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Schwarzer Jesus, schwere Kost: Was taugt die Neuverfilmung der Passionsgeschichte von Milo Rau?

Pünktlich zu Ostern gibt es einen Passionsfilm als moderne Gesellschaftskritik. Mit seinem Dok-Spielfilm-Hybrid zieht Regisseur Milo Rau sämtliche Register, gibt in Süditalien gestrandeten Flüchtlingen eine Plattform – und geht einigen gewaltig «auf die Eier».

Daniel Fuchs
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Schwarzer Jesus, meist muslimische Jünger: Szene des letzten Abendmahls in «Das neue Evangelium» von Milo Rau.

Schwarzer Jesus, meist muslimische Jünger: Szene des letzten Abendmahls in «Das neue Evangelium» von Milo Rau.

Bild: ho/Armin Smailovic

Als Übungsobjekt dient ein dunkelfarbiger Plastikstuhl. Ein kräftig gebauter Mann, verschwitzter Oberkörper, drischt auf ihn ein. Schlägt und redet sich in Rage. Flucht, bespuckt den Stuhl und geizt auch nicht mit obszönen Gesten. Der Mann ist Laiendarsteller, Italiener, aus der süditalienischen Stadt Matera. Der dunkle Stuhl steht für den gefolterten, misshandelten Jesus, ehe er ans Kreuz genagelt, hingerichtet wird. In Matera ist Jesus ein Schwarzer, gespielt von einem einst Eingewanderten aus Kamerun, dem in Italien bekannten Menschenrechtsaktivisten Yvan Sagnet. Auch er ein Laiendarsteller.

In «Das neue Evangelium» des Schweizer Regisseurs Milo Rau hat Sagnet die Hauptrolle. Uraufgeführt wurde er letztes Jahr in Venedig, eben erst erhielt er den Schweizer Filmpreis als bester Dok und läuft nun pünktlich auf Ostern im Streaming.

Rau in einer Reihe mit Pasolini und Mel Gibson

Raus Osterpassion hat es in sich. Monumental waren schon Pier Paolo Pasolinis «Das 1. Evangelium – Matthäus» von 1964 und Mel Gibsons «Passion Of The Christ» von 2004. Milo Raus Jesus-Film ist die logische Ergänzung dieser Reihe.

Nicht nur wegen Matera, dieser Mittelalterstadt in der italienischen Basilicata, die schon Pasolini und Gibson als perfekte Jerusalem-Kulisse diente. Nicht nur, weil es Rau gelang, den Jesus-Darsteller aus dem Pasolini-Film Enrique Irazoqui (verstorben im Herbst 2020) für eine Rolle als Johannes der Täufer und die Maria-Darstellerin Maia Morgenstern aus dem Mel-Gibson-Film zu gewinnen.

Rau gelingt es, die Passionsgeschichte ins Hier und Jetzt zu holen und gleichzeitig heftige Gesellschafts- und Kapitalismuskritik im Zusammenhang mit der anhaltenden Flüchtlingskrise auf dem Mittelmeer zu üben. Als wäre das nicht genug, trägt der damit entstandene Politaktivismus sogar Früchte für die geflüchteten und in der süditalienischen Provinz gestrandeten Menschen.

Die Leidensgeschichte Jesu als moderne Revolte

2019 war Matera europäische Kulturhauptstadt. Rau wurde angefragt für eine Inszenierung. Er sagte zu, kam nach Matera, sah die vielen Flüchtlingslager in der Gegend und beschloss, die Themen miteinander zu verweben. Rau stellte fest:

«Es ist von grosser Ironie, dass Matera, die Kulturhauptstadt Europas 2019 und das ‹Jerusalem› des Weltkinos von Flüchtlingslagern umzingelt ist.»

Und fragte sich:

«Wo könnten die Widersprüche des modernen Europas sichtbarer sein als hier, und was wäre sinnvoller, als in dieser so unglaublich schönen wie armen Region einen politischen Jesus-Film zu drehen, in dem biblische Erzählung und echte Revolte ineinanderfliessen?»

Und so tat er sich mit dem Aktivisten Yvan Sagnet zusammen, der mit seiner Erfahrung als Tomatenpflücker 2011 eine Revolte der Feldarbeiter angezettelt hatte. Dieser spielt in der Passionsgeschichte Raus nun den ersten dunkelhäutigen Jesus der Filmgeschichte. In den prekären Behausungen der als Tomaten- und Orangenpflücker arbeitenden Migranten aus Afrika findet der schwarze Jesus seine Jünger und im Kampf für faire Arbeits- und Lebensbedingungen seine Mitstreiter.

Damit erst entsteht Raus vielschichtige Geschichte, in der Realität und Fiktion miteinander verschmelzen und es zu Szenen kommt, in denen man sich nicht sicher ist, was davon die Realität und was die Fantasie abbildet.

Die Zustände der Flüchtlingslager, die Ausbeutung der Flüchtlinge als billige Lohnarbeiter, die Folterszenen, die Kreuzigung und das alles vor versammelter Touristenschar in der Kulturhauptstadt Matera 2019 geht einem an die Nieren.

Und manch einem «auf die Eier», wie sich ein italienischer Kleinbauer im Film unmissverständlich ausdrückt, der sich den Protesten der Landarbeiter gegen die Ausbeutung und die Profitgier der Grossen angeschlossen hat. Der Bauer enervierte sich, weil der die Proteste durch den Dreh gestört sah:

«Cazzo, ich mache keinen Film, ich organisiere den politischen Kampf, ihr könnt nicht alles auf den Kopf stellen für den Film und mir so auf die Eier gehen.»

Wie viel ist politisches Engagement, wie viel ist Kunst? Immerhin, der Aktivismus, und Rau darf seinen Film als Teil davon verstehen, führte zu einer Verbesserung für die Feldarbeiter. Um Matera entstand eine Reihe neuer Unterkünfte für sie. Und der Abspann zeigt den Aktivisten und «Schwarzen Jesus» Sagnet in einem Supermarkt stolz einen Sugo präsentieren, in dem neben Tomaten faire Arbeitsbedingungen stecken.

«Das neue Evangelium» (D/CH/I 2020, 107 Min.); R: M. Rau. Streaming mit Unterstützung des Lieblingskinos hier: ­dasneueevangelium-film.ch.

Hier geht es zum Trailer:

Trailer zu «Das neue Evangelium».

Quelle: Vinca Film / Youtube