Despot mit Vaterkomplex: Kim Jong Un (Randall Park) und seine Schergen in «The Interview».

Columbia Pictures

Kaum ein Film, der schon Monate vor seiner Veröffentlichung derart für Gesprächsstoff gesorgt hat. Er sei «ein Akt des Krieges», wehklagte ein Delegierter Nordkoreas im Juli vor der UNO – «Meinungsfreiheit!», brüllten die Amerikaner zurück. Es war, als würden sich Kleinkinder mit Spielsachen bewerfen.

Streitpunkt war der Hollywoodfilm «The Interview», in dessen Verlauf die beiden Blödelkomiker Seth Rogen und James Franco einen Mordanschlag auf Kim Jong Un verüben. Die Regierung des nordkoreanischen Despoten war brüskiert – und versprach gnadenlose Vergeltung. Rogen, der beim Film auch Regie führte und das Drehbuch schrieb, entgegnete auf Twitter: «Normalerweise wollen mich Leute erst umbringen, nachdem sie 12 Mäuse für den Kinoeintritt bezahlt haben.» Perfekte Publicity für den Film, sollte man meinen. Doch der bizarre Konflikt hat auf allen Seiten bloss Verlierer hervorgebracht.

Nordkorea versus Hollywood

Die Vergeltung kam, und sie war – der Vergleich sei erlaubt – glücklicherweise nicht von ähnlichem Ausmass wie bei «Charlie Hebdo». Trotzdem entstand erheblicher Schaden. Eine Hackergruppe griff Ende November die Computersysteme des zuständigen Filmstudios Sony an und machte heikle Daten im Netz öffentlich zugänglich: die Löhne der Stars, private E-Mails zwischen Studiobossen, das Script zum neuen James-Bond-Film und sogar digitale Kopien unveröffentlichter Kinofilme wie «Annie» oder «Fury».

Die vom FBI vermutete Verbindung zwischen Nordkorea und den Hackern konnte bislang nicht belegt werden. Die Gruppe drohte aber jenen Kinos, die «The Interview» zeigen wollten, mit terroristischen Anschlägen – worauf in den USA alle grossen Kinoketten einen Rückzieher machten. Der Film, der fast 50 Millionen Dollar gekostet hatte, spielte nicht mal 7 Millionen Dollar ein. Nur dank Zusatzeinnahmen aus Streaming-Diensten, die den Film zur Online-Miete feilboten, kommt Sony jetzt immerhin auf eine Nullrechnung.

Keine Bedenken in der Schweiz

In der Schweiz ist «The Interview» ab morgen an 25 Standorten zu sehen, was einem mittelgrossen Start entspricht. Bedenken habe man keine, sagt der Schweizer Verleiher Sony Pictures auf Anfrage: «Bis jetzt haben wir noch keine negativen Rückmeldungen von den Kinobetreibern erhalten.»

Dass «The Interview» seit über einem Monat mühelos und in perfekter Qualität im Internet zu finden ist, nimmt man gelassen: «Der Film wurde für die grosse Leinwand produziert. Unser Ziel ist es, dieses Erlebnis den Kinogängern zu ermöglichen.»

Jene Kinogänger, die sehen wollen, was sich hinter all dem aufgewirbelten Staub verbirgt, sind schlussendlich aber die wahren Leidtragenden. Um bei «The Interview» mitzulachen, muss einem schon dickflüssiger Fäkalienhumor munden. Zwar hat das Kino als Blickrichter auf die schlimmsten Absurditäten der Welt seine Legitimität, und Persiflagen grosser Diktatoren haben filmische Tradition (siehe Box rechts); der Versuch von Seth Rogen und seinem Team geht aber in die Hose. Weil sie das Prinzip der Karikatur missverstanden haben: Während die Rollen von Rogen und James Franco slapstickartig überzeichnet sind, ist Kim Jong Un im Film ein scheuer Katy-Perry-Fan mit Vaterkomplex. Statt seine markanten Eigenschaften zu übertreiben und darüber zu lachen, vermenschlichen Rogen und Co. den grossen Diktator – und sprengen ihn dann in die Luft. Wer das macht, kann sich nicht hinter dem Vorwand einer Persiflage verstecken.

The Interview (USA 2014) 112 Min. Regie: Evan Goldberg, Seth Rogen. Mit James Franco, Seth Rogen, Randall Park u. a. Ab morgen im Kino.

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