Analyse
Suizidhilfe: Fernsehzuschauer sollen Gott spielen – warum das SRF aber die falsche Frage stellt

Das Publikum soll darüber urteilen, ob ein gesunder Mensch Suizidhilfe in Anspruch nehmen kann. Die Antwort ist überdeutlich. Mit der Frage von SRF konnten sich die Zuschauer aber allzu bequem aus der Affäre ziehen.

Daniel Fuchs
Daniel Fuchs
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Erklärt seinen Fall: Matthias Habich in «Gott» als lebensmüder Richard Gärtner (links) und sein Rechtsanwalt Biegler , gespielt von Lars Eidinger.

Erklärt seinen Fall: Matthias Habich in «Gott» als lebensmüder Richard Gärtner (links) und sein Rechtsanwalt Biegler , gespielt von Lars Eidinger.

SRF

70 Prozent der Fernsehzuschauer in der Schweiz und in Deutschland würden einer lebensmüden, aber gesunden Person, die Todespille abgeben. Das war die Antwort des SRF- und ARD-Publikums am Montagabend im länderübergreifenden Themenschwerpunkt «Gott» über die Suizidhilfe. Die Frage an das Fernsehpublikum lautete eigentlich: Wären Sie Arzt, würden Sie beim Suizid assistieren? Selbst bei einer kerngesunden 30-jährigen Frau, die nicht mehr Leben will? Nur, das SRF stellte die Frage nicht so.

Der fiktive Fall eines lebensmüden aber rüstigen 78-Jährigen

Der Reihe nach. Grundlage des Themenschwerpunkts war ein Fernsehfilm nach dem Theaterstück von Ferdinand von Schirach. Darin geht es um einen rüstigen 78-Jährigen, der von seiner Hausärztin Beihilfe zum Suizid verlangt. Der Mann leidet an keinem ernsthaften Gebrechen, auch keine psychische Krankheit ist diagnostiziert. Und er ist vollkommen bei sich, urteilsfähig also.

Nur im Weiterleben erkennt er keinen Sinn mehr, seit seine Frau qualvoll, voller Medikamente und angeschlossen an Schläuchen, verstorben ist. Keinesfalls will der Mann enden wie sie. Er ist überzeugt von einem selbstbestimmten Leben. Diese Selbstbestimmtheit ist ihm auch im Sterben wichtig.

Sein fiktiver Fall landet vor dem deutschen Ethikrat in Berlin und die Frage, soll ein gesunder Mensch Suizidhilfe erhalten, wird debattiert aus medizinischer, juristischer und religiöser Sicht.

Deutsche Schauspieler, deutsches Recht, deutsche Produktionsfirma – der fiktive Fall ist sehr deutsch. Zeitgleich mit dem «Ersten» in Deutschland strahlte ihn SRF in der Schweiz aus. Gefolgt von einem «Club Spezial», moderiert von Barbara Lüthi.

Zum Schluss des Spielfilms wandte sich die Vorsitzende des Ethikrats direkt an die Zuschauer:

«Wie würden Sie entscheiden? Hat der 78-Jährige das Recht auf Suizidhilfe? Würden Sie ihm als Arzt das tödliche Medikament verschreiben und würden Sie gleich entscheiden bei einer 31-Jährigen, die noch ihr ganzes Leben vor sich hat?» Diese Fragen, so die Schauspielerin, müssten die Zuschauer bei ihrem Entscheid bedenken.

Hier liegt der springende Punkt. SRF-Frau Barbara Lüthi machte daraus zu Beginn ihres «Club Spezial» die verkürzte Frage: «Soll das tödliche Medikament abgegeben werden?» Das Tele-Voting bezog sich darauf und direkt auf den fiktiven Fall des lebensmüden, todunglücklichen 78-Jährigen. Und mehr als zwei Drittel der abstimmenden Zuschauer bejahten.

Wie selbstbestimmt darf ein Mensch sterben? Die Diskussion im SRF-Club:

Aus Straffreiheit für Suizidhelfer leitet sich kein Recht auf Suizidhilfe ab

Sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland ist der begleitete Suizid nicht strafbar. Selbst dann, wenn der Selbstmörder kerngesund ist, physisch wie psychisch. Nur: Ein daraus abgeleitetes Recht gibt es nicht. Für Ärzte – und nur sie schaffen Zugang zur «Todespille» – gibt es keine Pflicht zur Suizidhilfe. Bei ihnen gilt das Prinzip der Freiwilligkeit.

Selbst die Sterbehilfeorganisation Exit, in der Schweiz die grösste, schliesst Suizidhilfe bei gesunden Menschen aus. Dies machte Exit-Präsidentin Marion Schafroth in der «Club»-Diskussion klar.

Der ehemalige Tessiner SP-Nationalrat und Krebsarzt Franco Cavalli, selbst 78, machte demgegenüber deutlich, dass sich Ärzte immer finden lassen, die das tödliche Medikament abgeben würden. Er selbst habe in einem ähnlichen Fall wie dem oben beschriebenen schon assistiert. Und er würde es wieder tun.

Würden zwei Drittel wirklich das tödliche Medikament selbst abgeben?

Die überwiegende Mehrheit der Zuschauer sah es am Montagabend ähnlich wie Cavalli. Medial werden Vorwürfe laut, der gewählte Themenschwerpunkt über die Suizidhilfe sei angesichts der Übersterblichkeit wegen der Coronapandemie zynisch. Das ist Blödsinn. Film und Diskussionsrunde boten viel Tiefe und führten wohl bei nicht wenigen TV-Zuschauern dazu, dass Gewissheiten hinterfragt wurden. So auch bei mir.

Die Frage, ob ich die Straffreiheit für assistierten Suizid selbst bei gesunden, aber lebensmüden Menschen unterstützen würde, bejahe ich ganz klar. Nur schon dafür, dass solche Menschen Ansprechpartner finden und nicht dazu getrieben werden, sich von einer Brücke oder vor einen Zug zu werfen.

Doch aus der richtig heiklen Frage - würde ich als Arzt das tödliche Medikament verabreichen? - aus dieser Frage würde ich mich lieber raushalten. Das mag feige sein, im Falle des 78-Jährigen und erst recht im Falle einer 30-Jährigen. Aber um diese Frage geht es letztlich. Denn am Schluss braucht es einen Arzt, der assistiert.

Mit der nur halbbatzig gestellten Frage von SRF konnten sich die SRF-Zuschauer aber allzu bequem aus der Affäre ziehen.